Die Flucht im Sprachrausch

Ulrich Becher Ulrich Becher zeigt in „Murmeljagd“ , dem grossen antifaschistischen Exilroman, was man mit 24 Buchstaben so alles machen kann

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Die Flucht im Sprachrausch

Ulrich Becher zeigt in „Murmeljagd“ , dem grossen antifaschistischen Exilroman, was man mit 24 Buchstaben so alles machen kann

Trebla (Albert von ….) ist der Icherzähler des Romans. Er stammt aus einer adeligen Familie Österreichs-Ungarns. Im Ersten Weltkrieg sah er vom Isonzo bis zum Schwarzen Meer die Gräuel der Amputation und hörte den näselnden Schneid der Offiziere dazu. „Mit 17 hatte ich zu viel Zwangstote gesehen.“ Das machte ihn zum Sozialdemokraten. Er studiert Jus . Allein schon „Jus“ , der österreichische Ausdruck für Rechtswissenschaft, demonstriert wie sorgfältig Becher arbeitet. Spielt die Handlung in der Schweiz sagt Becher zu einem Rechtsanwalt Fürsprech oder avvocato. Becher will also keineswegs seinen Wortschatz Gassi führen. Das bunte Gewimmel des Stoffs erfordert den jeweils präzisen Ausdruck. Trebal schreibt nach dem Abschluss für Arbeiterzeitungen. Er ist ein Beispiel, dass zuweilen Überläufer die besten Vertreter einer Klasse sein können.

Nach den Februarkämpfen, nach dem Ständestaat, nach dem „Anschluss“ Österreichs, nach dem Kugelhagel über den Schneepfaden der Silvretta kommt Trebla mit knapper Not im Frühsommer 1938 in der Schweiz an.



Für Trebla ist es ein radikaler Wechsel. Gestern war er noch in den Gefängnissen der Austrofaschisten. Dort war Seife unerreichbar. Heute atmet er Ledergeruch im mächtigen Wagen des holländischen Reeders ten Breekaa ein. Dazu das sonderbare Graubünden: Das Bäuerliche und das Mondäne vertragen sich. Der heimische Schmuggler und der ausländische Millionär sitzen in der gleichen Kneipe. Und die Mehrsprachigkeit erinnert an die Donaumonarchie. Über Pizzagalli jun., den Sohn eines Wirtes heißt es: „Er sprach Italienisch, Bündnerdeutsch, Romontsch gleich gut;“

In der Schweiz hätte die Trebla die Möglichkeit zum Innehalten, zum ein wenig Verschnaufen. Das genau passiert nicht. Stattdessen saugt er das Unglück der Welt in sich hinein. Der antifaschistische Journalist Berthold Jacob wird aus Basel ins Reich entführt. Der Maler Ernst Ludwig Kirchner begeht Selbstmord in St. Moritz. In Spanien marschiert Franco auf. Treblas Nerven verfeinern sich zunehmend und passen immer weniger zu seinem Geldbeutel. Er trägt ständig eine Pistole bei sich. Zwei junge Touristen aus Österreich verdächtigt er, einen Anschlag auf ihn zu planen. Der eine scheint stumm zu sein; einige Tage später hört er diesen im breitesten Wiener Dialekt telefonieren.

Nach einer steilen Auffahrt zu einer Passhöhe steigt Trebla aus , um den Motor zu überprüfen. Dabei glaubt er, Pfiffe gehört zu haben. Er interpretiert diese sofort als Verabredung zu einem Attentat. Sein Frau Xane soll sich im Wagen verstecken; er selbst zieht die Pistole und erkundet das nachtdunkle, steinige Gelände. Es waren Murmeltiere. Mit „Murmel“ meint Becher nicht die Spielkugeln sondern Murmeltiere. "Ein Murmel, eine Fleder, das tut's auch." Trebla züchtet sich selbst hoch zu einem aufgeputschten Beobachtungshirn. Während einer nächtlichen Wanderung, die er als ein 1-Mann-Kommando wie in Kriegszeiten auffasst, glaubt er eine stark geschminkte Welsin locke ihn in einen See. „Erfasst ihn der Lichtkegel eines Autos, stellt er sich vor, er gäbe eine gute Zielscheibe.“

Jetzt werden die Frauen dem Trebla zur Stütze. Sie lieben ihn; so als glaubten sie, ihre Umarmungen würden vernarbte Stirn, Asthma, Ephidrin und Sehschwäche vertreiben.

