Einer schreibt sich ins Abseits

Geisslers Kamalatta Geisslers „Kamalatta“ ist der grosse, unbekannte Monolith unter den Romanen.
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Christian Geisslers Kamalatta habe ich nicht verstanden. Zu viel Stimmengewirr, zu fremd die Ausdruckskunst. Geissler ist erst mal ein Sprachfex sondergleichen:

„er hatte schon mal, schon beinah im bischofsauftrag, man mag sowas kaum noch für möglich halten, im lieblingsnest von einem messweingroßhändler, gemütlich gehaust für fast lau, der lebte zwar tags in harten geschäften, nachts in viel härteren ängsten aber, in frommer wut unter biblischen blättern, kabbalistischen rätselbüchern, die fragte er klagend nach kindern, nach endlich dem erben fürs fass, …...im apfelbaumstübchen, die winzertochter hildburga wollte für ihn alles tragen, das bischofsfluchen, das ablasssuchen, den kleinen fassrunden sohn, biblisch verschwiegen das kebsweib des herrn.“

Da formuliert sich Geissler vorsätzlich ins Aus. Warum? Kamalatta handelt von einer kleinen Gruppe Linksradikaler in den siebziger Jahren, die zwischen DKP und einer nicht näher benannten „Stadtguerilla'“ rumhampelt. Über die „Rote Armee Fraktion“ schrieb Heinrich Böll, es seien „sechs gegen sechzig Millionen“ gewesen und die DKP erreichte nimmermehr die Massen. Die Linke war und ist eine Minderheit und es gab Isolationshaft. Für diesen Zustand hat Geissler eine sonderbare und abweisende Privatsprache erfunden. Geissler ist der einzige Schriftsteller, den ich kenne, der keinerlei Interesse hat, sich mit dem Leser zu verständigen. Wie leicht wäre es ihm gefallen, einen gutgemeinten Agitprop-Roman runterzugaunern und dafür Beifall in Sachen kritischem Opportunismus einzuheimsen. Geissler ging lieber mit August Stramm auf Patrouille und zischte einen mit Gottfried Benn. Der Stefan-George-Kreis schrieb klein und hielt sich für eine erlesene Schar. Die „RAF“ schrieb klein und hielt sich für die Avantgarde des Proletariats. Geissler ist also keineswegs manieriert. Wortwahl und Satzbau sind angesichts des Themas notwendig. Geisslers Stil isoliert sich, weil Kamalattas Personal in der Gesellschaft isoliert ist. Die Form schmiegt sich an den Stoff. Zudem förderten die Zeitläufe Geisslers pathologische Sprachbeobachtung : Ob man von Baader-Meinhof-Bande, Baader-Meinhof-Gruppe oder „Rote-Armee-Fraktion“ sprach, verriet die Ansicht. Und aus dem bislang unbescholtenen Sympathisant wurde ein Schimpfwort.

„bellend das schaf hütet die hürde des schlächters“ .Jeder kennt: Schimpfend der Hausmeister hütet den Wohnblock des Miethais. Dieser Satz ist Kabarett und gaukelt vor, jemand würde auf uns hören. Aber begeisterter Jagdeifer strich Gesichter auf den Fahndungsplakaten durch. Gepriesen wurde und wird der „terror der eigentumsordnung“ von jenen, die wenig besitzen.

Schon früh in den siebzigern Jahre ahnte Geissler, dass uns die Markenwelt überfallen und die Köpfe kontrollieren wird. Der Parkplatz vorm Rundfunk: Für den Redakteur den Volvo, für die „ungarnschönheit“ den Alfa Romeo und der Abteilungsleiter fährt Mercedes. Das „pack“ worunter Geissler das Kapital und seine Agenten versteht, treibt uns zu kollektiven Banalitäten, zur wachen Leere inmitten des Chroms. Das ich ist nicht mehr ein anderer sondern ein Designerprodukt. Bei Geissler gibt es keine Psychologie und keine atmosphärische Beschreibung. Kein direkte Rede will abgelauscht lebensecht sein. Kein Beitrag zur seelischen Innenaustattung des Lesers

