Wie zieht der Springer?

Schach-WM im Stream Hunderttausende Schachfans verfolgen die teilweise zähen Partien der Weltmeisterschaft im Livestream. Bei Laune halten können sie sich dank zahlreicher Memes problemlos.
Bei diesem Beitrag handelt es sich um ein Blog aus der Freitag-Community

Sechs Stunden lang schieben Magnus Carlsen und Ian Nepomniachtchi schon ihre Figuren auf dem Schachbrett hin und her. In Dubai, wo sie die zweijährliche Schachweltmeisterschaft WCC gerade zwischen sich austragen, ist es mittlerweile kurz vor 23 Uhr als knapp 210.000 Menschen, verstreut über die Welt, ihren Schachidolen über die Schulter schauen. Zumindest auf dem Bildschirm. Auf der Livestreaming-Plattform Twitch – vor allem 10-30-Jährigen bekannt für Unterhaltung und Gaming – hat sich das jahrhundertealte Schachspiel am Freitag zeitweise auf Platz 5 vorgekämpft. Klassiker wie League of Legends, Counter Strike oder Fifa 22 hat es da bereits hinter sich gelassen.

Die neue Schach-Faszination kann auf den ersten Blick etwas irritieren. Denn Mitfiebern bedeutet im Weltklasse-Schach etwas anderes als z.B. im Fußball. Gewinner und Verlierer? Wer das erwartet, wird meist enttäuscht. Fünf Jahre ist es mittlerweile her, dass eine klassische Schachpartie bei einer WM nicht mit einem Unentschieden geendet ist, so auch die ersten fünf Parteien der diesjährigen WM.

Die Schach-Community nimmt das mit Humor, gestaltet im Chat, der direkt neben dem Livestream allen auf Twitch zur Verfügung steht, ihr eigenes kleines Unterhaltungs-Programm. Spezielle Browser-Erweiterungen verwandeln für sie einzelne Textbausteine in Emotes, also kleine Bilder. So kann der Chat mitleiden, wenn Carlsen hochkonzentriert seinen Kopf in seine Hände vergräbt, indem es mit dem passenden, ikonischen Emote den Chat flutet – ein Mann, der seinen Kopf in seine Hände vergräbt. Nicht sehr kreativ, aber mitfiebernd, empathisch, identifikationsbedürftig. Wenn die Kommentatoren das zähe Treiben auf dem Brett wieder allzu eifrig dramatisieren, über hypothetische Fehlzüge fantasieren oder Gewinnchancen betonen, hagelt es „COPIUM“ in den Chat – ein Frosch, der ein fiktives Gas inhaliert, um mit unangenehmen Wahrheiten – z.B. einem erneuten Remis – zurechtzukommen. Wenn die Uhren der beiden Großmeister nur noch wenige Minuten oder Sekunden anzeigen, bekommen die Frösche, die gepostet werden, besorgte, angsterfüllte Augen. Inside-Jokes und tradierte Codes, die untrennbar zum eigentlichen Streamgeschehen dazugehören.

Eingebetteter Medieninhalt

Erbarmungslos urteilt während der Partie ein Computer – ein unscheinbarer Balken am linken Rand des digitalen Bretts – in Sekundenschnelle über die Züge, die den Großmeistern die Hände an den Kopf und die Falten auf die Stirn treiben. Er zeigt sofort an, wenn die Partie droht in eine Richtung zu entgleiten. Er verleitet dazu, sich den Großmeistern, die alles im Kopf kalkulieren müssen, fast überlegen zu fühlen. Sehnsüchtig wartet der Chat stundenlang auf den nächsten Geniestreich der Großmeister, oft aber auch voller Schadenfreude auf einen „Blunder“, also einen spielverlierenden Zug. Hauptsache, es passiert mal was.

Treibende Streichermusik von Adrián Berenguer, die an die dramatischen Schachpartien der siegreichen Beth Harmon in Netflix‘ „Queens Gambit“ erinnert, füllt die Pausen im beliebtesten Stream auf der Plattform. Im Chat nicken einige Katzen rhythmisch mit ihrem Kopf. Durchschnaufen für die Kommentatoren. Sie haben heute einen besonders langen Arbeitstag. Carlsen und Nepomniachtchi spielen mit knapp acht Stunden die längste Partie in der Geschichte der Schach-WM.

In einer Stellung, die theoretisch, also mit perfektem Spiel, ein Unentschieden ist, ringt Carlsen – besonders für seine Endspiel-Qualitäten gefürchtet – Nepomniachtchi doch noch einen Sieg ab. Nach fünf Jahren ist die Remis-Qual beendet. Im Chat hagelt es offene Münder. Oder wie es auf Twitch heißt: Pog.

Als Andrea Botez, eine 19-jährige kanadische Schachspielerin, die mit ihrer Schwester einen der erfolgreichsten Schachkanäle auf YouTube und Twitch betreibt, auf der Pressekonferenz zwei Tage zuvor Magnus Carlsen bitterernst befragt, ob er ihr erklären könne, wie sich der Springer auf dem Brett bewegt, empörten sich nur noch wenige über diese vermeintliche „Respektlosigkeit“ bei einem solch ruhmreichen Event. Die Frage, ein Inside-Joke. Carlsen kennt Botez, hat mit ihr schon Videos gedreht. Das wiederum ist kein Zufall. Er ist längst überzeugt, klassisches Schach hat eine schwere Zukunft. Schnell- und Blitzschach, vor allem online, sei schließlich deutlich aufregender – für die, die spielen, und für die, die zuschauen. Mit einem so unideologischen Weltmeister kann sich die Schach-Community jedenfalls auf viele weitere Jahrzehnte auf ihren 64 Feldern freuen.

Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Steven Hartig

Studiert Soziologie und Linguistik an der Uni Bielefeld. Mecklenburger. 24 Jahre. Schreibt und spricht beim Campusradio Hertz 87.9.
Schreiber 0 Leser 8
Steven Hartig

Kommentare