Was ich von Eike Geisel lernte

Essays Das Buch zu dieser Zeit heißt „Die Gleichschaltung der Erinnerung“ und wurde vor über dreißig Jahren geschrieben.
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Wer die Muttersprache kann, hat meist Schwierigkeiten mit dem Vaterland. Der Journalist Eike Geisel (1945 – 1997) belegt das überzeugend in seiner Aufsatzsammlung „Die Gleichschaltung der Erinnerung“ . Geisel war Zeit seines Lebens für die Universalität der Menschenrechte und ein scharfer Kritiker von Volkstanzgehopse und sonstigen Stammesbräuchen. Weiter warf er Teilen der „linken Deutschen“ Antisemitismus vor. So findet sich leicht einer, der Geisel zu einem notwendigen Zeitgenossen erhebt. Beispielsweise deutete Wolf Reiser – leider in der „Telepolis“ - Geschichte, als wäre er direkt von einer Rede im Sportpalast gekommen. „Die Rothschild-Schatzmeister der City of London haben seit ihrer Machtergreifung vor knapp 200 Jahren die Welt in einen permanenten Kriegszustand versetzt.“ Reisers Kampf gegen die Eliten dürfte mit einem Eintopfgericht am Sonntag enden. Reiser ist auch Erfinder des „Plebsmobs“, weil doppelt gemoppelt hält besser. Lassen wir Reiser seine Imponiervokabeln Gassi führen und wenden uns Geisels Erkenntnissen zu.

Nach dem Abi war es für Geisel klar: Erstmal raus aus Deutschland. Für die „Aktion Sühnezeichen“ ging er nach Israel und lernte hebräisch. Während des Studiums beschäftigte sich Geisel wie viele seiner Altersgenossen mit den Schriften Adornos. Was ihn unterschied: Geisel las auch Hannah Arendt und übertrug später manche ihrer Essays ins Deutsche.

Abschied von der Mehrheitsströmung der Linken nahm er, als diese auf die Idee verfiel , man dürfe Begriffe wie Volk, Heimat und Nation nicht den Rechten überlassen. Natürlich wollten die Leute lieber das Original als die Kopie, lieber die „Trompete“ als den „Bauchredner“ wie Geisel verglich. Jetzt brauchte die Rechte nur zu ernten, was die Linke gesät hatte. Ab jetzt hiess der Kapitalismus zärtlich „Zivilgesellschaft“.

In Döblins Roman „Alexanderplatz“ stromert Franz Biberkopf auf der Suche nach „Cognac und Gesellschaft“ bis zu den „ Hackesche Höfen“ umher. Weiter traut er sich nicht. Denn drüben liegt Feindesland, droht das „Scheunenviertel“.

In diesem Slum leben die, die selbst der Krieg und seine Wirren satt hatte: Jüdische Flüchtlinge aus Osteuropa, kleine Diebe und Händler mit Bauchladen und Glückliche mit einer geteilten Schlafstelle, denen Deutschland täglich klar machte , dass sie Überflüssige und Rechtlose seien. Wenige entkamen der Armut; ans Judesein im Sinne des Reichsbürgergesetzes blieben alle gebunden. Geisel hatte Anfang der 80er Jahre ein reichlich mit Fotografien ausgestattetes Buch über das „Scheunenviertel“ herausgegeben. In düsterer Prognose hatte er darin geschrieben, wie man künftig mit dem Fremden und dem Schutzlosen umzugehen beabsichtige. Dass Europa an seinen Grenzen mal bewaffnet gegen die vorgehen würde, die es als unnütz einstufte, hatte er früh erkannt: „An den Ostjuden wird frühzeitig vollstreckt, was die Völker vorgesehen haben als Strafe für die widerspenstige Eigenschaft, nicht in der überholten Dreieinigkeit von Territorium, Volk und Staat aufzugehen: als unerwünschte Minderheit, lästige Ausländer, rechtlose Fremde und verächtliche Staatenlose werden sie zum Strandgut der Epoche; schließlich wird der ganze Kontinent zum Totenschiff.“

Geisel war über die Reaktion auf sein Buch verblüfft: Zum einem wurden nur die Bilder betrachtet: Sie wurden als Folklore gewertet. Tevje, der Milchmann, war aus dem „Stetl“ nach Berlin gekommen Das Alter der Fotos verwischte, dass je ärmer einer ist, desto fremder er uns erscheint. ist. Zum anderen spürte Geisel früh, dass die damals einsetzende manische Beschäftigung der Deutschen mit der „Shoah“ etwas mit Selbstveredlung zu tun hatte. Die Leser rühmten sich ihres „Feinsinns“, dass sie von nun an nicht nur den Juden Einstein kannten.