proff, eine Hauptfigur des „romantischen fragments“, arbeitet wie zeitweise Christian Geissler als „Freier“ beim Fernsehen. proff verzaubert durch Inkonsequenz. Gewiss für die Weltrevolution, aber jetzt täte ein Stück Kuchen gut. Die Olympischen Spiele in Mexiko machten proff zu einem politischen Menschen. proff wurde durch die Olympischen Spiele 1968 in Mexiko politisiert. Er musste mitansehen, wie Demonstranten gefoltert wurden. roff erhält den Auftrag, einen Bericht über das Hauptquartier der „green berets“, das in einer ehemaligen SS-Junkerschule in Bad Tölz untergebracht ist, zu drehen. Die Teilnehmer lernen, wie man Aufstände in der „Dritten Welt“ bekämpft. Leiter des Camps ist das „weisse auge von princeton“, einem Mann vor dem proff Respekt hat. Jener erklärt, dass die Anfänge seiner Truppe in der Zusammenarbeit mit Antifaschisten, darunter auch Kommunisten, während des Zweiten Weltkrieges lägen. Geändert habe sich die Situation, als die Sowjetunion begonnen habe, Befreiungsbewegungen zu unterstützen. proff findet heraus, dass die Anstalt sich schon während des Dritten Reiches lieber als antikommunistisch denn nationalsozialistisch definiert habe. Freier Markt und freie Reise bringen mehr Geld als Ahnenkult und Runenforschung. Zufällig

erfährt eine „Stadtguerilla“ von Proffs Arbeit. Sie plant einen Anschlag auf die Nato-Schule, der, wenn auch bei eigenen Verlusten gelingt. Ironischerweise schildert Geissler die Niederlage des „packs“ im Rotwelsch des packs, im Ilustriertendeutsch.

Ein Kritiker wies auf einen gewichtigen Satz hin: »die mystifizierung des kollektivs hat zu ihrer voraussetzung die resignation gegenüber der klasse«. Viele Dialoge sind wenn es sich um Politik dreht, Monologe. Dazu Leichtfertigkeit und Selbsterhöhung, wenn´s etwa heisst die Sandinisten in Nicaragua seien die Baader-Meinhof-Gang Lateinamerikas. Was vor dem Absturz in völlige Fehleinschätzung bewahrt ist regelmässige Arbeit. Sie schützt vor „krausen ideen“. Die „Stadtguerilla“ definiert sich als unmittelbar und einzigartig: „meine geschichte ist raf, sagt larry, der rest ist müll.“ proff hingegen hat Familie und Arbeit und Jean Paul und im Gaumen Geschmack nach Forelle.

Warum triumphiert das Pack? Geissler ein exakter Beobachter seiner Schicht, des ordnungsgemäßen Kleinbürgertums, berichtet: „Jojo“ vegetiert seit Jahren im käfig von celle.“ Proff besucht jojos Eltern. Sie sind verhärmt und alt. Wegen den Nachbarn kaufen sie in der nächsten Stadt ein. Das Einfamilienhaus steht in einer Siedlung mit Strassenschildern, die die frühere Ostgebiete verklären. Der Audi in der Garage und das frische Deo im Badezimmer erzählen: : Was dem „pack“ abgerungen wurde, verkauft es jetzt als seinen Erfolg.

„und dreht die mutter, von trauer matt, sich zittrig das kahle haar, ihr kind war gefangen, für untaten eingesperrt, aus untaten klug, und will unser junge nun hungern, heißt es, und lieber sterben als erben dies haus“.

proff, der zu Anfang des Buches tot aufgefunden wirf, war nicht in das Attentat eingeweiht. Dafür galt er als zu unsicher proff bevorzugte Argumente statt Bekenntnisse: „die kämpfen wollen, wollen nicht fragen, die fragen wollen, wollen nicht kämpfen“. Ihn stört der Technokratensound von „big raushole“, der zum kollektiv schon jetzt richtiges leben sagt.

