Die Besten müssen springen ...

Nationalsozialismus Die Erinnerungen „Je dunkler die Nacht ...“ des Widerstandskämpfers Friedrich Schlotterbeck sind neu erschienen
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Die Besten müssen springen ...
Friedrich Schlotterbeck, ca. 1930

Foto: VVN/Wikimedia (CC)

Die ersten Monate während der Naziherrschaft reichte ihn die Solidarität von einer Brotscheibe zur nächsten Mietwohnung weiter. Eine der letzten Erinnerung mit Bildern, die vielleicht unserer Zukunft ähneln werden: „Die Erwerbslosen mussten jetzt für ihr Wohlfahrtsgeld arbeiten. Man nannte es Arbeitsbeschaffung. … Sie arbeiteten in Gruppen zu zehn Mann. Der elfte war ein SA-Mann, der ein Gewehr trug.“

Als Schlotterbeck Dezember 1933 ins Gefängnis verschleppt wurde, setzte er sofort eine Liste auf:. Stenographie, Französisch, Clausewitz und Zimmermanns Bauernkrieg. Schließlich hatte die SA Bücher bei einer Hausdurchsuchung mitgenommen. Im Schwäbischen, dort wo Schlotterbeck herstammt, ist Zimmermann immer noch ein Geheimtipp, der an den Schulen nicht erwähnt wird. Fremde Vokabeln notierte sich Schlotterbeck auf die Fingerkuppen. Vorher war die Welt so groß: Amsterdam, Basel, Moskau und Paris, wo er Henri Barbusse kennenlernte. Dann war sie zehn Jahre so klein: 16 Quadratmeter und drei Mithäftlinge.

Gefangene, schrieb Schlotterbeck, erinnern sich nicht an Tage und Monate, sondern an Namen und Ereignisse. „Alles Erlebte wurde tief vergraben.“ In der Zelle galt das Erstgeburtsrecht. Gefängnis, das war Hunger, Totschlag, Arbeit und Schikane. Erst Waldheim, für die politischen Häftlinge noch immer durchleuchtet vom Glanz des Georgi Dimitroff, dann Schutzhaftlager Welzheim, nahe Schlotterbecks Heimat. Unverwüstlich ins Gedächtnis grub sich die Begegnung mit Willi Bleicher, dem späteren Vorsitzenden der baden-württembergischen IG Metall ein. „Die Erzählungen wiederholen sich. Das Ohr ist kein Organ des Aberglaubens.“ Schlotterbeck schreibt wenig über die Jahre der Haft.

Abgeschnitten von Weltgeschehen sickerten nur spärlich Nachrichten. Aber jedem war klar, was in der Sowjetunion geschah: „So? Weißt du überhaupt, was die Unseren dort angerichtet haben? Auch das mit den Juden? Und mit den Kindern? Und du glaubst, dass sie uns schonen werden?“

Unter der Bedingung, für die Gestapo zu arbeiten, wird Schlotterbeck Ende 1943 entlassen. „Braucht das Regime schon seine erbittersten Gegner?“ Schlotterbeck sollte Lockspitzel werden. Junginger von der Gestapo erkundigte sich über die Kriegslage: „Nicht rosig.“ Junginger war eher feinsinnig. Statt des gebräuchlichen „Frontbegradigung“ verwendet er „Wellental“.

Wie anders die Frau des SS-Mannes. Sie kündete ein Blutbad am Ende des Krieges an. Und so etwas Eindeutiges gefiel Schlotterbeck besser als jedes Taktieren der Gestapo. Die kleinen Taten des Abseitsstehens, die Schlotterbeck Mut machten. Dass zur Beerdigung eines Antifaschisten Trauergäste aus weit entfernten Dörfern kamen. Sonntags war der Tag der Flucht für Schlotterbeck. Im Winter skifahren, Bauernhof und pflichtschuldig Tiere bestaunen. Die Kunst als Lebenshilfe: „Weil wir nun nicht mehr zu sparen brauchten, hatte ich mit der Taschenlampe im Hamlet gelesen. Waren auch bei uns alle Argumente – Argumente der Feigheit? Hatten auch wir uns mit dem Untergang abgefunden, so dass es uns schwerfiel, nach der Strähne des Glücks zu greifen?“ Beethovens Fidelio mit seinem Gefangenenchor ertrug Schlotterbeck nicht. Näher rückte die Entscheidung. Ein angeblicher Agent meldete sich. Er sei mit dem Fallschirm abgesprungen. Schlotterbeck und sein Freund umkreisten Nesper, so nannte er sich, überprüften ihn und wägten ab. Die Lage wurde unhaltbar. Schlotterbeck beschloss die Flucht, in die nahegelegene Schweiz eine Woche vor der geplanten Hochzeit.

Drüben über den Rhein leuchtete die Schweiz. Chromblitzende Fahrräder, weiss angestrichene Häuser. Schlotterbeck gelang die Flucht mit Hilfe der Genossen. Zuerst fiel auf auf, dass in Grenznähe auf allen Hinweisschildern der Name fehlte. Damit die „Schwaben“ bei einer drohenden Invasion nicht die Orte fänden. Der Redakteur einer linken Zeitung nahm ihn auf. Die Schweiz war ein „wunderliches Land!“. „Die Wirtin entschuldigte sich umständlich, die Essenszeit sei vorbei, sie könne nur improvisieren.“ Pfeffer und Schnittlauch ruhten auf goldenen Dottern. Am Radio ein Triumph: Die Alliierten sind in der Normandie gelandet.

Nach Kriegsende kehrte Schlotterbeck nach Deutschland zurück. Die Gestapo hatte seine gesamte Familie ermordet. Schlotterbeck wurde Vorsitzender des baden-württembergischen Roten Kreuzes und siedelte Anfang der fünfziger Jahre in die DDR über. Schlotterbeck war ein überaus mutiger und wissbegieriger Mann, der Sätze schrieb, die man nur schwer vergessen kann.

Christa Wolf, die Schlotterbeck gekannt hatte, schrieb das Nachwort. Sie verweist darauf, dass Schlotterbeck in der DDR wegen angeblicher Agententätigkeit zu drei Jahren Haft verurteilt wurde. Bis zu seinem Tod war Schlotterbeck als Schriftsteller und Hörspielautor tätig.

Info

Friedrich Schlotterbeck: Je dunkler die Nacht... Erinnerungen eines deutschen Arbeiters.

Schmetterling Verlag, Stuttgart 2019, 338 Seiten, kartoniert.

ISBN: 3-89657-172-9

22 Euro

16:01 29.08.2019
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