Mustergut, deutsch und christlich

Colonia Dignidad Die Geschichte der Colonia-Dignidad in Chile erzählt über dreissig Jahre lang von einer ungheuren Beschönigungsarbeit und einer Fassadenmalerei der fantastischsten Art.
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Selbstverständlich mit Duldung der Behörden und vielen Sekundärtugenden.

Goethe hat die Siedlung wunderbar knapp beschrieben. „...sie nennen sich Christen und unter dem Schafspelz sind es reissende Wölfe“. Ausführlicher hat sich Dieter Maier mit der Kolonie und ihrem Chef Paul Schäfer befasst.

„Nach Kriegsende war Schäfer ein Versager wie viele Männer seine Generation“. Hinzu kommt: Paul Schäfer ist einäugig, pädophil und ohne Ausbildung . Nicht die besten Voraussetzungen um im Wirtschaftswunderland unbeschwert die Ärmel hochzukrempeln und mit der Freundin nach Rimini zu fahren. Schäfer wird Gehilfe eines Schaustellers. Die Arbeit ist hart, vielleicht gefährlich, gewiss schlecht bezahlt. Auf der Kirmes beginnt das Leben neu und Schäfer muss schuften während andere sich vergnügen. Wie dem entkommen? Schäfer war vor dem Krieg bei einer evangelischen Jugendgruppe. Irgendwann muss ihm die für ihn so einträgliche und für seine Mitmenschen so fürchterliche Idee gekommen sein, dass sich´s mit Salbadern angenehmer leben lässt als mit körperlicher Arbeit. „Im Anfang war das Wort“ heisst es bei Johannes und das hat Schäfer sofort kapiert . Später in Chile durften die Siedler , denen die vollständige Bibel verwehrt war, eine „Kleinausgabe des Johanneseveangeliums haben. , Wie war das Schäferwort` sagte einer seiner Anhänger zum anderen“ .

Für einen Schiffsschaukelbremser bleiben seidenes Hemd und nobler Mercedes auf ewig Tagtraum. Aber ein Schäfer entkommt dem Jahrmarkt, in dem er ihn zur Sünde erklärt. Dort kichert eine Frau übermütig an der Schulter eines Mannes. Eine Szene, die in der Colonie Dignidad (CD) nie auftaucht.

Schäfer heuert bei der Evangelischen Kirche als Erzieher und Heimleiter an. Seine pädophile Neigung wird schnell bemerkt und Schäfer gefeuert. Aber Schäfer wird nicht angeklagt. Die Kirche will keinesfalls in Zusammenhang mit Missbrauchsvorwürfen genannt werden. Hier beginnt die Vertuschung und das Schweigekartell.

Schäfer macht seinen eigenen Laden, die „Private Sociale Mission“, auf, der wirtschaftlich erfolgreich ist. Als die Staatsanwaltschaft wegen Kindesmissbrauch ermittelt, siedelt Schäfer samt Getreuen 1961 nach Chile über. Als Vorwand gibt er die sowjetische Gefahr an. Die Immobilie in Deutschland wird an die Bundeswehr aufgekauft und der Erlöse in eine riesige Landfläche südlich der Hauptstand Santiago angelegt. Keiner der Neuankömmlinge ist Bauer. Fleiss, Verzicht auf Lohn und die schützende Hand der Behörden wiegen die mangelnde Qualifikation auf. Die Kolonie der Würde rentiert sich in finanzieller und sexueller Weise bestens für Schäfer und seine Führungscrew. Sie wird zu einer straff organisierten „Ständegesesllschaft“ mit rigoroser Geschlechtertrennung.

