Gründerin der Frauenhausbewegung schreibt erschütternde Biographie

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Erin Pizzey erlangte internationale Bekanntheit, indem sie 1971 das erste moderne Frauenhaus mitbegründete: einer Zufluchtstätte für geprügelte Frauen im Londoner Stadtteil Chiswick. Jetzt erschien unter dem Titel "This Way to the Revolution" ihre aufrüttelnde Lebensgeschichte im Verlag Peter Owen als Buch.

"Die Arbeit von Mrs. Pizzey war erstklassige Pionierarbeit", stellte im Jahr 1975 der Abgeordnete Jack Ashley im britischen Unterhaus fest. "Sie war diejenige, die dieses Problem als Erste beim Namen nannte, die als Erste den Ernst der Lage erkannte und die als Erste etwas tat, indem sie das Hilfszentrum in Chiswick errichtete. Infolge dessen hat nun die gesamte Nation die Bedeutung dieses Problems erkannt." Bis es soweit war, galt es für Pizzey einigen behördlichen Widerstand zu überwinden. Aber nicht nur darüber berichtet sie in ihren Memoiren. Sie spricht auch offen von der bedenklichen Weise, mit der ihre feministischen "Schwestern" mit diesem Thema umgegangen sind – und heute noch umgehen.

Pizzey wurde als Tochter einer Diplomatenfamilie im Jahr 1939 in China geboren. Dort machte sie im Alter von zehn Jahren eine prägende Erfahrung, als ihre Eltern und ihr Bruder ohne besonderen Grund von den Maoisten unter Hausarrest gestellt wurden. Auch dass tausende, wenn nicht Millionen von Menschen in den Lagern Maos gefoltert und von den Rotchinesen unterdrückt wurden, trug dazu bei, dass Pizzey schon in frühen Jahren sämtliche totalitären Bewegungen verabscheute. Dementsprechend schwer fiel es ihr, als sie sich Anfang der siebziger Jahre der Frauenbewegung anschloss und bei deren Wortführerinnen immer wieder auf Anhänger des Großen Vorsitzenden Mao stieß. Pizzeys Mahnungen stießen indes auf wenig freundliche Resonanz, wie sie am Beispiel einer dieser Frauen beschreibt: "Sie wurde sehr unwirsch und sagte mir, dass meine Eltern Feinde der Revolution seien und deshalb ihr Schicksal verdienten. Dann bat sie mich zu gehen und erklärte mich zu einer Agentin der CIA."

Es gab andere Reibungspunkte. So fehlte vielen Feministinnen jedes Verständnis dafür, dass Pizzey immer noch mit ihrem Mann zusammenlebte. Sie warfen ihr vor, mit dem Feind ins Bett zu gehen und schlugen ihr vor, stattdessen doch einmal mit einer Frau Sex zu haben. Als Pizzey und ihre Mitstreiterinnen bekundeten, ihre Männer zu lieben, wurden sie von einer Welle höhnischen Johlens und Pfeifens niedergemacht. In ihren Memoiren wendet sich Pizzey gegen diese Rudelmentalität: "Ich glaubte wirklich an die Beteuerungen der frühen Frauenbewegung, dass Frauen nicht länger der Herde zu folgen bräuchten. Wir könnten Individuen werden und unser eigenes Ding machen. Tatsächlich aber musste ich mitansehen, dass die Frauenbewegung nichts anderes bedeutete als einen Katalog von Regeln gegen einen anderen einzutauschen. Schon wurde uns mitgeteilt, dass wir kein Make-Up tragen und auf Deodorant verzichten sollten." Immer wieder gingen in den frühen feministischen Organisationen Briefe verzweifelter Frauen ein, oft in Begleitung eines Geldscheins als Spende. Immer wieder musste Pizzey miterleben, wie die Führerinnen der Bewegung die Scheine einsteckten und die Briefe ungelesen wegwarfen.

Zu dieser Zeit war Pizzeys Schilderungen zufolge mehr als ein Hauch von Paranoia an der Tagesordnung. Kontinuierlich beschuldigten Feministinnen einander, Spitzel des Geheimdienstes oder Informanten der Polizei zu sein und glaubten, dass all ihre Telefongespräche abgehört würden. Gleichzeitig bekriegten sich die verschiedenen linksradikalen Flügel der Frauenbewegung – die Maoisten, die Trotzkisten, die Leninisten und die Stalinisten. Einige Extremistinnen planten Bombenattentate. Pizzey fand das unverantwortlich und beschloss, eine Polizistin über die Vorbereitung solcher Terrorakte zu informieren, was sie wiederum ihren "Schwestern" mitteilte. "In diesem Moment wusste ich", berichtet Pizzey, "dass meine Tage in der Frauenbefreiungsbewegung vorüber waren." Für die Feministinnen, mit denen sie zu tun hatte, "waren solche Anschläge nur Teil des Prozesses, der das alte Klassensystem hinwegfegen und die gequälten Massen befreien sollte, so dass sie ihren Platz in der glorreichen Weltrevolution fanden, die von Maoisten, Stalinisten oder Trotzkisten angeführt wurde."

