Bilanz eines Frauenlebens in Schland.

Köln & Co. Fragen, Gedanken und Erinnerungen zum Thema Heterosexismus und der Frage, wen und was es braucht um darüber zu reden, ohne Rassismus zu (re)produzieren.
Bei diesem Beitrag handelt es sich um ein Blog aus der Freitag-Community

Ungezählte Male:

die Hände fremder Männer auf meinem Körper, obwohl ich das nicht wollte, sagte und mich wehrte;

die Hände bekannter Männer auf meinem Körper, obwohl ich das nicht wollte, sagte und mich wehrte;

von fremden Männern festgehalten und geküsst worden, obwohl ich das nicht wollte, sagte und mich wehrte;

von bekannten Männern festgehalten und geküsst worden, obwohl ich das nicht wollte, sagte und mich wehrte;

von U-Bahnhöfen panisch nachhause gerannt, weil mir „echte Männer“ die mögliche Vergewaltigung sehr plastisch in Aussicht stellten;

auf U-Bahnhöfen, in U-Bahnen und Bussen unzählige Male verbal und physisch belästigt und bedroht, sowieso betatscht worden, immer laut geworden und mich allein verteidigt – nur ein einziges Mal in solcher Situation Verteidigung von außen erlebt: von einer anderen Frau, 2 Köpfe kleiner als ich. Sie war die Mutter einer Grundschulkollegin von mir, sie selbst ist in den 70er Jahren aus dem Iran nach Deutschland geflohen; mit ihrer Ansage hat sie damals 5 Typen verjagt – kein BVG-Mensch noch sonst wer haben sich dafür jemals interessiert;

am S-Bahnhof sitzend, sms schreibend angequatscht werden von 2 Männern, die ich kaum angucke und dabei sage, sie sollen mich in Ruhe lassen und einfach weitergehen – daraufhin kippen sie ihren Drink über mir aus, rufen „wenigstens haste ne hübsche Figur“, gehen zur nächsten Bahn, steigen ein – ich hinterher. Finde „Sicherheits“personal vor deren Abteil stehen, spreche dies an und sage, ich sei belästigt und mit Alkohol übergossen worden, möchte Anzeige erstatten, bitte um Rufen der Polizei. Stattdessen höre ich dies – vom SICHERHEITspersonal: „Gute Frau, lassen Sie es gut sein. Sie müssten jetzt hier erst einmal einsteigen, mit diesen Herren. Erst an der nächsten Station können Sie dann auf die Polizei warten. Aber: Tun Sie Das Lieber Nicht. Wer weiß, was die sonst noch mit Ihnen machen. Wir können auch nichts für Sie tun, Sie müssten mit denen allein im Abteil fahren. Überlegen Sie sich das gut. Und überhaupt, Sie können denen nix beweisen, ja, auch trotz der Kameras, am Ende gilt Aussage gegen Aussage, Sie können denen gar nichts. Lassen Sie es einfach gut sein. Hören Sie auf, hier den Betriebsablauf aufzuhalten, wegen Ihnen hat diese Bahn jetzt schon 3 Minuten Verspätung.“ – Hätten die zwei wie „Nordafrikaner oder Araber”, wenigstens “muslimisch“ ausgehen – wäre das weiß-deutsche, cis-männliche Sicherheitspersonal seiner Arbeit nachgegangen? Hätten sie mich und den Vorfall ernst genommen?

An anderer Stelle von drei Typen mit deren Fast Food bespuckt und beworfen worden, weil ich „arrogant und unfreundlich“ auf ihre Anmachsprüche reagiert habe – ab wann wird aus einer „Gruppe Männer“ eigentlich eine „Horde, die sich zusammenrottet und Frauen bedrängt“? Reichen drei? Fünf? Auch wenn sie weiß und “bio-deutsch” aussehen?

