Land ohne Kompromiss

Syrien Kristin Helberg beschäftigt sich in „Der Syrien-Krieg“ mit der Innenpolitik des Landes
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Land ohne Kompromiss

Foto: Gokhan Sahin/Getty Images

Er stieg auf wie ein Komet und ging wie ein Komet unter. Der 25 jährige Abdulrahman war Soldat unter Assad, desertierte zu Beginn der Proteste und lief zum Islamischen Staat über. „Wenn man all diese Toten sieht, wird man wie von selbst zum Salafisten“, sagte er in einer Sendung von ARTE. Abdulrahman erwies sich als logistisches Genie. Er leitete die Versorgung der 100 000 Einwohner Stadt Raqqa mit Wasser, Nahrung und Baumaterial und verdiente viel.

Heute sitzt Adulrahman in einer „Gefängnisakademie“ der kurdischen Volksverteidigung. Im Rückblick erscheint ihm der IS als zu „radikal“. Kämpfer aus dem Ausland hätten es nicht für nötig befunden, Rücksicht auf die Zivilbevölkerung zu nehmen. Am Ende habe ihn nur noch das Geld für die Familie an den IS gebunden.

Kristin Helberg, die Adulrahmans Geschichte erzählt, kann arabisch und lebte mehrere Jahre als Korrespondentin in Damaskus. In ihrem neuen Buch „Der Syrien-Krieg“ überprüft sie das Land nicht an Hand von Sprachen, Konfessionen oder Interventionen sondern geht von der „unmittelbaren Lebenswirklichkeit“ aus. Schließlich gibt es keine alawitische oder sunnitische Ruinen. Vor „Syriatel“, dem Mobilfunk, der einem Cousin Assads gehörte, waren alle gleich: ob Christ ob Moslem. Helberg geht von der These aus, dass Syrer, die in relativ sicheren Gegenden wie an der Küste oder im kurdischen Nordosten leben, sich völlig anders verhielten, als solche, die unter dem Terror de IS oder den Bombardierungen durch die USA gelitten hätten. Helberg betont ausdrücklich, dass sie die geschilderten Gebiete nicht selbst besucht habe. Sie stützt sich auf Medien und was ihr geflohene Syrer berichteten. In Syrien zählte das aufgeklärte Bürgertum, das nicht unmittelbar von Brot- und Butterfragen betroffen war, zu ihrem Bekanntenkreis. Helberg ist erfreulich subjektiv und steht auf der Seite derer, die als „moderate Opposition“ bezeichnet werden. .

Sie stellt in kurzen Porträts zwei weitere Gegner des Assad-Regimes vor. Bis in die neunziger Jahre waren Großkaufleute, die sich mit den Militärs arrangierten, die führende Schicht. Mit einer wirtschaftlichen Öffnung bekamen aufstiegsbessene Handwerker ihre Chance. Dafür steht Riad Seif. Er machte gleichzeitig eine Lehre als Hemdenmacher und schloss die weiterführende Schule ab. Seif ist die syrische Variante des amerikanischen Traums: Mit einer Nähmaschine im Hinterhof zum größten Textilfabrikanten des Landes mit mehr als 1 000 Mitarbeitern. Seif lieferte in die Sowjetunion und produzierte für Adidas. Seif hatte die Baath, die regierende Partei, beim Wort genommen. Die hatte vorgeschlagen, dass weder Sippe noch Konfession, die als „vormoderne Krankheiten“ bezeichnet worden waren, das Leben des einzelnen bestimmen sollten. Seifs Aufstieg war eine Provokation: Er hatte sich weder die Mühe gemacht in einem Offizierscasino noch als Sohn eines Notablen geboren zu werden. Und mit dem Assad-Clan war er schon gar nicht verwandt und wurde trotzdem reich. Den Tagtraum vom Tellerwäscher zum Millionär zu werden, dieses bewährte, altehrwürdige Ventil, verschloss die Regierung.

Das revolutionäre Subjekt in Syrien waren ein paar Jugendliche, die Graffiti an die Wand sprühten. „Kein Oppositioneller, kein Intellektueller, kein Beobachter hat sie in diesem Ausmaß kommen sehen, kein ausländischer Geheimdienst hat sie inszeniert.“

