„Den Mutigen ein Gesicht geben“

Spanischer Bürgerkrieg Zweiter Band über Spanienkämpfer erschienen
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Die spanische Republik rief und es kam Albert Santer aus Luxemburg. Der war im November 1936 Tortenbäcker in Brüssel. Santer sagte sich: „ Wenn Madrid jetzt nicht fällt und alles aus ist, dann gehe ich nach Spanien.“ Santer war bei Brunete und der Jarama-Front dabei. Er mahnt : „Ich warne davor, den Spanischen Bürgerkrieg zu romantisieren. Kein Krieg ist romantisch.“ Was Santer von der Nichteinmischung der bürgerlichen Demokratien hält: „Die Franzosen und Engländer haben geschlafen, nicht kapiert, um was es hier ging – nämlich auch um ihr Schicksal.“ Santer beschreibt das Dilemma innerhalb der Linken: „Wenn es um das nackte Überleben ging, kann man sich keine sozialrevolutionäre Experimente erlauben“. Das ist gegen die Anarchisten. „Aber ich bin auch nicht einverstanden, wie die Anarchisten anschließend von den Leuten aus Russland abgestraft wurden, um es mal vorsichtig auszudrücken.“ Das ist gegen die „Hybris“ der Stalinisten. Santer wurde ins Arbeitslager nach Deutschland verschleppt, „hielt das Maul“, und überlebte.

Die spanische Republik rief und es kam Fritz Teppich aus Berlin. Der war September 1936 Koch in Belgien und folgte einer Gruppe Sozialisten ins Baskenland. Nach der Niederlage konnte Teppich in Portugal „überwintern“. Teppich hat ein bemerkenswertes Gespür für die Düsternis der Zeit: „Deutschland hat eine Rückwende erlitten. Ich bin beunruhigt. Vor allen wegen des großdeutschen, eurozentristischen Nationalismus, der heute wieder offizielle Politik bestimmt....Die Situation ist nicht weniger ernst als 1936. Wieder setzen reaktionäre Kräfte zum Sturm an, führen Kriege in aller Welt und betreiben brutalstmöglichen Sozial- und Demokratieabbau.“

Die spanische Republik rief und es kam Mosess Fishman aus New York. Der war 1936 LKW-Fahrer gewesen und hatte schon einen erfolgreichen Streik hinter sich. Aus Spanien brachte Fishman ein geschundenes Bein und eine sanfte Beharrlichkeit mit: „Wir haben nicht gegen Franco und Hitler gekämpft und unser Leben riskiert, um jetzt vor McCarthy zu kapitulieren.“

Karlen Vesper führt zu Beginn des neuen Jahrtausends eine Reihe von Gesprächen mit Interbrigadisten. Mit unbekannten Freunden des spanischen Volkes, und berühmten Persönlichkeiten wie den ehemaligen Vorsitzenden der spanischen KP Santiago Carillo oder Lise Ricol-London, der Frau Artur Londons, der im Slansky-Prozeß verurteilt wurde. Es eint sie eine federnde, elastische Konsequenz und ein Optimismus, der sich des kühlen und kalten Blicks verdankt.

Zu verdanken sind die Erinnerungen dem AV Verlag. Der hatte den tapferen Entschluss, den 80. Jahrestag der Spanienkämpfer zu ehren. Der zweite Band setzt auf Bilder und Dokomente. „Mit Band 1 gaben wir den Mutigen einen Namen, mit Band 2 ein Gesicht.“

Ein paar Kilometer von der Front entfernt ist ein „Wanderzirkus“ unterwegs, wie der russische Schriftsteller Ilja Ehrenburg schreibt. Erst Madrid, dann Valencia, schliesslich Paris. Es ist der Zweite Kongress zur Verteidigung der Kultur. Die Armee des Geistes marschiert auf und sagt, dass die Feder stärker sei als die Kanone. Worüber offiziell nicht gesprochen wird: André Gide war in der Sowjetunion gewesen und hatte die Totenrede auf Maxim Gorki gehalten. Nach der Rückkehr hatte Gide Personenkult und die Prozesse kritisiert. Nun war die Sowjetunion, dass einzige Land, das wenn auch gegen Goldreserven, Waffen geliefert hatte. Egon Erwin Kisch umschreibt, dass es „Ungerechtigkeit auf der Seite des Rechts und Recht auf der Seite der Ungerechtigkeit“ geben könne.

Der Schwung des ersten Treffens ist also dahin. Die Einheitsfront bröckelt. Der Saarkämpfer Gustav Regler wird sich vom Kommunismus abwenden. Arthur Koestler wird „Die Sonnenfinsternis“ schreiben und George Orwell „Mein Katalonien“.

