Vielfaltsetiketten statt Vielfaltsetikette

Diversity Unternehmen können sich allzu leicht in der Öffentlichkeit für ihr Diversity-Engagement preisen. Organisationen wie der Charta der Vielfalt e.V. machen es ihnen einfach.
Bei diesem Beitrag handelt es sich um ein Blog aus der Freitag-Community

Es ist naturgemäß schon immer recht konsensgetrieben zugegangen in der Gay Community. Wo mit gutem Willen engagiert und geschaffen wurde, da pflegten wir uns zuzuapplaudieren, wenn schon „schwul“ auf dem Etikett eines unserer Produkte stand – selbst wenn der eine CSD-Wagen eher hässlich war, oder der andere Schwulenroman misslungen; eine politische Initiative undurchdacht oder ein Travestieauftritt saupeinlich statt stilvoll campy. Ging es bei der Emanzipation um die Wurst, vermochte das Harmoniestreben der Szene zur Durchsetzungskraft zu beschleunigen, über Organisations- und Parteiengrenzen hinweg. Dank dessen sind wir Homosexuelle in Deutschland nach langen Kämpfen nun weitestgehend rechtlich gleichgestellt.


Nicht nur um die Wurst, sondern um ganze Fleischtöpfe dreht sich alles, schauen wir auf die Gleichstellung von Homos in der Arbeitswelt. Sie tickt anders als die politische Welt. Da droht die schwule Netzwerkerei in eine Lage zu kippen, in der uns der Sand in die Augen geradezu reinrutscht – und wir nicht mehr genau hinschauen. Mit harmlosen Maßnahmen allein gegen gläserne Decken hauchen, no way!


Gleichwohl will uns etwa die Uhlala GmbH anlässlich ihres Arbeitgebersiegels Pride 500, jüngst mit dem Aktionsbündnis gegen Homophobie e.V. initiiert, Glauben machen, Träger dieser Auszeichnung setzten ein Zeichen für die Gleichberechtigung und Wertschätzung all ihrer Mitarbeitenden, gleich auf allen Geschäfts- und Organisationsebenen, wie es heißt. Danach hätten LGBTI bei Inhabern des Siegels die Sicherheit, sie selbst sein zu können und sich nicht am Arbeitsplatz verstecken zu müssen. „Arbeitssuchende“, schreibt die Uhlala GmbH auf ihrer Website, „erhalten dadurch eine wichtige Orientierungsmöglichkeit bei der Auswahl eines offenen und inklusiven neuen Arbeitsumfelds.“ Mag in vielen Fällen so sein. Das Problem aber ist: Uhlala verkauft die Pride-500-Qualifikation als Audit – gibt wortwörtlich eine Beglaubigung vor, wo bescheiden eher von einem unternehmerischen Self-Assessment die Rede sein müsste. Denn der Dienstleister, u.a. Veranstalter der LGBT-Karrieremesse Sticks & Stones, gerät in das Dilemma, ein Siegel an diejenigen zu vergeben, von denen er finanziell nicht unabhängig ist. Der Zugang zu seiner Messe hat seinen Preis – die Rechnung stellt derselbe Absender. Der würdigt mit dem Pride-500-Siegel Unternehmen zu Standards, die er nur gegen teuer Gebühr und Vertraulichkeitserklärung transparent macht. Und in einer Prozedur, die die Geprüften nach eigenen Worten gerade eine Stunde Fragebogenausfüllen kostet. Das Problem ist dabei nicht die gutgemeinte Praxis, sondern das Konstrukt. Und nach welcher Eigenzertifizierung beurteilt eigentlich Uhlala , außer der, LGBTI-orientiert zu sein?


Auf ungleich größerer Ebene, formell umso nachlässiger betreibt die unternehmerische PR-Plattform Charta der Vielfalt e.V. das Treiben um eine Art Diversity-Beglaubigung. Unterzeichner der gleichnamigen Charta durchgehen überhaupt kein Assessment, um das Logo der Allianz für Vielfalt in der Firmenwelt tragen zu dürfen – unter der Schirmherrschaft des urkundengegenzeichnenden Bundeskanzleramts. Die Aktivitäten des Vereins und seiner zahlreichen Anhänger sind im Wesentlichen die der Unternehmenskommunikation: Events, Pressemitteilungen, Aufklärung, Broschüren. Alles legitim. Aber der Fleiß in eben dieser Disziplin ist denn auch – neben der Zahlung einer Verwaltungspauschale – alleinige Voraussetzung fürs Mitmachen: „Da die Unterzeichnung der Charta der Vielfalt eine Selbstverpflichtung ist, erfolgt keine Überprüfung der Einhaltung durch die Geschäftsstelle, es wird jedoch erwartet, sich aktiv am Netzwerk zu beteiligen“, schreibt die Verschiedenheitsförderungsorganisation. Es überrascht da nicht, dass der Verein auf seiner frisch relaunchten Website unter den sechs Vorteilen für eine Unterzeichnerschaft fünf nennt, die statt mit der Verbesserung betrieblicher Vorgänge für und durch Diversity vor allem mit reputativen Aspekten zu tun haben. Der Gipfel dieser Logik ist der selbst ausgerufene alljährliche Diversity-Tag, an dem sich Firmen – böse formuliert – dafür feiern, AGG-Gesetzgebung und wirtschaftlicher Vernunft zu folgen (also ihren Job zu machen).