Innerhalb der Führungskaste sind Hartmut Hopp oder Hugo Baar Schäfer zweifellos intellektuell überlegen. Aber Schäfer besitzt „Charisma“ und die Gabe einen feinnervigen und flexiblen Unterdrückungsapparat, der Strafe und Belohnung sofort zuteilt, aufzubauen. Hopp, der in den USA Medizin studierte, floh, wurde zurückgeholt und durch Heiratserlaubnis und neue Autos belohnt. Die Jungen, die Schäfer missbrauchte, kehrten als Auswerwählte mit dem Duft von Rasierwasser in muffigeSchlafräume zurück.

In Chile errichtet Schäfer eine Art wie Maier schreibt „Zeitglocke“ aus den fünfziger Jahren der Bundesrepublik. Der Körper verleitet zur Sünde, der Kommunismus droht, Arbeit ist Gottesdienst und besonders infam Krankheit eine Strafe Gottes. Gehorsam und Keuschheit führen zum Weg der Tugend. Der Herr kennt die seinen und zeichnet sie schon zu Lebzeiten durch wirtschaftlichen Erfolg aus. Dieser kommt aber keineswegs den Siedlern zugute. Denn diese leben in einer Art geldlosen christlichen Kommune. Schäfer ist kein Theologe, erkennt aber den ungheuer praktischen Wert der Prädestination als Rechtfertigung für Ausbeutung. Schäfer ist weise und verzeichte im katholischen Chile auf jede Proselytenmacherei. Damit hatte er gerade in Deutschland Geld gescheffelt.

Der österreichische Satiriker Roda Roda schrieb einmal sinngemäss, es sei schon eine Näherin dem religiösen Wahn verfallen, aber noch kein Bischof. Vielleicht kann man damit die CD ein wenig erklären. Unter den Mitgliedern befand sich kein ausgebildeter Theologe. Die Führung hielt religiöse Kenntnisse möglichst gering. Selbst die Bibel war nur beschränkt zugänglich. Was innerhalb des Systems der Kolonie vollkommen logisch ist. Seid fruchtbar und mehret euch, ehret Vater und Vater, der Sabbat, als Ruhetag, und das Hohe Lied auf die körperliche Liebe wollen nicht so recht zur Kolonie passen . Allein schon der Gedanke, dass die Bibel vor falschen Propheten, Eiferen und Pharisäern warnte, war den Siedlern vollkommen fremd. Die CD war eine Spaltung innerhalb einer Spaltung der Baptisten. Sektierisch innerhalb der Sekten. Die Isolation der CD und ihre kompromisslose Konsequenz bedingten einander. Solche Geistesfluchten waren in den Kindertagen der Republik beliebt. Die Amtskirchen hatten weder Hitler verhindert noch ihm zum Endsieg verholfen.

Das korrektiv Welt und der Planet CD begegnen sich an drei Orten: Dem Restaurant, den Läden und dem Krankenhaus. Letztere schützt die Siedlung. Warum sind die Bewohner der CD fleissig und trotzdem arm? Damit den Siechen in der sündigen Welt da draussen geholfen werden kann. Das ist tätige Nächstenliebe, das ist Urchristentum und jedes Heftpflaster ist Gethsemane. Warum tragen die Frauen der Kolonie keinen Schmuck? Warum fällt kein Ozelot auf ihre Schultern obwohl die Kolonie so reich ist? Damit Lazarus geheilt wird. Das ist was anderes als die grosse Hure Babylon, die ausserhalb der CD herrscht. So etwa plappert Schäfer munter vor seinen Schäfchen. In Wahrheit wird jede Behandlung über den chilenischen Gesundheitsdienst abgerechnet. Nach 1990 demonstrieren Einheimische der Umgebung für die Kolonie. Sie glauben immer noch an die kostenlose medizinische Versorgung.