Kein Schriftsteller hätte es gewagt, das Leben des Karl Kleinjung zu erfinden. Es war einfach zu abenteuerlich. Kleinjung war „Kommunist, Spanienkämpfer, Partisan, General“. Im Elend der Weimarer Republik schliesst er sich der Kommunistischen Jugend an. Flieht 1933 nach Holland. Wird abgeschoben und geht nach Belgien. Dann in Spanien beim Thälmann-Bataillon. Leibwächter der Doloroes Ibarruri, der „Passionara“. Und dann in Moskau die pedantische Ausbildung zum Partisan. Bis in die feinsten Schattierungen hinein werden Sprache, Vorlieben und Gesten des Feindes eintrainiert. In Weißrussland wütet die Wehrmacht. Wilhelm Kube, Generalkommissar, ist für die Ermordung von tausenden Minsker Bürger verantwortlich. Kube soll liquidiert werden. Wie in einem Agenthriller deponiert ein Zimmermädchen die tödliche Bombe. Der zweite Auftrag: Dank des Vormarschs der Roten Armee sind deutsche Truppen isoliert und eingekesselt. Nun sollen die Deutschen verleitet werden, Material zu den Versprengten zu liefern. Zwei deutsche Gefangene stellen sich für die Finte zur Verfügung. Sie täuschen per Funkt vor, sie hätten sich in den Wäldern verschanzt und bräuchten dringend Hilfe , um sich zur deutschen Front durchzuschlagen. Das Spiel klappt und es werden „Versorgungsgüter, Funkausrüstungen, Munition und sogar Ärzte“ zur Unterstützung abgesetzt. Kleinjungs dritter Coup gelingt ihm 1962. Damals arbeitete er im Mininisterium für Staatssicherheit. Rudolf Abel, Kundschafter für den Frieden in den USA, wurde enttarnt und soll bei der Potsdamer Glienicker Brücke ausgetauscht werden. Aber niemand kann Abel identifizieren. Wenn die Amerikaner einfach einen fremden Mann ausliefern? Nur Kleinjung erkennt seinen Lehrer von der Partisanenschule wieder und umarmt ihn auf dem schmalen Steg.

Wer die Volksfront will, muss die bürgerliche Mitte umgarnen. Also das „Moskauderwelsche“ (Karl Kraus) lockend und schmeichlerisch übersetzen. Dafür ist der Jurist und Journalist Alfred Kantorowicz bestens geeignet. Er war Nachfolger Kurt Tucholskys als Korrespondent der „Vossischen Zeitung“ in Paris. Kantorowicz gibt in Spanien eine Frontzeitung für die internationalien Freiwilligen heraus. Deren Erfahrungen will er in ein Buch bündeln: „Tschapaiew. Das Bataillon der 21. Nationen“. Kantorowicz montiert quer durch Sprachen, Berufe und Ansichten. Die grösste Schwierigkeit bei der Herausgabe: Die KPD ist nicht damit einverstanden. Die Bügelfalte, die Beamtenmentalität spezifisch deutscher Färbung mischt sich ein. Welch ein Gegensatz zur souveränen Gelassenheit Palmiro Togliattis, des späteren Vorsitzenden der KP Italiens, der wusste, dass die Linke wichtigeres zu tun hatte, als ein möglicherweise nicht parteifrommes Buch zu verhindern.

Für viele Brigadisten führt die Niederlage über die Pyrenäen in die französischen Internierungslager. Eines davon ist Gurs. Wie unter einem Brennglas lassen sich hier die Gegensätze der Linken beobachten. All die Not verstärkt die Spaltung. Innerhalb der Kommunisten spielt das Alter zusätzlich eine Rolle. Unter den erfahrenen Genossen geniesst Willi Münzenberg immer noch einen legendären Ruf. Die Jungen müssen sich nach den Nackenschlägen selbst zur Elite, zu künftig siegreichen Kadern erklären, um zu überstehen und halten an der Parteilinie fest. Erst nach dem Einmarsch der Nazis wird sich Frankreich an den Mut und die Opferbereitschaft der Spanienkämpfern erinnern und diese werden bei der Befreiung der Stadt Paris dabei sein.

Das Buch enthält ausserdem einen bislang unveröffentlichten Bericht Wilhelm Zaissers über die Bais der Freiwilligen in Albacete, das Statut der Internationalen Brigadisten und berichtet über die Mühen der Spanienkämpfer Zuflucht in der Sowjetunion zu finden.

Der AV-Verlag ist dringend auf Spenden angewiesen. Die nobelste Weise ist es, das Buch zu kaufen.

Werner Abel, Enrico Hilbert & Harald Wittstock
„Sie werden nicht durchkommen“
Deutsche an der Seite der Spanischen Republik und der sozialen Revolution.
Bilder und Materialien
unter Mitarbeit von Marguerite Bremer, Peter Fisch, Dieter Nelles und Karlen Vesper,
Band 2
Verlag Edition AV. Lich, 2016. 330 S., br., 24,50 €,
ISBN: 978-3-86841-113-3

08:47 10.01.2017
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