Von der Saar bis zum Ebro

Spanischer Bürgerkrieg Das Schicksal der Saarländer glich einer Höllenfahrt Max Hewer ehrt in „Von der Saar bis zum Ebro“ Spanienkämpfer
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Nach all den Mühen, nach all den Schützengräben, Gefängnissen und Lagern empfing sie die Heimat mit Tuberkulose, den Anfeindungen des Nachbarn und einen bitteren „Kleinkrieg“ um die paar Groschen Entschädigung. Max Hewer zeichnet die Leben von mehr als zweihundert Saarländer nach, die sich in den dreissiger Jahren auf die Seite der frei gewählten Regierung Spaniens stellten.



Es ist eine bittere Erkenntnis, die Hewer beschreibt: „Viele der Zurückgekehrten zogen sich politisch völlig zurück. In ihren Heimatgemeinden galten nicht wenige als stigmatisiert und mieden selbst den Kontakt zu Freunden und Nachbarn der Vorkriegszeit. Das Vertrauen in die gleichaltrige Generation, die sich dem Nationalsozialismus hingegeben hatte, konnte nicht mehr gekittet werden.“ Jeden Tag mitansehen zu müssen, wie es der Mehrheit derer, die Nazis gewesen gewaren, wirtschaftlich und vor allem gesundheitlich besser ging, als der Minderheit der Antifaschisten, war eine düstere Monotomie.



Das „Saargebiet“ stand bis 1935 unter dem Mandat des Völkerbundes. Vorausgeschickt sei, dass die kleine Saar gut katholisch und vom Bergbau abhängig war. Das Zentrum war die grösste der Parteien. Nach Hitlers Sieg flohen ca 8.000 Deutsche an die Saar. Das gab der 1935 angesetzten Volksabstimmung eine neue Qualität. Neben der Rückkehr nach Deutschland ging es plötzlich auch um Freiheit oder Nationalsozialismus. „Status quo“, und „Häm ins Reich, nur net gleich“, waren die Parolen der Antifaschisten.

Der Gedanke einer Zusammenarbeit zwischen Kommunisten, Sozialdemokraten und fortschrittlichen Katholiken entstand. Es war der „Geist von Sulzbach“. In der roten Hochburg hatte die Sozialdemokratie ein Ausbildungsheim. Hier trafen sich im August 1934 Tausende von Hitlergegnern aller Schattierungen.

Die Genossen konnten die Saar nicht halten. Hitler wurde nicht an der Saar geschlagen. Mehr als 90 % entschieden sich für Nazideutschland. Zwei von drei Wählern der Linksparteien hatten gegen den Status quo gestimmt.

Der saarländische Schriftsteller Gustav Regler, dessen Roman „Im Kreuzfeuer“, die Zeit vor der Abstimmung schildert, sucht nach Gründen:

„Wir kämpften gegen eine Hydra. Doktor Goebbels spekulierte auf simple Gefühle. `Nix wie hemm!`, sagte ein volkstümliches Plakat. Unsere Losung hatte einen lateinischen Namen: Status quo. Status quo vor Arbeitern, die nur die Volksschule besucht hatten, Status quo vor Bauern, die zum Teil nicht lesen konnten – war das nicht eine Falle, dieser Status quo, oder sogar eine soziale Erniedrigung?“

Noch knapper Klaus Mann: „Die Saarländer hatten nichts hinter sich als zwei lateinische Worte, die niemand verstand.“

Nach der Niederlage die Verfolgung: Der Sozialdemokrat Hermann Drumm, der sich vehement für die Einheit der Arbeiterparteien eingesetzt hatte, musste sofort nach dem Volksentscheid um Leib und Leben fürchten.

Der Nazimob zog vor das Haus der Famiie Drumm und schleppte einen Galgen mit einer Strohpuppe mit, um deren Hals ein Schild mit seinem Namen hing.“



Frankreich wird Zuflucht. Die Regierung schickt die Emigranten in den Süden. Dort Arbeit in den Bergwerken, in der Landwirtschaft und im Strassenbau. . Als Franco putscht reagiert die SoPaDe in Prag zögerlich. Die saarländischen Sozialdemokraten unter Max Braun engagierten sich sofort für die Republik.



Die spanische Bevölkerung empfängt nicht nur die Saarländer enthusiastisch. Für diese ist es die kurze Illusion, jedes spanische Dorf sei ein Sulzbach.



Die Mehrheit der Spanienkämpfer hatte keine militärische Erfahrung vom Ersten Weltkrieg her. Aber die Bergarbeiter unter ihnen kannten sich mit Sprengen aus und mancher war an Sabotageakten gegen Brücken und Eisenbahnlinien beteiligt. Nach dem Sieg Francos wieder nach Frankreich. Dort Internierung, Untergrund, Auslieferung an die Gestapo durch das Vichy-Regime, Fremdenlegion, Konzentrationslager, Résistance, Fluchten nach Italien, England oder Nordafrika.



Die Saar empfing die Antifaschisten nicht als Helden im Kampf gegen Hitler. Max Hewer :

Diejenigen, die den Krieg in Spanien, die Illegalität, den Widerstand und die KZ überlebt hatten, kehrten nicht als Sieger in ihre zerstörte Heimat zurück.“

Das Mehrheitsgemüt dachte „Schwamm drüber“ und liess sich vom VW Käfer betäuben. Schneidiges Vergessen war nicht Sache der Spanienkämpfer. Aloys Weisgerber schreibt dazu exemplarisch für viele seiner Genossen:

Durch das furchtbare Geschehen, das ich dort - gemeint ist das Konzentrationslager Dachau - mit ansehen musste (Erhängen von KZ-Insassen, Erschießungen von Kameraden, Verbrennen der umgelegten Leichen, die sich täglich immer mehr steigerten) leide ich heute noch an Depressionszuständen, die mit den Jahren sich verschlimmerten“

Gustav Regler nannte die Entnazifizierung eine „Farce“. Bis zur Rückkehr nach Deutschland lief es an der Saar ein wenig besser. Das lag an der Regierung unter Ministerpräsident Johannes Hoffmann, der wie es Stefan Ripplinger so glänzend formuliert, „Verrat am Nationalsozialismus“ begangen hatte. Wie Hoffmann dürften die Spanienkämpfer Peter-Andreas Nonnengardt und Aloys Weisgerber zu den wenigen saarländischen Katholiken gehört haben, die den preussischen Herrenreiter verachteten und den verlockenden Aufrufen der Bischöfe von Trier und Speyer nicht folgten.

Die Biographien, so unterschiedlich sie auch sind, vereinen eins. Mut und Voraussicht den Faschismus aufzuhalten und damit die Katastrophe des Zweiten Weltkrieges verhindern zu wollen, wurden keineswegs belohnt. Nur zwei Spanienkämpfer wurden im hohen Alter mit der Verdienstmedaille des Saarlandes ausgezeichnet. Hewer ist zu danken, dass er den wenigen Widerständigen ein Denkmal setzt.

Max Hewer: Von der Saar zum Ebro

Saarländer als Freiwillige im Spanischen Bürgerkrieg 1936 – 1939; Blattlaus-Verlag, Saarbrücken 2016, 288 S., ISBN: 978-3-945996-08-9 ; 26 Euro



07:58 04.05.2017
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