Wer vor dem Jüngsten Gericht zittert, wer verstört ist, wer die Welt als Sünde und in bester protestantischer Tradition als irdisches Jammertal begreift, den umhüllt die Kolonie mit Geborgenheit. Über eine Messeveranstaltung ausserhalb der Colonia Dignidad schreibt ein Siedler: „Schrecklich, diese Menschen, sie sind besessen von Mode, Fressen, Saufen und schön sein Wollen, dabei sinds geknechtete, hohle Fratzen.“ Den letzten Kick zur Verklärung der Kolonie gibt Schäfer, wenn er von den Schützengräben im Zweiten Weltkrieg erzählt. Die Siedler rechtfertigen ihre Islolation vor sich selber mit ihrer Auswerwählt vor Gott. Moses führt sein Volk ins Gelobte Land. Schäfer führt die Siedler nach Chile. Aaron tanzt ums Goldene Kalb aber die Siedler lehnen den Materialismus, der draussen herrscht, ab.

Stärker als der Stacheldraht, den die Kolonie umzäunt, stärker als die Predigten Schäfers und die angedrohten Strafen Gottes, ist das Geschlecht. Ein 34 jähriger aus der CD arbeitet draussen als Baggerfahrer. Bei sexuellen Anspielungen seiner Kollegen errötet er. „Da bekamen sie Mitleid und spendierten ihm seine erste Erfahrung mit einer Prostituierten. Sie war eine `perfekte Lehrerin`und ich werde ihr Andenken immer bewahren“, schreibt der Siedler und verlässt die Kolonie.

Schäfer, folgt man Maier, hat durchaus etwas und zwar in erschreckender Weise von einem missratenen Theaterregisseur, einem steckengebliebenen Künstler an sich. „Schäfer war ein Meister der Inszenierung. Wenn er sich in Chile auf seinen ,Thron' bequem machte, dann brauchte er keine Zäune und verborgene Mikrophone und keine beschützende Pinochet-Diktatur, um seine Gemeinde an sich zu binden. Sie hing an seinen Lippen.“ Kommt Besuch aus Bayern, gibt es ein Folklorespektakel mit Musik; trifft chilenisches Militär ein, ist Schäfer ein im Abwehrkampf gegen den Bolschewismus gestählter Weltkriegsveteran. Aber vor wem führt Schäfer seine Kunstücke vor? Vor „verschreckten Kranken“, Provinzpolitikern und Kommissköpfen. Der Beifall dieser bestätigt Schäfers Scheitern.

Die Sprache innerhalb der Kolonie ist das kurze Bellen des Befehls. Zur Abschottung und damit die Flucht erschwert und ein Leben draussen unvorstellbar werde, entwickelte Schäfer einen grotesken Slang. Bunt gemischt aus Infantilismen und plumppathetischen Nachäffnungen der Bibel. Auch zur Zeit hatte die CD ein eigenartiges Verhältnis aufgebaut, das diametral zu einem Bauernhof steht. Dort unterwirft man sich den Erfordernissen der Natur. Schäfer hat einen eigenen Tagesplan, an dem sich jeder ausser ihm zu jeden halten hatte

Christliche Feste, die dem gleichförmigen Fluss der CD einen festen Halt gegeben hätten, so etwas wie Erinnerung verliehen hätten, gab es bewusst nicht. Die zumindest christlich inspirierte und agrarische Kolonie kannte weder Kirchenjahr noch Erntedank. Als rudimentäre Erinnerung für ältere Mitglieder gab es eine Art Weihnachten. Der Tannenbaum war allerdings in den Fluss geschmissen worden. Etwas was den Mitgliedern eine selbständige Biographie geschaffen hätte wie Geburtstag, Hochzeitstag und Namensfest waren unbekannt. Taufe und Abendmahl wurden nicht gefeiert. Dagegen legte Schäfer grossen Wert auf die Beichte, die er selbst abnahm, das jüngste Gericht , sozusagen der Hit unter Schäfer Bedrohunsinszenarien und „Zungenreden“, das er aber keinesfalls mit Pfingsten in Verbindung brachte. Der katholische Klerus der Umgebung stand der Kolonie skeptisch gegenüber. Mit Nonnen, die in der Nähe wohnten, geriet Schäfer in Streit.