„Zwangssterilisation“ angedroht bekommen, weil ich zwei Männern verbal Einhalt gebieten wollte, während sie ihre feuchten Fußball-Nationalisten Gaucho-Träume ausbrüllten in einer Bar, die nicht ihnen gehörte – ach ja, der Gute Deutsche Mann und seine Bälle;

auf dem Weg vom Supermarkt zur Uni, ein paar Einkäufe unterm Arm für eine kommende Veranstaltung, die ich mitorganisierte, laufe ich an mittelalten deutschen weißen Männern vorbei, die an der Außenfassade meiner Universität arbeiten – und höre einen seinem Kollegen zurufen, während er auf mich mit dem Finger zeigt: “Der ihre Milchtüten würd ich auch gern mal schütteln” – alle lachen – ich nicht;

wegen eines sexistischen Sprachaktes meines Dozenten die Frauenbeauftragte der Uni aufgesucht – meine Interventionen schmettert er ab – den Vorfall geschildert – sie setzt sich ein, leitet Infos und mehr weiter, das Institut verlangt vom Dozenten eine schriftliche Stellungnahme – mir wird versichert, dies sei sehr viel – darauf sehe ich ihn im nächsten Semester wieder – als Dozent – er läuft in der Cafeteria an mir vorbei, ich bin im Gespräch – und während er an mir vorbeiläuft, legt er “vertrauensvoll” seine Hand auf meine Schulter, ohne Kommentar, läuft er weiter – bevor ich verstehe, was passiert, ist er weg – in seinem Seminar;

nach einer anderen Silvesternacht als der letzten auf dem Fahrrad unterwegs, in Gedanken, sehe ich die Männer, die auf einer Parkbank sitzen und böllern, hoffe dass sie damit aufhören solange ich an ihnen vorbeifahre – was sie tun, mir stattdessen “anbieten”: „Na Mädchen, auch nen Schuss zwischen die Beine?“;

auf dem Weg nachhause schneller laufen, weil die Männer hinter mir auch schneller werden, ihr Tempo reduzieren als sie direkt hinter mir sind um mit Worten das heißt meiner Angst zu spielen: „Komm Kollege, du hältst sie fest, ich besorg den Rest“;

von meinem Vorgesetzten am Telefon gefragt worden, was ich denn gerade anhätte – wiederholte Male und mit Nachdruck;

von selbem Vorgesetzten, dessen Assistenz und Vertretung ich sein sollte, gesagt bekommen: „Wenn ich nicht im Büro bin, sitzen Sie auf meinem Stuhl; wenn ich da bin, auf meinem Schoß“;

von weiterem Vorgesetzten begafft worden, selbst mit Aktenordnern vor meiner Brust, die ich demonstrativ und mit Absicht genau dort festhielt – störte ihn nur bedingt, er versuchte weiter, meinen Busen zu begaffen – als ich damit zur Personalchefin gehe, ist die Lösung des Problems dieses: Er bekommt eine neue Assistentin;

sollte, muss ich erwähnen, dass es bei all dem oben genannten JEDES MAL weiße, deutsche cis-Männer waren?

Die Erfindung des HERRENtags – heißt für mich, Menschen mit angeborenem Penis dürfen ALLES an diesem Tag – Menschen ohne diesem, haben das zu ertragen – also wie immer, nur religiös (Christi Himmelfahrt) und staatlich (gesetzlicher Feiertag) legitimiert. Nochmal: Wann ist eine “Gruppe Männer” eine “Horde”? Gelten hier die selben Koordinaten unabhängig von Herkunft, Religion, ‘race’, Staatszugehörigkeit und Aufenthaltstitel?

Im Zuge meiner Protestkundgebung zur Nacktfußball EM 2011 (allein das!) von einer der Sexarbeiterinnen, die an dem Tag dort beruflich unterwegs war, hören dass wir protestierenden Frauen ihr dankbar sein sollten – denn würde sie ihre Dienste nicht anbieten, würden “Frauen wie ihr noch öfter von Männern vergewaltigt”; ihre Aussage macht mich betroffen – die Männer, denen ich davon erzähle, und die mir sagen dass sie “wohl recht hat”, schockieren mich;