Fast scheint es, als erinnere sich Graubünden seiner blutigen Geschichte, als die Großmächte um die Alpenübergänge rauften. Es geschehen eine Reihe merkwürdiger Todesfälle. Der Rechtsanwalt de Colana, der in seiner Jugend ein vorzüglicher Bobfahrer war, brettert in einen See. Ein bankrotter Druckereibesitzer radelt mit einem Rucksack voller Steine ebenfalls ins Wasser. Auch die Schweizer Armee meldet Verluste. Ein Soldat erschießt sich, weil er aus Versehen beinahe seinen Vorgesetzten getroffen hätte. Zwei andere wählen wegen Liebeshändeln und Familienstreit den Freitod. Becher hat allerdings kein Interesse daran, den Detektiv zu spielen. Seine „ Idee war, den Antikriminalroman zu schreiben, der in einer kriminellen Epoche spielt.«



Eigentlich hat Trebla weder Zeit noch Geld, um mit dem Rechtsanwalt de Colana einen zu heben. Aber de Colana ist außergewöhnlich belesen und weiß auch nach dem fünften Glas noch zu erzählen: Bei Conrad Ferdinand Meyer findet er die passende Stelle zum Wein: „glutdurchwogte Veltlinertraube“. Das ist jetzt nicht die Langeweile eines betrunkenen Bildungsbürger. Die „Veltlinertraube“ wirkt grotesk und unwirklich, nachdem man ein paar Seiten vorher las, dass die Häftlinge, die nach Dachau verschleppt wurden, tagelang keinen Tropfen Wasser erhielten



Die teuren Automarken, die Sorge um Kunstwerke, die auserwählte Speisen verstärken den Gegensatz zu dem, was östlich und nördlich der Schweiz geschieht. Becher malt Hochglanzbroschüren aus und wandelt in den Foyers der Luxushotels, damit der Kontrast zu den geschorenen Köpfen der Inhaftierten um so deutlicher werde.

Laimgruber, ehemaliger Vorgesetzter Treblas im Krieg, kam im Zivilleben nicht mehr zu recht. Er scheiterte als Privatpilot. Und er scheiterte in Versicherungen und Nähmaschinen. Der Herr Hauptmann musste die bittere Erfahrung machen, dass man Kunden nicht befehlen kann wie Soldaten und Christsozialer kein Beruf ist. In einer der vielen Rückblende erinnert sich Trebla eines Gesprächs mit Laimgruber in dessen Büro während des Ständestaates ( 34 – 38) in Wien. „No, und dann nimmt man unter der Hand Verbindung auf mit gewissen Kreisen, und die Not hat ein End.“ Denn Laimgruber kann Trebla kubanische Zigarillos anbieten. „Woher bezieht er den Zaster für so teure Importe?“ hatte sich Trebla sofort gefragt. Laimgruber spionierte unter dem Deckmantel einer Detektivagentur für die Nazis. Er tauschte Schuschnigg (den damaligen Bundeskanzler) gegen ein paar Zigarren. Aber welch Getöse er um diese Sache macht. Der Offizier holt weit aus. „Jesus war Halbgermane“ und die „Sumerer , ein hochkultiviertes arisches Volk, von semitischen Nomadenhorden, den ah Kanaanäern, verdrängt.“ Laimgruber sieht seit „vier-tau-send Jah-ren“ einen „Konflikt zwischen dem zersetzenden nichtarischen und dem aufbauenden arischen Menschen“. So wie Laimgruber vor ihm steht und referiert ist er für Trebla der „Wechselbalg aus Gosse und Gral“ . Je plumper die irdische Entscheidung, um so größer der kulturelle Pomp, um jene zu verschleiern.



Dem kommunistischen Reichstagsabgeordneten Hans Beimler gelang eine spektakuläre Flucht aus dem Konzentrationslager Dachau. Nach ihm formte Becher Valentin Tiefenbrucker. Dieser, in einem Güterzug versteckt, rettete sich in die Schweiz und erzählt dort Kujath, einen ehemaligen zum Reichtum gekommenen Gummipflanzer aus Brasilien und Trebla das tragische Schicksal des weltberühmten Kunstreiters Giaxa. Eine Pirouette und das Publikum lachte über seine Parodie der Offiziersarroganz. Giaxa lehnt sich an den österreichischen Satiriker Alexander Roda-Roda an, der Bechers Schwiegervater war.