Pizzey und ihre Unterstützer bauten ihr Frauenhaus auch ohne die Hilfe der radikalen Polit-Lesben auf – und kümmerten sich dort um die Opfer häuslicher Gewalt. Pizzey zeichnet in ihren Memoiren von all diesen Frauen eindrucksvolle Bilder: Da ist Kathy, die sofort, nachdem sie in der Zuflucht Unterschlupf fand, ihren Mann darüber informierte, wo sie sich befand und die immer wieder zu ihrem Prügler zurückkehrte, was ihren Arzt, ihren Psychiater und andere Helfer mit der Zeit verzweifeln ließ. Da gibt es Ann, die von ihrer Mutter ebenso regelmäßig grün und blaut geprügelt wurde wie ihr Vater und die sich als Erwachsene einen Mann als Partner gesucht hatte, der ebenfalls zur Gewalt neigte. Und da ist Becky, die "ein wunderbarer Mensch war" – solange sie nichts getrunken hatte und bis auf den irritierenden Umstand, dass sie es so erfüllend fand schwanger zu sein, dass sie siebenmal Mutter geworden hatte, um ihre Kinder danach wegzugeben oder tot in der Wiege aufzufinden.

Und schließlich gab es Lucy, die ihre Tochter ins Frauenhaus mitnahm, um sie dort offenbar immer wieder zu verprügeln. Es dauert nicht lange und Lucys Mann Ron taucht in Pizzeys Frauenhaus auf. Pizzey erlebt, dass sich seine Tochter ängstlich an ihren Vater klammert und ihn überhaupt nicht mehr loslassen will. Sie braucht nicht lange, um herauszufinden, wer der wahre Gewalttäter in der Familie und bei wem das Mädchen besser aufgehoben ist. Lucy löst das Problem, indem sie in ein anderes neu gegründetes Frauenhas weiterzieht. Dort stößt Pizzey auf taube Ohren, als sie den Fall diskutieren will: "Es gab keinen Fall zu diskutieren, sagte man mir in eisigem Tonfall. Diese Frau war das Opfer ihres gewalttätigen Mannes – und das war's."

Pizzey kann über all diese Frauen nicht nur anrührend berichten, man kann auch nachvollziehen, wie in ihr im Laufe der Zeit immer mehr die Erkenntnis reifte, dass häusliche Gewalt kein geschlechtsspezifisches Problem darstellte: "Von den ersten hundert Frauen, die durch unsere Türen kamen, waren 62 genauso gewalttätig wie die Männer, die sie hinter sich gelassen hatten. Ich musste der Tatsache ins Auge sehen, dass den Männern immer die Schuld an Gewalt in einer Familie gegeben werden würde, dass man falsche Beschuldigungen geben sie erheben würde und dass man immer allein den Frauen glaubte." Inzwischen plapperten auch immer mehr Sozialarbeiter die radikalfeministische Ideologie nach, der zufolge nur Jungen und nicht auch Mädchen, die in einem gewalttätigen Haushalt aufwachsen, als Erwachsene schnell zu körperlicher Aggression neigten. Pizzey verstand schon Anfang der siebziger Jahre, dass häusliche Gewalt, wie Kriminologen und Soziologen heute sagen, ein "systemisches" Phänomen darstellt: also wechselseitig erfolgt und über die Geschlechter- und Generationengrenzen hinaus übertragen wird. Damit war Pizzey schon vor vierzig Jahren selbst den allermeisten Feministinnen und Feministen von heute um Längen voraus.

Wie so viele wurde auch Pizzey nicht gerade dafür belohnt, ihrer Zeit so weit voraus zu sein. "Vorhersagbarerweise", berichtet sie, "wurde ich aufgrund meiner Ansichten zu einer Hassfigur und die Journalistinnen, die mich interviewten, weigerten sich jedesmal zu veröffentlichen, was ich über Frauen mit gewaltsamen Tendenzen zu sagen hatte. Die meisten Interviewer waren Feministinnen, und ich gelangte zu dem Eindruck, dass die Erkenntnisse aus unserer Arbeit nie das Licht des Tages sehen würden."