den #Aufschrei dankbar und beeindruckt beobachtet – mit Zorn den unqualifizierten Beitrag des noch immer amtierenden deutschen Bundespräsidenten zur Kenntnis nehmen müssen: „Dieser Tugendfuror muss jetzt mal aufhören“ – hieß übersetzt: Jetzt seid still, stellt euch nicht so an, denn „eine besonders gravierende, flächendeckende Fehlhaltung von Männern gegenüber Frauen kann ich hierzulande nicht erkennen“ – dass Frauen das taten und tun und tun werden, ist egal – wir sind also auch keine Expertinnen, wenn es um unsere Erfahrungen und Realitäten geht – oder ist es noch schlimmer und ich naiv: sind es unsere Erfahrungen und Realitäten und damit wir selbst, die schlichtweg egal sind, weil mensch als Frau Konsumgut und Allgemeinbesitz ist, es sei denn verheiratet (mit einem Mann)?

Noch immer die Hoffnung, dass diese furchtbaren Ereignisse der vergangenen Silvesternacht dazu beitragen werden, endlich eine produktive, gesamtgesellschaftliche Diskussion zum Thema Sexismus und Geschlechterrollen in all seinen/ihren Dimensionen, Ursachen und Varianten zu führen;

dabei die Befürchtung, dass es wieder nicht um Frauen gehen wird sondern entweder a) darum, Rassismus & Islamophobie zu legitimieren, oder b) (Asyl)Politik zu betreiben, c) weiße, heterosexuelle cis-Männlichkeit als überlegen darzustellen (white pride grüßt), d) a bis einschließlich c und mehr. Bisher geht um all das – nur nicht um Frauen und Maßnahmen, die mehr Schutz vor sexualisierten Formen der Gewalt ganz zu Schweigen der Ursachen bedeuten. Wieder, wie immer, wenn Frauen über sexualisierte Gewalt berichten, so auch in meinem Postfach finden sich Nachrichten mit der Info, dass auch “Frauen Täterinnen sind”; dass auch “Jungs Missbrauch erleben”. Wann habe ich das bestritten, warum muss ich das sagen und werde bei “Versäumnnis” angepöbelt bzw “korrigiert”? Wieso wird Kindesmissbrauch mit Gewalt an Frauen gleichgesetzt? Was ist mit den Frauen, die beides durchleben mussten? Wieso kann ich aber nicht über meine Erfahrungen sprechen, ohne dass ein Typ meint, er wisse das besser!??!

Gilt nach wie vor, dass Frauen eben die sind, die sich um den Anderen zu kümmern haben, und Männer die, um die sich gekümmert wird? A propos: Was ich nicht verstehe bisher in der Köln-Darstellung: gab es nur Frauen und Übergriffige neben überforderter Polizei? Sind alle Männer, die anwesend waren, Frauenbelästiger?! Wieso höre ich (bisher) nichts von Menschen, die sich – neben dem Zeigen von Zivilcourage mal simpel ausgedrückt – nicht strafbar durch unterlassene Hilfeleistung gemacht haben?

Noch nie habe ich so viele Texte von Männern gelesen und abgedruckt gesehen, die in Anspruch nehmen wollen Experten zu sein auf den Themengebieten Alltagssexismus, Übergriffe auf Frauen begangen von Männern, kulturelle Hintergründe für Frauen diskriminierendes Verhalten. Nicht, weil mann uns Frauen die letzten Jahrzehnte und Jahre das Feld überlassen hätte, zugehört und lernen wollte. Nein. Wohl auch aus Gewohnheit heraus: mann erklärt mir die Welt und ist so nett, mir zu sagen was ich zu denken und wie zu verstehen habe. Und: Weil es eben jetzt der Konstruktion der eigenen vermeintlich überlegeneren Männlichkeit zugute kommt, vorausgesetzt mann ist weiß, cis und am besten noch heterosexuell. Dabei war es im Grunde schon immer leicht, als Mann wie ein guter Mensch dazustehen – der Standard war nämlich schon immer ziemlich tief.