Brutalität und Kunstgeschmack vertragen sich manchmal. Giselher Lieblhensch, stellvertretender Lagerkommandant von Dachau, spielt Chopin und zitiert d´Annunzio. Er erwartet auf seinem Edeltrakehner , als sein „eigenes Reiterstandbild“ den verschleppten Giaxa. „Und das im Karree aufgestellte Heer der Geschundenen , das in die Tausende geht, samt seinen wenigen hundert Schindern, selbst die MG-Posten auf den Wachtürmen, alles starrt dem Einen entgegen.“ Liebhensch fordert Giaxa auf, seine Kunsttücke auf seinem Pferd vorzuführen. Tiefenbrucker, sonst so beredt, spricht als habe er gerade Deutsch gelernt über den Auftritt des Giaxa. „Wie er durch die blühenden Linden hinabreitet, der Zentaur im blauen Janker, ist das der Gutsherr selbst. Ist das Dachau in einer anderen Zeit. Ist das Dachau als Gut. Nicht als Bös.“ Giaxa inspiziert das Gelände. Eine Rampe führt zu einem LKW-Anhänger, der dicht an dem mit Strom geladenen Zaun steht. Giaxa treibt das Tier an und galoppiert auf die Rampe zu. Schüsse könnten auch das Pferd treffen. Aber auch führerlos würde es unfehlbar weiter rennen. Giaxas letzter Sprung: Der „Roßmensch“ verglüht im Elektrodraht.

Becher war der jüngste Autor, dessen Bücher die Nazis verbrannt hatten. Jahre der Emigration in Österreich, der Schweiz, Brasilien und den USA folgten. In Tiefenbruckers Bericht streift er die Sprachen der Flucht ab und findet zu seinem unverwechselbarenAusdruck. Das scheint er gespürt zu haben und zollt sich als Trebla selbst Anerkennung:

Kurios, wie sachlich-plastisch solch ein kommunistischer Billardchampion zu erzählen weiß, mit welch gezügelter Emotion dabei, welcher Disziplin und Distanz (selbst wenn er ein Schmähwort einsetzt) gegenüber dem Tatort tausendfachen und eines, seines eigenen Leidens, dem er soeben entfloh.“



Murmeljagd erschien 1969 erstmals. Damals dürften der Neckermann- und Quellekatalog die beliebtesten Bücher der Deutschen gewesen sein. Man konnte darin nach Belieben blättern und fand auf jeder Seite etwas Neues zum Auswählen. Diesem Prinzip folgt Becher über weite Strecken. Man kann sich zwischen dem Bayerischen eines Valentin Tiefenbrucker, dem Englischen eines irischen Jockeys im Ruhestand, dem Schmäh eines österreichischen Offiziers, der bei den Nazis mitmacht, die Berliner Schnauze eines Hans Pfiffke, dem Französischen der Kellnerin Anette, dem Rätoromanischen eines Bergführers und so weiter entscheiden. Auch die Genres kann man sich nach Belieben aussuche: engagierte Literatur, Brief, Krimi, Abenteuer, Landschaftsbeschreibung, Liebesromanze. Im Rückblick war diese Konstruktion ebenso neu wie naheliegend.

Für seine Frau Xane, die alte Sprachen studiert und die maue Kasse verwaltet, hat Trebla überkandidelte Kosenamen entwickelt: Reine Patapouf, Xane Coquelicot, Fräulein Schlafhase, die Lilienarmige, Elefantenfreundliche, Kukulaps. Sie zerfallen alle, als er ihr den Tod ihres Vaters übermitteln soll

Murmeljagd“ baut Ehrenmale für die gehängten Schutzbündler und Hans Beimler. Becher schafft es, sich noch heute unbeliebt zu machen.

Den Unterschied zwischen unterhaltender und ernster Literatur begegnet Becher mit mildem Spott. Ich glaube, er ist der einzige deutschsprachige Schriftsteller von Rang, der kühn Abenteuerromane und Krimis überfällt und ausraubt. Das macht die „Murmeljagd“ sprachmächtig und formenreich.



Ulrich Becher: „Murmeljagd“. Diogenes, Zürich. 2022. 720 S., Taschenbuch, 16 Euro.

ISBN: 978-3-257-24649-0

Der Roman ist voller zeitgenössischer Anspielungen und Personen. Dafür hat dankenswerter Weise der Becher-Verehrer Dieter Häner ein Register für die Entschlüsselung erarbeitet: www.murmeljagd.ch






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