„Im Scheunenviertel“ handelt aber von „Staatenlosigkeit“ und „Fremdenfeindlichkeit“. Der Flüchtling ist für Geisel die große zentrale Gestalt des Zeitalters. Wahrscheinlich nicht zufällig schrieb Wolfgang Pohrt, ein langjähriger Mitstreiter Geisels, einen Essay über Eric Ambler. Wie diesem geht es Geisel um Menschen, die „drunten sind und deshalb draußen.“ Wer nichts mehr hat, außer seinem Menschenrecht und seiner Menschenwürde, ist verloren.

Wer im „Scheunenviertel“ wohnte, träumte vom „Bayerischen Viertel“. Es liegt im westlichen Teil Berlins und hier residierte das gehobene Bürgertum. Der Anteil der jüdischen Bevölkerung lag über den Durchschnitt, ohne dass der Stadtteil ein „spezifisch jüdisches Gepräge“ gehabt hätte. Eine Aufzählung der „Verdienstvollen“, die dort lebten, gäbe, wie Geisel Adorno zitiert „dem Antisemitismus allzu viel vor“. Es entspräche dem gängigen Gedanken, der Judenmord sei deshalb besonders schlimm gewesen, weil es berühmte Leute getroffen habe. Heute nährt eine Liste anerkannter jüdischer Wissenschaftler und Künstler die Vorstellung, die Deutschen seinen die ersten Opfer Hitlers gewesen: Sie seien intellektuell verstümmelt worden. Dabei liefen sie wie eine „Hammelherde“ Hitler begeistert hinterher. Geisel bezieht sich hier auf Karl Kraus , wonach Deutschland die „verfolgende Unschuld“ sei. Es ist die allseits beliebte Selbstdarstellung: Das deutsche Volk ist vom Pazifismus beseelt, will nur das Beste und ist deshalb verstossen. Dieser Verblendung begegnet Geisel überall. In einem Schulbuch, das er bespricht, ist die Rede von der „Friedenssehnsucht“ des deutschen Volkes, obwohl es sich bis zum 8. Mai 45 vehement mit Mann und Werwolf gegen die Wiedereintritt in die „zivilisierte Welt“ wehrte. In Russland war der deutsche Soldat chancenlos gegen „Väterchen Frost“.

Geisel wurde vorgeworfen, es gäbe Schlimmere als die, welche er kritisiert. Dem kann man antworten, dass Geisel sich mit einem Milieu anlegt, dass aus dem er selbst stammt und dass er bestens kennt. Zudem zitiert Geisel Leute, die weder die Tastatur halten noch an einem Mikrophon vorüber gehen konnten.

Als sich Mölln mit Hoyerswerda und Rostock mit Solingen wiedervereinigte, sah sich Geisel das lieber vom Ausland aus an. Geisel sagte buchstäblich voraus, dass bald Stasi gleich Nazi sei, Honecker mit Hitler verglichen werde und die Vergesellschaftung als höchste Form der Arisierung gelte. „Der Patriotismus macht den Juden“, schrieb Geisel in Anlehnung an Sartre. Die „stolzen Formulierungen“ des kommunistischen Manifests, wonach man sich vereinigen solle und keine Heimat habe, hätten nur Konzerne und Polizei verwirklicht. Der Zufall, in Deutschland geboren worden zu sein, hatte für Geisel, der Israel und die USA kannte, immer etwas Bedrückendes. „Man braucht keine Türken zum Beweis heranzuziehen für den Umstand beispielsweise, dass man in Deutschland noch immer besser monatelang tot in seiner Wohnung verschimmelt, als lebendig begraben zu sein inmitten einer Gesellschaft von potentiellen Blockwarten.“ So einen wie Geisel hatte sich Nietzsche gewünscht: „Die Wendung zum Undeutschen ist deshalb immer das Kennzeichen der Tüchtigen unseres Volkes gewesen.“

Fühlen sich die Deutschen als „Verdammte dieser Erde“, so führt Geisel zwei Juden an, die sich als Bürger kommender Welten verstanden.