Bald schon stellte Pizzey fest, dass sie einen schweren Fehler begangen hatte. Während sie und ihre Unterstützerinnen sich um die Opfer gekümmert hatten, waren die radikalen Feministinnen emsig damit beschäftigt gewesen, ihren politischen Einfluss durch zig Lobbygruppen auszubauen. Das Thema häusliche Gewalt wurde dabei der feministischen Ideologie untergeordnet, der zufolge im Patriarchat alle Männer alle Frauen unterdrücken, als Geiseln nehmen und misshandeln. Und diese Weltsicht wiederum war Teil der umfassenderen Ideologie, dass sämtliche Übel der Gesellschaft durch den Kapitalismus bedingt waren. Der gesunde Menschenverstand und schlichte Tatsachen hatte gegen das Klima der damaligen Ideologietrunkenheit keine Chance.

Pizzey berichtet von ihrer Bekanntschaft mit dem Psychiater John Gayford, der bei der Veröffentlichung seiner Studien über häusliche Gewalt, die weibliche Täterschaft zunächst unter den Tisch fallen ließ. Als er sich später dazu durchrang, die Dinge richtigzustellen, wurden seine Forschungen bereits breit in der feministischen Literatur zitiert. "Er gab schließlich zu", berichtet Pizzey, "dass er, wenn er über die Wechselseitigkeit häuslicher Gewalt berichtet hätte, niemals seinen Doktorgrad erhalten hätte." Bei Forschungen zur häuslichen Gewalt, die von Feministinnen selbst ausgeführt worden waren, hatte man die interviewten Frauen gar nicht erst zu ihrem eigenen Anteil an der Gewalt befragt.

Pizzey erkannte bald, dass sie mit dem öffentlichen Sprechen über ihre Erkenntnisse ein Minenfeld betreten hatte. Feministinnen rotteten sich vor ihrem Haus zusammen und brüllten, dass sie Frauen hasse. Die erste Bombendrohung ging ein. (Später würde es Morddrohungen gegen ihre Kinder, noch später gegen ihre Enkel und gegen ihren Hund geben.) Gleichzeitig musste Pizzey miterleben, wie immer mehr öffentliche Gelder aus der Opferhilfe in die Kassen einer Bewegung wanderten, die, so Pizzey, "aus dem Hass gegen eine Hälfte der Menschheit geboren war".

Im Jahr 1976 versuchte Pizzey erstmals, Zufluchtstätten auch für Männer und männliche Teenager aus der Taufe zu heben, die Opfer häuslicher Gewalt geworden waren: "Ich nahm etwas naiv an, dass die reichen Männer und Frauen, die bereit waren, Frauenhäuser finanziell zu unterstützen, sich auch für verwundbare und zerbrechliche Männer einsetzen würden." Tatsächlich stellte sie bald fest, dass ihr niemand auch nur einen Penny für ihr neues Projekt gab. So überlebte es nicht lange, und Pizzey musste das Gebäude schließlich an die Stadt London zurückgeben. Allein einen Besuchsdienst für männliche Opfer konnte Pizzey einrichten; mit einigen Paaren gelangen auch gemeinsame Gespräche, um das Konfliktpotential bei beiden Partnern zu senken.

Während all dieser Zeit musste Pizzey in London mit den geschilderten öffentlichen Angriffen und anonymen Bedrohungen leben. Schließlich ging sie für einige Zeit in einer Art "Exil" in den USA. Während ihres Aufenthaltes dort lernte sie die Gewaltforscher Murray Straus, Richard Gelles und Susanne Steinmetz kennen. Auch diese hatten, parallel aber unabhängig von Pizzey, erkannt, das häusliche Gewalt kein geschlechtsspezifisches Problem darstellte. Auch sie mussten daraufhin lernen, mit Anfeindungen, Diffamierungen und Morddrohungen (auch gegen ihre Angehörigen) zu leben. Wenn Pizzey auf Veranstaltungen sprach, reagierten die Zuhörer ähnlich wie im heimischen England: Solange es um geprügelte Frauen und Kinder ging, war das Publikum warmherzig und aufnahmebereit. Sobald Pizzey aber auf männliche Opfer zu sprechen kam, wurde es schnell sehr frostig, und sie begann die Aufmerksamkeit der Menschen zu verlieren.

Pizzey jedoch verlor die Männer nie aus den Augen. Zunächst setzte sie Männer in ihrem Frauenhaus als Helfer ein; oft kümmerten sie sich um die Kinder. Pizzey berichtet: "Diese besonders sanften, sensiblen Männer machten einen bleibenden Eindruck auf viele der tief traumatisierten Mütter und Kinder." Heute ist Pizzey Schirmherrin der Organisation "Mankind Initiative". die besonders männliche Betroffene berät.