Die religiös Verwirrten sind im Umgang mit den irdischen Behörden äusserst geschickt. Die klammheimliche Zustimmung der Ämter ist die treue Begleiterin der Kolonie während ihrer gesamten Existenz. Schäfer blieb in der Schule zweimal sitzen. Trotzdem wusste er mit der Bürokratie umzugehen bzw. solche Dinge an die richtigen Leute zu übergeben. Die Staatsanwaltschaft ermittelt gegen ihn 1960 wegen Kindesmissbrauch. Ohne Ergebnis. Gleichzeitig verkauft er das Haus der „Privaten Socialen Mission“ an die Bundeswehr. Später in Chile wird die Colonia Dignidad als gemeinnützig gelten. Sie darf zollfrei importieren. Die deutsche Botschaft erledigt Passangelegenheiten, ohne die Inhaber vorzuladen. Kein chilenisches Amt kontrolliert die Schule oder Arbeits- und Sicherheitsschutz der Kolonie liefert aber Plaketten, die eben dies bestätigen. Junge Männer, die in Chile geboren wurden, brauchten keinen Wehrdienst zu leisten. Die Rentenversicherung in Deutschland überweist alle Zahlungen an die Gemeindemitglieder auf ein Konto Schäfers.

Die Kolonie ist überhaupt eine befremdende Mischung aus Karteikarte und Zungenreden, religiöser Verzückung und Sendeanlage. Der Wechselbalg aus Aberglaube und modernster Technik hat etwas Abstossendes an sich. In diesem Punkt kommt die Kolonie dem Nationalsozialismus, der V2 Raketen und Ahnenkult gleichermassen propagierte am Nächsten.

Überflüssig zu erwähnen, dass die Mitarbeiter der deutschen Botschaft genügend Welterfahrung besassen, um die Colonia-Dignidad als merkwürdig zu empfinden.

Sofort nach der Übersiedlung hatten sich Verwandte der Siedler ans Auswärtige Amt gewandt, mit der Befürchtung Familienangehörige seien nicht freiwillig ausgereist. Schon 1966 nannte ein Botschaftsangehöriger die Kolonie einen „pietistischem Sektiererclub mit moral.dubiosem Unterbau.“ Zur gleichen Zeit wunderte sich ein Untersuchungsausschuss des chilenischen Parlaments darüber, dass es in der CD noch nicht einmal „Liebe“ gäbe, womit auf die Apartheid zwischen den Geschlechtern angespielt wird und ebenfalls 1966 gelang zum ersten Mal einem Siedler die Flucht aus der Kolonie. In einem längeren Bericht aus dem Jahr 1972 schreibt ein deutscher Diplomat: „Einiges spricht dafür, dass er [Heinz Schmidt, einer der Ausreisewilligen] gegen seinen Willen am Verlassen der Kolonie gehindert wird“. Einem weiteren Mitarbeiter kommen auf einer Dienstreise in die Umgebung der Kolonie viele Dinge sonderbar vor. 1976 bestätigten sich die Vermutungen: Der „Stern“, die Menschenrechstkommission der UNO und amnesty international belegten, dass die Kolonie eine mustergültig kaschierte Folterzentrale sei. Vollkommen unbeeinflusst davon zeigte sich der deutsche Botschafter, ein Erich Strätling. Der besuchte die CD und fühlte sich „wie im Märchen bei Schneewittchen“. Die Vertretung der USA traute Strätlings Beobachtungsgabe nicht ganz und fragte sich beispielsweise woher die Kolonie das Geld für die teuren Kommunikationsanlagen habe oder was mit Boris Weidenfeller, einem in der Nähe der Kolonie zuletzt gesehenen berühmten Mathematiker und ausgezeichneten Wanderer geschehen sei. Die Selbstdarstellung der Siedlung als Fels deutschprotestantischer Sekundärtugenden wie Disziplin, Ordnung und Gottesfurcht im Meer von Sozialismus, Drogenkonsum und Pornographie wurde vom Auswärtigem Amt nur allzu gerne übernohmen. Denn es verstand sich als Klinkenputzer der Exportweltmeisterei und ihr blindwütiger Antikommunismus hiess jeden Bündnispartner willkommen.