Hersch Mendel wurde 1890 in einem Warschauer Elendsviertel geboren. Arm und jüdisch sein, das ließ Mendel nur die Wahl entweder Krimineller oder Revolutionär zu werden. Beobachtung und Erkenntnis vereinten sich im jungen Mendel und er träumte lieber davon, den Präsidenten zu verprügeln als die Jungs aus der Nachbarschaft. Früh gemerkt und sein Leben lang behalten: Recht und Gerechtigkeit sind verschiedene Dinge. Wegen dieser Einsicht war Mendel Jahre im Gefängnis und in der Emigration . Mendel wurde als Individuum einzigartig, weil er sich nie im Privatleben einrichtete. Kein Amt im Zentralkomitee oder im Aufsichtsrat konnte ihn mit der Welt versöhnen. Stur der Eigensinn, der ihm jeden Aufstieg vermasselte. Das Denken ließ er sich nicht vom Ehrgeiz verbieten. Auf der Lenin-Schule in Moskau beobachtete er, wie der Gehorsam gegenüber der Parteileitung statt Fähigkeit und Engagement übers Fortkommen entschied. Zu Besuch in Berlin auf einen Blick die Anpassung deutscher Sozialdemokraten ans „falsche Ganze“ (Adorno) registriert: „Entweder man demonstriert, oder man fragt die Polizei um Erlaubnis, beides zusammen ist nicht zu haben.“ In Frankreich Mitte der Dreißiger Jahre riet Mendel Leon Sedov und Leo Trotzki dringend davon ab, eine „Vierte Internationale“ zu gründen. Es sei wenig sinnvoll, kleine Gruppen ohne jeden Einfluss zu verbinden. In Polen war Mendel zusammen mit dem späteren Historiker Isaac Deutscher, der die „Erinnerungen eines jüdischen Revolutionärs“ ins Englische übertragen und mit einem Vorwort versehen sollte, zu den ersten, die im Nationalsozialismus die kommende Gefahr sahen. Mendels Gegengift: Zusammenarbeit mit den Sozialdemokraten, Einheitsgewerkschaft und Demokratie innerhalb der Partei. Für Mendel war der Hitler-Stalin-Pakt die Niederlage: „Für mich war der Kampf für den Sozialismus alles. An andere Dinge hatte ich nie gedacht, und nun wurde ich Zeuge eines furchtbaren Sturms, der alles zerstören würde.“ Nach dem Zweiten Weltkrieg wanderte Mendel, der zuvor den Zionismus strikt abgelehnt hatte, nach Israel aus. Den umgekehrten Weg ging sein Übersetzer ins Deutsche Jakob Moneta. Geisel hatte die „Erinnerungen eines jüdischen Revolutionärs“ begeistert besprochen.

Walter Zadek (1900 – 1992 ) wusste 1933 genau, warum er fliehen musste. Er hatte für liberale Blätter und die „Weltbühne“ gearbeitet und ein eigenes Nachrichtenbüro gegründet. Auf abenteuerliche Weise rettete er sich ins damalige Palästina. Statt Hebräisch lernte er mit einer Kamera umzugehen und gründete das erste Antiquariat in Tel Aviv. Geisel schätzte Zadeks „kompromisslose Weltläufigkeit“ und dessen „unbelehrbare Verachtung des Nationalismus“. Im Nationalsozialismus erblickte Zadek den „moralischen Niedergang der Welt.“ Zadeks Fotografien wurden in Deutschland unter dem Titel „Kein Utopia...“ verlegt. Es bezieht sich auf ein Diktum Bubers: „ Die jüdische Kibbuzjugend glaubt, ihre Siedlungen liegen in Utopia, aber sie liegen in Arabien.“ Zadek dokumentierte in seinen Bildern die palästinensische Bevölkerung als Objekte der Neugier und der exotischen Fremdheit. Seine Arbeiten aus dem jüdischen Gemeinwesen beharrten darauf, individuelle Personen abzubilden. Lieblingsmotiv war damals der heroische Pionier mit visionären Blick, was Zadek ablehnte. Er mischte sich in die israelische Innenpolitik ein. Seine Polemiken attackierten den „Chauvinismus des zionistischen Establishments“. Damit hatte er der deutschen Entlastungsoffensive, die schon immer Meinung war, die Israelis seien auch nicht viel besser als die Nazis, schon „vor über 40 Jahren die Pointe geklaut.“

