So leiden ledige Mütter in Marokko

Frauen Der neue Film „Jewels of grief“ zu Deutsch „Juwelen der Trauer“ des deutsch-marokkanischen Regisseurs Mohamed Nabil behandelt das Thema der ledigen Mütter in Marokko.
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Seit Jahren bringen in Marokko immer mehr Frauen Kinder außerhalb der Ehe zur Welt. Die sogenannten „ledigen Mütter“ werden jedoch stark diskriminiert, denn ihr Kind ist der unumstößliche Beweis des sexuellen Verkehrs außerhalb der Ehe, der laut Artikel 490 des marokkanischen Strafgesetzbuches rechtswidrig ist. Auch wenn dieser Artikel in den letzten Jahren nicht mehr so rigoros angewandt wird, ist die marokkanische Gesellschaft von der Akzeptanz lediger Mütter noch weit entfernt. Ein uneheliches Kind wird als Verstoß gegen Gesetz und Religion aber auch gegen die Moral und die guten Sitten gesehen, und die Mutter, die im Gegensatz zum Vater immer sichtbar ist, im Alltag stark diskriminiert. Neben der sozialen Ächtung werden viele Frauen auch von ihrer Familie verstoßen. Da sie vom Staat keine Hilfe zu erwarten haben, landen sie oft in Armut, Kriminalität oder gar in der Prostitution.

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Die Geschichten der Frauen sind sehr unterschiedlich. Oft spielt ein Mangel an Bildung und sexueller Aufklärung eine Rolle. Da in Marokko auch heute noch viele junge Frauen sehr schlecht gebildet oder gar Analphabetinnen sind, haben sie meist keine Ahnung von Verhütung und werden so schneller ungewollt schwanger. Daneben gibt es Fälle von Missbrauch, Vergewaltigungen, falschen Heiratsversprechungen und dem Tabu der Sexualität allgemein. Auch ist aufgrund der schwierigen wirtschaftlichen Lage des Landes (hohe Arbeitslosigkeit und steigende Lebenshaltungskosten) das Heiratsalter rapide angestiegen. Viele junge Leute können sich eine Ehe schlichtweg nicht leisten.

Hilfsorganisation versuchen die ledigen Mütter aufzufangen und ihnen den Start in ein unabhängiges, selbstbestimmtes Leben zu ermöglichen. Vom Staat und der Zivilgesellschaft bleibt allerdings noch viel zu tun, denn eine Änderung in der Mentalität lässt sich nicht vom Gesetz erzwingen.

Der Dokumentarfilm „Juwelen der Trauer“ zeigt exemplarisch die Biographien von zwei ledigen Müttern in Marokko. Nezha ist auf dem Land aufgewachsen und hat keinen Zugang zu Bildung erhalten. Sie ist noch minderjährig, als sie durch die Beziehung zu einem Nachbarsjungen, der ihr die Ehe verspricht, schwanger wird. Doch dann wird sie sitzen gelassen und von der Familie und dem Umfeld geächtet. Sie flieht in die Hauptstadt und sucht Hilfe bei Frauenorganisationen. Trotz aller Bemühungen schafft sie es nicht, den Lebensunterhalt für sich und ihr Kind zu organisieren, so dass sie ihren Sohn abgeben muss.

Die zweite Geschichte zeigt das Leben von Nadia, die eigentlich aus gutbürgerlichem Hause stammt. Als Teenager rebelliert sie gegen die Vorstellungen ihres Elternhauses und wird daraufhin aus dem Haus geworfen. Als Frau allein auf der Straße hat sie keine Chance klarzukommen, also flüchtet sie sich zu ihrem Freund. Kurze Zeit später wird sie von ihm schwanger und er kommt mit dieser Situation nicht zurecht. So landet sie wieder auf der Straße, diesmal mit Kind. Der Abstieg beginnt mit Alkohol- und Drogenkonsum und endet in der Prostitution. Heute hat Nadia drei uneheliche Kinder und sieht keinen Ausweg aus ihrer Lage.

Die Situation in Marokko ist komplex und nicht einfach zu verstehen. Im Film kommen auch Experten zu Wort, die erklären warum trotz Reformen des Familienrechts ledige Mütter noch immer nicht akzeptiert werden und unter Diskriminierung leiden.

Der 2013 fertiggestellte Dokumentarfilm wurde von Mia Paradies Productions in Berlin produziert, ist 74 Minuten lang und im Original auf Arabisch mit englischen Untertiteln. Er wird auf internationalen Festivals zu sehen sein und auch Fernsehsendern angeboten. Weitere Informationen zum Film und der Trailer sind auf der Webseite http://miaparadiesproductions.weebly.com/trailer.html zu sehen.

Der Film „Juwelen der Trauer“ wird auf dem 13. Filmfest FrauenWelten Tübingen am 27. November 2013 um 18 Uhr im Kino Museum, Am Stadtgraben 2, 72070 Tübingen gezeigt. Der Regisseur Mohamed Nabil ist anwesend. Weitere Informationen unter: http://www.frauenrechte.de/filmfest

Eine erste Vorführung von „Juwelen der Trauer“ fand im Rahmen einer Veranstaltungsreihe zum Jubiläum 50 Jahre marokkanische Migration in Deutschland am 17. Juni 2013 um 19:15 Uhr im Filmkunstkino Bambi, Klosterstraße 78, 40211 Düsseldorf statt.

14:00 09.06.2013
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Geschrieben von

Shirin Schatz

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