1970 siegte in Chile die Volksfront. Jetzt den Grossgrundbesitz verteidigen! Es gibt erste Gespräche zwischen dem Büro des gescheiterten konservativen Präsidentenbewerber Alessandri und Vertreter der Colonia Dignidad. Die Roten stürzen Chile ins Chaos. Das versucht die Terrorgruppe „Patria y Libertad“ (Vater land und Freiheit ) zu beweisen und verübt Attentate und Sabotage. Zwischen chilenischen Rechten und den deutschen Siedlern entsteht eine „Repressionsallianz“ wie es Dieter Maier später nennen wird. Die Terroristen verflogen keine „wirtschaftlichen Ziele“ sondern forderte „selbstlosen Opfermut“. Diese Überhöhung ist die erste ideologische Annäherung an die Kolonie. Praktisch bietet sie ein abesichertes und abgelegenes Gelände zur Grenze, Flugplatz und Sendeanlage. Nachdem Putsch greift die DINA, der neue Geheimdienst, der Pinochet untersteht, auf diese Infrastruktur zurück. Die Colonia Dignidad wird zu einem berüchtigtem Folterzentrum. Man wird Spuren von Massengräber finden. „Schäfers Siedlung war ideologisch und technisch ein Glücksfall für die DINA.“

Militär und Siedlung interpretiert Maier nach Sigmund Freund als „künstliche Massen“. Sie gleichen sich in in ihrer Hierarchie, der Illusion einer gemeinsamen Liebe zu einem Anführer und einer Homoerotik, die um so anziehender wird, weil sie niemals zum Vorschein kommen darf.

Der staatsfromme chilenische Terrorismus definierte Raum und Zeit nach Willkür. Es gab für die Angehörigen der Verschwundenen keinen exakten Raum mehr, denn sie wussten nicht wo sich die Verschleppten aufhielten. Es gab keine Zeitbestimmung. Die Ungewissheit über das Schicksal der Verschwundenen hob die entscheidende Grenze zwischen Tod und Leben auf. Die DINA würgte Chile durch einen latenten, rätselhaften und geheimnisvollen Terror

Wichtig dass der Geheimdienst 1976 den ehemaligen Aussenminister Orlando Letelier durch eine Autobombe in Washington / DC ermordete. Daraufhin stoppten die USA die Militärhilfe für Pinochet, was die Position der Kolonie ungemein stärkte. Sie hatte Erfahrung in der zollfreien, unkontrollierten Einfuhr und guten Kontakt zu Gerhard Mertins. Der ehemalige SS-Mann war Mitarbeiter des Bundesnachrichtendienstes und Waffenhändler. So bricht über die Kolonie eine ungeheure Macht hinein. Sie schmuggelt militärische Güter und baute sie zusammen. Das Innenleben der Kolonie beschleunigt sich.

Trotz aller Beziehungen zu nach Südamerika geflohenen Nazis betont Dieter Maier immer wieder, dass die Colonia Dignidad keine faschistischen Wurzel habe. Die Greuel der Kolonie ruhen in den Idolen der fünfziger Jahre, dem guten Buch, dem Bohnerwachs und der Hausmusik.