Das eigentlich Erschütternde an Pizzeys Memoiren sind nicht einmal allein ihre Berichte über die Schicksale der Opfer häuslicher Gewalt – sondern dass exakt dieselben Probleme, die Pizzey vor vierzig Jahren bekämpfte, heute noch bestehen. Der Antidiskriminierungs-Wissenschaftler und Geschlechterforscher Dr. Peter Döge berichtet darüber im aktuell erschienenen AGENS-Forschungsband "Schlagseite" (Klotz-Verlag): "Ein systemischer Blick auf die Geschlechterbeziehungen ver­wirrt, führt bisweilen zu heftigsten Abwehrreaktionen - vor allem im deutschen Gewaltdiskurs, in den sich die mechanistischen Deutungs­muster geradezu eingemeißelt haben. So war es auch kein Wunder, dass von den von uns befragten Mitarbeiterinnen in den Thüringer Frauenhäusern nur wenige überhaupt wussten, was systemisch bedeutet und uns meistens versicherten, sie würden sehr wohl 'systematisch' arbeiten. Verbunden war diese Unkenntnis oftmals mit der apodiktischen Behauptung, häusliche Gewalt sei ausschließ­lich Männergewalt. An eine Sicht auf Gewalt als eine (misslungene) Form von Kommunikation, die sich in einem rekursiven und dynamischen Gewebe von Interaktionen der beteiligten Frauen und Männer ent­wickelt, ist gar nicht zu denken. Jeder empirische Befund, der die Weltsicht der 'parteilichen' Frauen in Zweifel ziehen könnte – so etwa der Befund, dass sich in gleichgeschlechtlichen Beziehungen dieselben Gewalt­muster finden wie in heterosexuellen Paaren oder dass auch Frauen physische Gewalt gegen den Partner und die Kinder ausüben –, werden desavouiert oder einfach nicht zu Kenntnis genommen."

So wie gegen Pizzey seit den siebziger Jahren in England wird noch heute auch in Deutschland gegen jeden polemisiert, der häusliche Gewalt jenseits der strikten Vorgaben der feministischen Weltsicht bekämpfen möchte. So wettert auch die aktuelle EMMA gegen den vermeintlich "rechten Verein" AGENS, der "Frauenhäuser abschaffen wolle". Tatsächlich unterstützt AGENS die Forderung Professor Gerhard Amendts, ehemaliger Leiter des Instituts für Geschlechter- und Generationenforschung an der Universität Bremen, dass Frauenhäuser in Familienhäuser umgewandelt werden sollten. Erin Pizzey und viele weitere Fachleute, die nicht ideologisch verblendet sind, wären von diesem Ansatz begeistert.

Das von Pizzey beklagte Rudeldenken des Feminismus, der keine Abweichler(innen ) duldet, wurde vor kurzem in nichts weniger deutlich als in dem Mobbing und der Ausgrenzung der Goslarer Gleichstellungsbeauftragten Monika Ebeling, weil diese an einer sexistischen Bekämpfung von häuslicher Gewalt, die den Opfern wenig hilft, nicht länger festhalten mochte. Wenige Wochen nachdem Ebeling aufgrund dieser Haltung als "nicht teamfähig" dargestellt wurde und ihr Amt aufgeben musste, berichtete am 8. Juni 2011 in dem Regionalblatt "Extra am Mittwoch" eine Mitarbeiterin des Goslarer Frauenhauses über die dort herrschenden Zustände. Dabei beklagte sie Verstöße gegen die Schweigepflicht, mangelnde Fürsorge, fehlende Konfliktfähigkeit, Ausbeutung der Bewohnerinnen als Arbeitskräfte, Bespitzelungen, ein Aufhetzen gegen die männlichen Partner der Bewohnerinnen und weitere Missstände mehr.

Das Denkverbot zur Frauenhausideologie sei aufgehoben, bloggte Monika Ebeling daraufhin. "Jetzt brauchen wir ein Netz von Beratungseinrichtungen, die der Gewalt in Familien mit systemischen Interventionen begegnen. Wir brauchen Frauen und Männer die fachlich befähigt sind mit allen (!) Mitgliedern einer gewaltätigen Familie zusammen zuarbeiten. Wir brauchen Netzwerke, die in Männern nicht nur Gewalttäter und in Frauen nicht nur Gewaltlose sehen." Erin Pizzey hätte es nicht besser sagen können.

09:02 14.07.2011
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Sidney Davenport

In diesem Blog wird es um neue Ansätze beim Thema "Geschlechtergerechtigkeit" und eine Kritik der bestehenden Strukturen gehen.
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