Im Nachhinein bin ich klüger. Die bundesdeutsche Linke dachte über den bewaffneten Aufstand nach, als es ihr noch einigermassen gut ging. Die Sowjetunion drohte und und niemand wagte die alte Frau zum Flaschensammeln zu zwingen. Tapps türkische Kollegen auf der Werft waren nicht religiös interessiert. Als hochbegabt galten Albert Einstein und Franz Beckenbauer und keine Bälger des Mittelstands. (Keine Tigermutter pamperte bilunguale Zahnarztgören. Geissler hätte gewiss noch mehr Zorn genommen). Man trank Bier statt Premiumplörre bewusst zu geniessen. Und Autos waren keine Schützenpanzer.

Wenn der Kleber träumt, träumt er „rindenträume“. Im flachen, moorigen Land zur ehemaligen DDR, verbuscht von Heide, schnappt zwischen Schlamm und Schilfen der Hecht nach Köder. Und verliebte Hunde laufen, wenn nicht Pfote in Pfote, so doch Ohr an Ohr. Weiter südlich im von Oliven gesäumten Herrenhaus erwacht schon das Geschmäcklerische der Toscanafraktion. Der milde Spott Geislers, wenn die Selbstverwirklichung mit Töpfern und Schafzucht, also die „Idiotie des Landlebens“ (Karl Marx) grassiert. Der erfolgreiche Bauer „schlägt frau, und hund und land.“.

Die Biologie mischt sich brutal ein. Daraufhin hinzuweisen ist dem grossartigen Nachwort Oliver Tolmeins zu verdanken. In Rockers Kopf, dem Kind von Ahlers und Nina, wuchert und wuchert es. Ein Tumor will alles zerfressen. Eine Operation kann zu Erblindung führen. Tolmein besteht darauf, dass der Begriff „Gesundheit“ ausgrenzend sein kann. „Der unbedingte Wunsch, frei von Beeinträchtigungen zu sein, kann erfordern, das Leben selbst zu beenden“. Geissler geht dagegen davon aus, dass Leben grundsätzlich einen Wert habe. Das macht kamalatta, das ist das Gestammel des kranken Hölderlins, inmitten von Selbstoptimierung, Fitnesstracker und Hundertjährigen, die Marathonlaufen statt auf der Parkbank erinnerungssatt zu dösen, zu einem Buch, das kein Zeitgenosse sein will. Noch einmal Tolmein: „Geissler bewegt sich hier mit seinem „romantischen fragment“ weit weg vom Mainstream-Diskurs auch der Linken und in besonderem Maße auch derer, die den bewaffneten Kampf ins Zentrum ihrer Überlegungen zurückführen, denn Illegalität und der Bedarf nach einer barrierefreien Umgebung vertragen sich schlecht miteinander.“ Rockers Erblindung bringt die Wortkaskaden zum jähen Ende: „Einfach liebhaben“, sagt Juli auf Ninas Frage, wie sie sich künftig zu Rocker verhalten sollen. Durch diesen radikalen Schnitt von der Artistik zum schlichen, scheint´s, als sei „Einfach liebhaben“ zum ersten mal gesagt worden.

Fern der konfektionierten Mittelstandsprosa nutzt Geissler, die Freiheit, die einem das Bürgertum gestattet und auf die es früher stolz war: die Form. Geissler wehrte sich mit schönen Sätzen gegen das „pack“.

Christian Geissler: kamalatta. romantisches fragment. Mit einem Nachwort von Oliver Tolmein. Verbrecher Verlag, Berlin 2018, 614 S., geb., 36 €. ISBN: 978-3-95732-343-9



19:14 10.06.2019
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