Zu den Überraschten zählte Yassin al-Haj Saleh. Er gehörte einer Fraktion der Kommunistischen Partei an, die keine allzu enge Bindungen an die Sowjetunion besaß und im libanesischen Bürgerkrieg die Palästinenser unterstützte. Dafür saß er 16 Jahre lang im Gefängnis. Saleh geht der Frage nach, warum der Aufstand in Syrien so gründlich scheiterte. In Tunesien und Ägypten wurden Regierungen hinweggefegt. Das müsste auch in Syrien gelingen. Die Regimegegner waren „berauscht und frei“. Die Älteren warnten. Sie erinnerten sich an an die Niederschlagung der Muslimbrüder zu Beginn der achtziger Jahre des vorigen Jahrhunderts. Als der Konflikt gewalttätig wurde, gründete sich die „Freie Syrische Armee“. Gleich zu Beginn „Kompetenzgerangel“ und „Hierarchiewirrwarr“. Die Führung erhielt nicht, wer militärische Erfahrung besaß, sondern wer Waffen und Geld vom Ausland erhielt. Dabei half ein religiöses Etikett. Wer sich als edler Ritter für islamisch-morgenländische Leitkultur vorstellte, kassierte am meisten. Heute besitzt die „FSA“ keine moralische Autorität mehr. Saleh warnt davor, dass Assad-Regime in irgendeiner Weise als „links“ einzustufen

Der Mann des Ausgleichs erscheint: Maschaal Tammo Seine Zweisprachigkeit begreift er nicht als Verhängnis, sondern als Vorteil, um vermitteln und mäßigen zu können. Mascho stammt aus dem kurdischen Nordosten Syriens. Tammo moderierte zwischen Kurden und Arabern und innerhalb der kurdischen Parteien. Tammo war so populär, dass sich seine Ermordung alle Parteien gegenseitig in die Schuhe schoben. Im Brotberuf war er Agraringenieur. Damit zum Ursprung des Aufstandes nach Daraa. Im Süden wütete die Dürre. Sie und die „Öffnung der Märkte“ trieben Hunderttausende Syrer in die Armut der Vorstädte, die ihnen jeden Tag bewies, dass sie Überflüssige seien. Was wenn die Regierung statt Soldaten Leute wie Tammo geschickt hätte? Liebig statt Panzer? Dann hätte ein Araber im Süden gesagt, die Kurden haben gute Fachleute und ein Kurde im Norden hätte gesagt, die im Süden zahlen gut. Dann wäre Assad sofort gestürzt worden. Denn seine Behauptung, nur sein Regime garantiere Stabilität über Konfessionen und Sprachen hinweg, wäre sofort zusammen gebrochen. Die in Syrien bitter notwendigen Wohlfahrtsverbände waren bewusst entlang der Religionsgrenzen angeordnet Es durfte nur „Pyramiden“ geben. „Loyalität“, ein Schlüsselwort Helbergs, war alles. Loyal bis in die Knochen: Der Arbeiter dem Chef, der Student dem Professor, der Soldat dem Offizier, der Sohn dem Vater, die Familie der Sippe untergeordnet.

Der ehemalige Botschafter Syriens in Großbritannien nennt Syrer, die sich weder der Opposition noch der Regierung angeschlossen haben die „Grauen“. Er schätzt sie auf ca. 70 % der Bevölkerung.Bemerkenswert dass weder Regierung noch Opposition um die Köpfe der Unentschlossenen, der Schwankenden, der verständlicherweise auf Überleben Bedachten kämpfen. Für die Opposition sind diese Leute Opportunisten.

Syrien scheint mir ein Art Freilandlabor zu sein. Es wird erprobt, wie die gesellschaftliche Herrschaft „aus ihrem eignen ökonomischen Prinzip heraus in die Gangsterherrschaft“ (Max Horkheimer) übergeht. Für Syrien steht dafür der Checkpoint. Ein Stadtviertel belauert das andere, die Horde verteidigt den Futterplatz und hält das Smartphone in der Hand. Steinzeit und Hightech kommen in eins. Es ist die tägliche Schule der Demütigung und Korruption, die jedem Syrer klar macht, dass man als Student oder Landwirt weniger wert ist denn als Milizionär. „Diese Typen können mit uns machen, was sie wollen“, sagt eine Bewohnerin des südlichen Damaskus. Die Checkpoints sind die Stätten des Schmuggels, der Übergabe von Energie, Wasser und Grundnahrungsmittel. Neben Immobilien sind sie Syriens Rendite. Denn die Industrieproduktion ist längst zusammengebrochen. Der Söldner, der sich am Schlagbaum selbst optimiert, jede Minute der Unternehmer seiner selbst , der „Ingenieur der Macht“, der sich meistbietend verkauft, ist Margaret Thatchers Traum: „So etwas wie Gesellschaft gibt es nicht. Es gibt nur Individuen und Familien.“

Dazu als Gegenbild der Film „Der Geschmack von Zement“. Ein syrischer Maurer im Libanon, der lieber „zur Kelle als zum Messer griff“ und gnadenlos ausgebeutet wird. Er verteidigt noch Reste des Begriffs „Gesellschaft“ indem er sich abends im Keller Nachrichten aus seiner Heimat anschaut.