Die Texte der Frauen, die auf Erfahrungen wie die zum Oktoberfest referieren, auch um deutlich zu machen dass Köln und Hamburg symptomatisch sind für den Zustand und die rape culture unserer Gesellschaft, werden abgeschmettert mit der Behauptung, die Zahlen würden nicht stimmen. Als ob irgendjemand genaue Zahlen hätte, und die Dunkelziffer bei sexuellen Übergriffen, Nötigungen und mehr nicht derart hoch wäre, dass „genaue Zahlen“ nicht nur nicht möglich sind – sie sind auch deshalb egal, weil es genug Expertinnen gibt, die ihre Erfahrungen genau zu diesen macht: Expertinnen. Als ob wir haltlose Meinungen vertreten würden und nicht aufgrund von Erfahrungen sprächen, wobei die mit der Meinung männlich sind – die mit den entsprechenden Realitäten hingegen Frauen. Wieviele Frauen müssen wir sein oder werden, die von unseren leidvollen, traumatisierenden Erlebnissen berichten, bis uns a) geglaubt wird und b) wir und unsere Erfahrungen zählen? Wann hört männliche Dominanz und Hegemonie endlich auf, den öffentlichen Diskurs zu bestimmen und die Deutungshoheit und Definitionsmacht für sich in Anspruch zu nehmen? Wann beginnt weiße, cis-männliche, ehrlich-kritische Selbstreflexion?

Das für mich besondere an den Vorgängen der letzten Silvesternacht ist, dass plötzlich deutlich mehr Männer als bisher ein Gefühl dafür zu bekommen scheinen, was wir Frauen seit Jahrzehnten erleben; jeden einzelnen Tag, jede von uns. Doch geht sofort der Abwehrmechanismus los; frauenverachtendes Verhalten wird projiziert auf den „schwarzen Mann“, den „muslimischen Mann“, „der Andere“ – mann selbst ist natürlich über solche üble Art der Handlungen erhaben. Tatsächlich? Gehen wir davon aus, dass ich hier noch nicht einmal 10% meiner Erfahrungen niederschreibe; berücksichtigen wir, dass die meisten Verbrechen, Übergriffe und Gewalttaten an Frauen und Mädchen von Männern begangen werden, die wir kennen und mit denen wir durch (intime) Beziehungs- oder/und Verwandtschaftsverhältnisse verbunden sind – möchten Sie raten, was ich alles nicht erwähne? Wollen wir gemeinsam den Fragen nachgehen, wer und wo diese Männer sind, und weshalb sie sich so verhalten? Was glauben Sie, wieviele Sie kennen? Jede meiner Freundinnen, jede meiner Bekanntinnen hat ihre Geschichten, ihre schmerzhaften Erfahrungen hierzu. Jede. Nicht, weil wir Individuen sind – weil wir Frauen in Deutschland sind. Wenn Sie und ich Frauen kennen, die zu Opfern gemacht wurden – für wie wahrscheinlich halten Sie es, dass wir keine Täter kennen? Was macht einen Mann zu einem Täter im Kontext von Alltagssexismus? All das gehört diskutiert und reflektiert: gründlich, kritisch und endlich ehrlich.

Es sei zudem wiederholt, was ich an anderer Stelle so zusammengefasst habe: „Mir persönlich war, ist und bleibt scheiß egal, wie der jeweilige Typ, der mich belästigt, bedroht, angespuckt und sonst wie versucht (hat) zu demütigen, ausschaut, spricht, isst, betet oder schläft. So oder so ist und bleibt ein misogynes Sexistenarsch eben das: ein misogynes Sexistenarsch. Genauso wenig möchte ich mitsamt all der Gewalt, die ich erleben musste, für die feuchten Träume verkappter white pride Pimmel herhalten. Und ja, der Versuch, Eigenschaften und Charakterzüge mit Nationalität, Herkunft, Religion und ‘race’ in Verbindung zu setzen, ist eine deutsche Tradition – aber keine Tugend. Vielleicht möchten wir von dieser Tradition endlich Abstand nehmen und nicht in den Katalog der zu verteidigenden Werte festschreiben?“

14:25 15.01.2016
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