Die Siedlung hinkt der Entwicklung innerhalb Chiles hinterher. Nach der Umbennung in Colonia Bavaria, dem Tod Schäfers und dem Prügelverbot verblieb von der einst so mächtigen und gefürchteten Kolonie „ein Haufen verschreckter Kranker, die mit dem Schrecken, indem sie lebten, glücklich waren“ zurück. Die deutsche „Gesellschaft für internationale Zusammenarbeit“ verschleppt die Insolvenz durch finanzielle Notbeatmung. Grotesk, dass ausgerechnet in einer ehemaligen Folterzentrale Gäste Bekanntschaft mit überschäumender bayrisch-barocker Lebensfreude machen sollen. Die Siedlung betreibt ein bayerisches Spezialitätenrestaurant und veranstaltet ein „Oktoberfest“.

Die Siedler, Schäfers Bodenpersonal, beteiligte sich, um es zugespitzt zu formulieren aus Idealismus an Folter und Mord, Zwangsarbeit und – medikation, Kindesmissbrauch und Waffenschmuggel. Deshalb kommen sie nach Schäfers Tod nicht mehr in der Welt zu recht.

Im Chile der frühen siebziger Jahre war die MIR (Bewegung der revolutionären Linken) eine kleine Splittergruppe. Die meisten ihrer Mitglieder kamen vom Seminar direkt in den Untergrund. Carlos Liberona war eine Ausnahme unter seinen Streitern. Er war von armer Abkunft. Vielleicht hat darum das Trauma der Folterung überlebt und konnte wieder heimisch werden in der Welt. Die MIR hat den terroristischen Charakter von „Vaterland und Freiheit“ früh erkannt. Liberona beobachtet jahrelang die Colonia Dignidad.

Die MIR war in ihrer Theorie geistfeindlich und materialistisch. Sie verstand sich als leninistische Kaderpartei. In der Praxis kämpfte sie für ihre „Ehre“ und konnte nur durch gegenseitiges Vertrauen existieren. Pinochet war der Materialist. Er „führte den Klassenkampf von oben und dekorierte seine Umverteilungs- und Modernisierungspolitik mit idealistischen Phrasen.“

In Gesprächen mit Liberona erklärt Maier, warum die Rechte so erfolgreich ist. Sie hat die Gabe den Alltag, die Normalität zu erobern. Sie schafft es das Smartphone und den Metalliclack des Autos für sich zu reklamieren und besetzt so die Tagträume. Dinge, über die sich der revolutionäre Idealismus zuweilen hochmütig und oberschülerhaft erhebt. Carlos Liberona verlor, konnte sich aber morgens noch in den Spiegel anschauen.

Maier hat viel über den Begriff Utopie und seine Verwendung nachgedacht. Bevor ich sein Buch las, habe ich die Formulierung „engagierter Utopist“ ungeprüft als sympathisch und auf jeden Fall als positiv wahrgenommen. Vision das war für mich immer mit einem künftigen Sozialismus verbunden. „Der Wirklichkeit ein trotzdem abringen“ um mal in meinen frühen Poesiealbum zu blättern. Maier weist aber daraufhin, dass man vollkommen andere Vorstellungen von der Zukunft haben kann. DINA und Colonia waren durchaus Visionäre , die eine Welt befreit von „Marxismus“ und „Unmoral“ erschaffen wollten. Auch moralische Kretins wie Pinochet und Schäfer erträumten sich eine nach ihren Maßgaben glückliche Zukunft für die Gesellschaft. Man sollte also „Utopie“ und „Vision“ genau untersuchen. Darauf immer wieder hinzweisen, Skepsis und Misstrauen zu stärken ist das grosse Verdienst Maiers.

Maier umkreist sozusagen die Kolonie. In kleinen, äusserst behutsamen, hier passt mal das Wort aus den achtziger Jahren, Annäherungsversuchen. Dadurch vermeidet er die Rituale der Empörung und den Gratismut, die die Colonia Dignidad sonst immer bewirken.

Maier, Dieter:Colonia Dignidad Auf den Spuren eines deutschen Verbrechens in Chile; Schmetterling-Verlag, Stuttgart 2016.

ISBN-Nr. 3-89657-098-6

198 Seiten, 14,80 Euro

18:34 04.07.2016
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