Die wirksame Beschäftigung mit heißen Eisen wie die immer noch verbreitete Toleranz von Mobbing als Kavaliersdelikt oder Karriereauslesesystematiken auf Basis von MitarbeiterverGLEICHEn (!) – was mit Urkunden allein nicht bekämpft werden kann – wird man gerade von den führenden Mitgliedsunternehmen des Charta der Vielfalt e.V. wohl kaum erwarten dürfen. Und schauen wir auf die Agenda der jüngsten Diversity-Konferenz des Vereins, dann sehen wir Experten, die sich gegenseitig selbstreferenziell bestätigen, das eigene Vokabular drehen und Gefahren für Diversity nur entlang äußerer Trends ausmachen – aber kaum anhand der ungeschlossenen Glaubwürdigkeitslücke bei sich selbst. So sollte ein schwuler Bewerber nicht unbedingt darauf vertrauen, bei einem Charta-Arbeitgeber nicht benachteiligt werden zu können, Charta-Unterschrift als Zeichen guten Willens hin, Pride-500-Siegel her. Da fehlt es an strengen und wirksamen Zugangskriterien zu den Auszeichnungen. Und Zugangskriterien bedeuten im Zweifel auch – kritisch nachzuprüfen, Firmen mitunter nicht als divers anzuerkennen, vielleicht auch als prinzipienverstoßend aus dem Kreis der Vielfaltsfreunde auszuschließen.


Verkehrte Welt herrschte gar, als der Charta der Vielfalt e.V. im jüngsten Wahlkampf Prüfsteine an die Parteien richtete, wo seine Teilnehmerunternehmen sich internen Prüfsteinen kaum zu stellen haben. Und: Gleich nach der Wahl veröffentliche seine Geschäftsführerin eine gut gemeinte Pressemitteilung gegen rechts, die eine substanzielle Auseinandersetzung mit dem Erstarken der AfD vermissen ließ; wohl aber den üblichen Sprech der Diversity-Liga mantrahaft vorzubeten wusste. Man hat nur eine Ahnung davon erhalten, dass die – übrigens nur aus Frauen bestehende – Geschäftsstelle des Charta der Vielfalt e.V. der Medientaktik der neuen Rechten hoffnungslos unterlegen sein wird, sollte diese weiter um sich greifen.


Es würde einen übrigens nicht wundern, wenn gleich unter den ersten Pride-500-Siegel-Trägern auch viele Charta-der-Vielfalt-Unterzeichnerfirmen stecken würden. Ist es Verschwörungstheorie zu glauben, in den entsprechenden Zirkeln werfen sich die gleichen Treiber immer und immer wieder dieselben Bälle zu. Alter Wein in neuen Schläuchen gewendet? Gar eine oligarche Diversity-Beratungsindustrie? Und ihre Praxis eine moderne Forme des Ablasshandels – Reinheitserklärung gegen Gebühr?


Spaß beiseite: Unmittelbarer in der schwulen Community machten 2017 eine Reihe von Unternehmen von sich Reden, weil sie öffentlich ihre CSD-Teilnahme befeierten. Und wer will grundsätzlich etwas gegen das Engagement dieser Firmen sagen. Aber schauen wir wirklich verantwortlich hin, unter welchen Bedingungen sie sich auf unseren Paraden als schwulenfreundlich verkaufen dürfen? Also Marketing betreiben? Angesichts der Tatsache, dass der finanzielle Teilnahmebeitrag den Kassen der CSD-Betreiber allzu gut tun dürfte? Vielleicht reichte bisweilen schon ein kurzes Gespräch mit dem betreffenden Betriebsrat darüber, obs denn wirklich hinhaut mit der Schwulenfreundlichkeit im Unternehmen XY. Und vielleicht haut es ja meist hin, und der gesponserte Prosecco kann fließen. Aber selbst diese kleine Mühe, so sei vermutet, machen sich CSD-Veranstalter in der Organisationshektik kaum.


Die Schwulen haben sich über Jahrzehnte ein Selbstbewusstsein erarbeitet. Selbstbewusst sollten wir also kritisch unter die Lupe nehmen – oder durch unabhängige Institutionen nehmen lassen –, wer da werbewirksam unter der bunten Flagge als vielfaltsliebend mitsegelt. Und die Kriterien für den Zugang von Firmen in die Community hochschwelliger ansetzen. Wir würden feststellen: Manche Arbeitgeber, die sich zum Club der Regenbogenfreunde zählen – sie gehören dort schlicht nicht hin.

07:30 01.12.2017
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