Der „Weltmarkt“ ist der große Gleichmacher, schreibt Geisel in „Befreiunsnationalismus – Antiimperialismus“. Vor ihm gibt es keine Sprache, keine Religion, kein Volk. Darum die „ökonomische Unmöglichkeit nationaler Befreiung“ (Detlev Hartmann), darum ist „Antiimperialismus“ als linker Begriff nicht tauglich. Geisel wirft jenem vor „partikulare und marginale gesellschaftliche Fragen geradezu antitheoretisch“ aufzuwerten. Verfallsformen, solcher von Geisel schon vor über dreißig Jahren als falsch erkannten Teilung der Welt, erkennen wir heute in „kultureller Aneignung“ „peoples of color“ oder Diversität. Es kennzeichnet die Rechten, Gegensätze innerhalb eines Volkes kleinzureden und Gegensätze zwischen den Völkern zu erhöhen. Selbstbestimmung und Souveränität sind keine Werte an sich. Jeder Linke wird zustimmen, dass es ein Fehler war, dass Deutschland zwischen 1933 und 1945 selbstbestimmt und souverän handeln konnte und es ein Fehler war, 1936 sich nicht stärker in die spanische Innenpolitik einzumischen. Mit gespenstischer Hellsichtigkeit seziert Geisel den Begriff Identität. „Ebenso falsch und sinnlos ist der Begriff der Identität. Als völkische, nationale oder sonstwie kollektiv bestimmt, schleppt sie immer die assoziierte Herkunft mit, die natürlichen Wurzeln etwa, das naturhaft Verbindliche oder Verbindende, diesen Gemeinschaftsdünkel, der in letzter Zeit wieder so viel gefährliche Brisanz entwickelt hat.“ Claudius Seidl schrieb vor kurzem in der „FAZ“ : „Wenn es in der Politik nicht mehr um die Artikulation von Interessen, sondern nur noch um Identität geht, bleibt nichts mehr, worüber man verhandeln könnte. Niemand beherrscht diese Identitätspolitik besser als die Neue Rechte.“ Identität war das Zauberwort, um die Solidarität zu verjagen und versehen mit kulturellen oder ethnischen Beiwerk Anlass für viele Gemetzel. Der österreichische Schriftsteller Michael Scharang fasst zusammen:

„Das Wesen der Identität, sagt Hegel, ist die Nichtidentität. Behauptet ein Österreicher, er sei Österreicher, ist das unter allen Pleonasmen der dümmste. Die Aussage läuft darauf hinaus, dass der Österreicher versichert, gewiss kein Türke zu sein. Nur das macht ihn zu etwas Besonderem. Was drängt den Bürger, mit Hilfe solcher Abstrusität ein Selbstwertgefühl zu erschleichen? Die Rache für das, was ihm angetan wurde.“

Geisel verfügte über eine unvergleichliche Sprachbeobachtung: „Der Begriff `Erlebnis` bezeichnet etwa im Unterschied zu `Erfahrung` das Aussetzen der Reflektion beim handelnden Subjekt.“ Die Linke fuhr begeistert in den Erlebnisurlaub nach Griechenland. Heute klebt „Erlebnis“ an jeder zweiten Reklamewand. Geisel schützt einem vor den Zumutungen und Phrasen der Gegenwart.

Wenn man die Zeitung mit dem kritischen Besteck, das uns Geisel schenkte, liest, wird man klüger. Es lässt sich nicht vermeiden.



Eike Geisel: Die Gleichschaltung der Erinnerung.
Kommentare zur Zeit.
Edition Tiamat, Berlin 2019, 488 Seiten, 26 Euro; ISBN: 978-3-89320-248-5

14:02 09.04.2020
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