Bob Dylan: Die -noch- ungehaltene Rede

Nobelpreisverleihung Bei einer Award-Veranstaltung im vergangenen Jahr hielt Bob Dylan tatsächlich eine Rede. Ihr Inhalt könnte darauf hinweisen, was am 10. Dezember vorgetragen wird
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Moritz Freiherr Knigge, schon vom Namen her gewiss ein Benimm-Experte, hat dem Spiegel (Nr. 48 v. 26.11.) auf die Frage, ob Bob Dylan cool oder ein Flegel sei, eine klare Einschätzung gegeben: Cool wäre es gewesen, wenn er den Preis ausgeschlagen hätte. Dass er nun wegen "anderweitiger Verpflichtungen" der Verleihungszeremonie fernbleibe, sei demgegenüber "frech".

Seit kurzem nun hat sich, das konnte Knigge noch nicht wissen, die Lage ein wenig entschärft, denn immerhin wird Patti Smith an Dylans Stelle nach Stockholm reisen. Und der Preisträger hat auch eine Rede vorbereitet, die an dem Tag verlesen werden könnte.

Über den möglichen Inhalt dieser Rede kann natürlich kräftig spekuliert werden.
Nicht völlig ausgeschlossen ist, dass dabei die Lektüre einer programmatischen Rede hilft, die der Musiker und preisgekrönte Autor im vorigen Jahr anlässlich der Verleihung des MusiCares Awards gehalten hat und die der deutsche Rolling Stone in seiner Dezemberausgabe in Auszügen abdruckt mit in genau diese Richtung gehendem Teaser: "Die Rede dazu hielt er bei ganz anderer Gelegenheit bereits vor einem Jahr" (der ganze Text online als Transkript auf der amerikanischen "Mutter"-Website).

Nach den üblichen Danksagungen legt Dylan in seiner Rede nochmals eindringlich dar, dass er Teil eines großen Songkanons sei. Alle Lieder, die alten wie die neuen, sind untrennbar miteinander verbunden, und falls er etwas Neues beigemischt habe, solle man sich nicht täuschen, denn er habe vielleicht eine "andere Tür auf eine andere Art geöffnet", es "sagt aber im Prinzip das Gleiche".
Seinen Lernprozess hin zum Songwriter beschreibt er auf eine Weise, die wie geschaffen ist für eine Rede in Sachen Literaturnobelpreis, denn er entwickelt diesen Prozess strikt von den Liedtexten her. Er zitiert Textzeilen eines Traditionals, um dann lakonisch zu konstatieren, dass daraus wie selbstverständlich eines seiner Klassiker entstehen konnte: "..."John Henry was a steel-driving man/Died with a hammer in his hand/..." Wenn Sie den Song so oft gesungen hätten wie ich, hätten auch Sie "How many roads must a man walk down?" geschrieben". Versteht sich von selbst. Auf diese Weise schlägt Dylan dann weiter eine Brücke von Big Bill Broonzys "Key To The Highway" zu seinem "Highway 61 Revisited", dann vom Song "Sail Away Ladies", der für ihn direkt zu "Boots Of Spanish Leather" führt.
Bemerkenswert an diesen Ausführungen ist aber letztlich etwas anderes, das sich ganz nebenbei wie ein Kommentar zu diesen Zeiten vielfältigster Medienrezeption liest, der ein wirkungsvolleres, erfüllenderes Verfahren vorzuziehen ist: Der Sänger im Redner Bob Dylan betont in fast jeder Zeile, dass er diese Lieder gesungen, dass er sich den Songkanon also unmittelbar körperlich angeeignet hat, noch und noch, es lohnt sich, diese Zitate aneinanderzureihen: "Ich sang sie eigentlich überall", "Wenn man "John Henry" so oft gesungen hat wie ich", "Den habe ich auch oft gesungen", "Wenn Sie den oft singen", "Wenn Sie diesen Song so oft gesungen hätten wie ich", so geht das immer weiter.
Heißt: Die Road des Einverleibens durch das Singen führt durch eine liederschmiedtechnische Internalisierung unweigerlich zum Highway des eigenen Songwritings auf mindestens gleichem Level.

Ansonsten dürfte die schon gehaltene Rede des Nobelpreisträgers für den Tag in Stockholm nicht so viel bereithalten, es werden die Akteure der Musikbranche angesprochen und in wohlwollende und ablehnende Geister unterteilt: Das Songwriter-Duo Leiber/Stoller etwa (Hound Dog/Ruby Baby/Jailhouse Rock) konnte seinen Songs nichts abgewinnen - vice versa: Dylan schätzt sowieso mehr den ihm gewogenen, "in einer anderen Liga" spielenden Doc Pomus (obwohl der ja mit Leiber/Stoller zusammen z.B. "Young Blood" geschrieben hat), und der große Ahmet Ertegun (Ray Charles/Rolling Stones etc.) mochte seine Songs nicht, aber Dylan zieht sowieso Sam Phillips mit seinen "radikalen Künstlern" Elvis Presley, Jerry Lee Lewis, Carl Perkins und Johnny Cash vor.

Etwas erstaunen mag die Stelle, an der der Sänger auf die Kritiker seiner Stimme und seines Gesangs eingeht, es scheint da eine unvermutete Verletzlichkeit durch, letztlich fragt er sich tatsächlich, warum die gleichen Vorwürfe (Stimme im Eimer) nicht Tom Waits oder Leonard Cohen träfen. Das währt aber nicht lange, es folgt sofort ein Treffer: "Andere Kritiker behaupten, ich könne den Ton nicht halten und würde nur nuscheln. Wirklich? Ich habe nie gehört, dass man das Gleiche über Lou Reed sagt." Wo der Mann recht hat, hat er recht.

Patti Smith wird in Stockholm also wohl Bob Dylans Lied "A Hard Rain´s A-Gonna Fall" singen, über das der Sänger in seiner Rede sagt, wir hätten es auch geschrieben, wenn wir oft genug gehört hätten, wie Robert Johnson "Better come in my kitchen, `cause it´s gonna be raining outdoors" singt, und es wird eine von Bob Dylan verfasste Rede gehalten. Inhalt s.o.?
Mal sehen.

18:32 09.12.2016
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