Syrien tritt in den Prozess der „Entstaatlichung“ (Robert Kurz). Länder, die sich in Syrien einmischen, werden ebenfalls davon befallen und verlieren zivile Standards. Iran und Irak vereinen sich im Wassermangel. Sinkt in der Türkei der Polizeiknüppel auf Bauarbeiter, steigt in Russland das Renteneintrittsalter und in Saudi-Arabien grassiert die Jugendarbeitslosigkeit.

Helberg nennt so etwas „Syrienisierung der Welt“. In der Außenpolitik keine Blöcke mehr und im Innern der völlige Verfall.

Eins von Helbergs Lieblingswörtern heißt Zivilgesellschaft. Sie meint es nicht im abgeschmackten Sinn wie bei uns, wo der grüne Oberstudienrat seinen Hund nie ohne gesellschaftliches Engagement Gassi führt. Zivilgesellschaft ist für Helberg tatsächlich noch der Gegensatz zum Militär. In Syrien ist eine Generation herangewachsen, die nur den Krieg kennen gelernt hat. „Moral ist zu einem unerschwinglichem Luxusgut“ geworden und jeder Syrer würde von klein auf lernen, dass das Gesetz des Stärkeren gelte. Über die Motive sich als Söldner zu verdingen:

„Wenn junge Männer aus wirtschaftlichen Gründen oder aus Überzeugung für Assad kämpfen, dann eher als Mitglieder privater oder halbstaatlicher Milizen. Denn als solche können sie in der Nähe ihrer Familien bleiben und ihre Heimatregion verteidigen, und werden nicht an eine ferne Front beordert, um einen Krieg zu führen, den sie nicht als den ihren betrachten.“

Laut Helberg wird Assad den Krieg gewinnen aber keinen Frieden erreichen. Jetzt werden die Privatarmeen Beute machen wollen und es gibt zu viele junge Syrer, die außer schießen nichts gelernt und noch Rechnungen offen haben. Dazu eine Momentaufnahme von der Küste:

Die Stadt Tartus an der Küste blieb vom Krieg bislang verschont und der Alltag funktioniert noch. Russland unterhält hier eine Marinebasis. Die Soldaten bringen Geld in den Ort. Es wird gebaut, was den ohnehin grotesken Gegensatz zwischen arm und reich noch mal beschleunigt. Jeden Tag gehen hier junge Syrer an schicken Cafés vorbei, in welche sie ihre Freundinnen nie einladen werden können. Die fehlende Prothese und der Glanz der noblen Limousine werden notwendigerweise neue Rackets produzieren.

Helberg geht von der Innenpolitik aus. Das unterscheidet den sie wesentlich von anderen Büchern über dieses Thema. Sie lehnt „geopolitische“ Gründe wie Pipeline oder Erdöl als Erklärung für den Syrienkrieg ab. Syrien liegt nun mal zwischen Euphrat und Mittelmeer. Jede Regierung, ob Kalifat oder Räterepublik ist darauf angewiesen die geographische Lage bzw. Bodenschätze des Landes zu verkaufen. Die Frage ist, zu welchem Preis und wem der Erlös gehört. Sie erläutert dies am Beispiel der „Partei der Demokratischen Union“ (PYD), die bestimmende politische Kraft im kurdischen Nordosten. Sie ist gezwungen, Erdöl an das Assad-Regime zu liefern. Dafür zahlt Damaskus noch Gehälter des öffentlichen Dienstes in kurdischen Gebieten. Die PYD betreibt eine pragmatische Außenpolitik. So ist sie die einzige Kraft, die etwas wie Verhandlungen und gütliche Übereinkunft kennt.. Assad unterscheidet nur zwischen Loyalen und Terroristen. Der IS sah nur Gläubige und der Abtrünnige.

Helberg ist beileibe keine Linke. Aber sie kommt, sozusagen gegen ihren Willen, zu linken Erkenntnissen. Assad hatte schon vor dem Aufstand die klassischen Anhänger der Baath-Partei, die untere Mittelschicht, die Kleinbauern und Landarbeiter enteignet. Damit zerbrach der ungeschriebene Gesellschaftsvertrag wonach Mundhalten gegenüber einen Minimum an wirtschaftlicher Sicherheit getauscht wird. Helberg führt wirtschaftliche Gründe für den Ausbruch des Krieges an.

Info

Der Syrien-Krieg, Kristin Helberg, Freiburg i.B. 2018, Herder, gebunden, 256 Seiten, 22,00 Euro, ISBN: 978-3-451-38145-4

12:45 23.10.2018
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