Grenzkontrollpunkt Drewitz 1995

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13.August: Grenzkontrollpunkt Drewitz! Erinnerungen


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Blick auf den Kontrollpunkt in Richtung Berlin
links die Zufahrt für Lkw
rechts die Zufahrt für PKW
Foto Gerhard Bäselt


Jedes Jahr seit den 90er Jahren muss ich mich am 13.August an eine spannende Geschichte erinnern.
Wir hatten 1995 den Auftrag, das Finanzministerium in Potsdam auf Energieeinsparpotenziale hin zu untersuchen. Das Finanzministerium wohnt seit dem Mauerfall in den Räumen der Grenztruppen des ehemaligen Grenzkontrollpunkts Drewitz. Zur Vor-Ort Begehung wurde mir der "Chef-Hausmeister" zugeteilt. Wir gingen gemeinsam durch jeden Raum der 30.000 Quadratmeter Fläche. "Wie lange machen Sie das denn hier schon," frage ich." Oh, schon seit dreißig Jahren", erfahre ich von ihm. Er war also schon vor der Wende in der gleichen Funktion. Das ist bei fast allen Hausmeistern in Brandenburg der Fall und darum waren und sind die Gespräche mit ihnen auch von so großem Erkenntnisgewinn.

Am damaligen 13.8. in den 90ern tagte die Ministerpräsidentenkonferenz unter Stolpe im ehemaligen Casino der Drewitz-Anlage." Da können wir auf keinen Fall hinein", erfahre ich. Also gehen wir hinten um das imposante Gebäude herum. Plötzlich bleibt mein Begleiter vor einer Tür stehen. "Hier war seit dem Mauerfall noch niemand drinne, ich auch nicht, wollen Sie da hinein?" Wie er schon schaute - mit einem Blick aus Furcht und Neugier, musste ich da rein. "Ich war sicher, ich hätte Sie nicht fragen sollen" sagt er ein wenig lächelnd vor sich hin.

Mit äußerster Kraft gelingt es ihm die Tür zu öffnen und in Sekunden befinden wir uns in die Nacht des 9.November 1989 zurück versetzt. Der Filmvorführraum der Grenztruppen wirkt wie vor Augenblicken verlassen: die Cabinett-Zigaretten plus Asche liegen im Aschenbecher, zwei Uniformjacken hängen chaotisch auf zwei Stühlen, eine Schirmmütze liegt hingeschmissen in der Ecke, nackte Mädels posieren auf Plakaten an den Wänden, der Abreißkalender ist auf dem 9.11.1989 stehen geblieben und eines der beiden riesigen tschechischen Filmvorführgeräte steht wie gerade auf halber Spule abgeschaltet mit eingelegtem 16mm Film.

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MeOpta Filmprojektor Baujahr 1951 (Foto MeOpta)


Durch ein verstaubtes Großfenster sehen wir Stolpe gerade eine Rede halten, hinter ihm die weiße Filmwand." Nein, nein, tun Sie das nicht" fleht mich der Hausmeister an, der schon ahnt, was gleich passiert. Ich drücke den Einschaltknopf und mit ohrenbetäubendem Lärm setzt sich dieses Gerät in Bewegung. Auf der Wand im Konferenzsaal erscheinen Bilder, auf denen eine Republikflucht in der Nähe des Spandauer Forstes mit Jeep und Maschinengewehr beendet wird, die Schüsse, der dazu gehörige Lehrkommentar einer Männerstimme sind zu hören. Stolpe gestikuliert, schreit, keiner weiß, was hier plötzlich abgeht, ich schalte das Ding aus. Hier wurde also professionell die Verhinderung einer DDR-Flucht geübt. Gespenstisch!!

Links an der Wand hängen noch 5 Filmrollen mit dem Aufkleber: Abgabe 12.Dez.1989 Strausberg. Und dort warten sie wohl heute noch.

"Warum habt ihr das nicht in Ordnung gebracht", eine unbekannte Stimme hinter mir. Ohne es bemerkt zu haben, waren hinter uns 5 Männer im Rentenalter durch die jetzt offen stehende Tür hineindiffundiert. Sie hatten offensichtlich hier früher gearbeitet und entwickelten spontan eine Idee, wie man das hier intelligent "abwickeln" könnte......

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Ausrangierter verrosteter Kinderpanzer Treptower Park 2000


Was mich nach solchen Erlebnissen immer wieder beschäftigt hat und immer wieder neu beschäftigt, dass ich mir bei endlosen Schikanen an eben diesem Drewitz-Kontrollpunkt geschworen hatte: wenn Du irgendwann einmal diese Typen im Diesseits oder Jenseits privat triffst, dann....Und dann gehe ich tagelang fast freundschaftlich mit einem davon, lache, scherze und kapiere einfach nichts mehr. Deutsche Einheit - so isses eben!!

21:24 15.05.2010
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Geschrieben von

SiebzehnterJuni

MenschenSchutz statt HeimatSchutzChemiker und Organist
SiebzehnterJuni

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