Otto ist tot!

Klassenlehrer Unser Klassenlehrer spürte, dass das 40.Treffen nach dem Abi sein letztes Treffen sein wird. Er hat uns die ganze Zeit wichtiges von sich vorenthalten.Er muss es sagen.
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Er wusste es als wir uns vor mittlerweile zwölf Jahren im Wittekindshof auf dem Dortmunder Westfalendamm trafen. Er wusste, dass es sein letztes Treffen mit uns sein würde - das letzte Treffen mit seiner Klasse, das vierzigste Treffen nach dem Abitur.

Er hatte bis zu diesem Tag Entscheidendes aufgeschoben, aufgehoben, vor uns verborgen - über all die Jahre hinweg, von Beginn an. Er spürte es schon seit langem, er schuldete es uns, er schuldete seine ganze Geschichte, wer er wirklich war. Wilhelm wollte Otto noch stoppen. Wie so oft, war Otto gemeinsam mit Wilhelm, seinem Kollegen und Freund aus Kindertagen, gekommen. Wilhelm ahnte, was da jetzt kommen würde, wollte es irgendwie verhindern. Wilhelm im Krieg bei der Luftwaffe, Otto beim Heer als damals junger Leutnant. Das erfuhren wir jetzt. Es war schon sehr spät geworden, eigentlich zu spät, um umfassend, erschöpfend Zeugnis abzulegen vor seiner Klasse. Aber niemand konnte ihn bremsen. Er musste es einfach loswerden. Als er begann, trat sofort absolute Stille ein. Wie gebannt verfolgten wir seine Sätze, seine Worte.

Das Reden machte ihm vernehmbar Mühe. Als ob er sich nach jedem Satz vergewissern wollte, ob wir ihn noch mögen, schaute jedem kontrollierend in die Augen: Partei -ja, Wehrmacht ja, Afrikafeldzug / Rommel ja, Panzer, Bomben, Töten, Blut...

Er konnte einfach nicht aufhören, seine Stimme zitterte, seine Augen wurden feucht. Als er aber unsere mitfühlende Aufmerksamkeit, unser Verständnis wahrzunehmen glaubte, keine Kritik, keine bohrenden Fragen da sank er entspannt in seinen Stuhl zurück, trank er ein Bier auf unser Wohl und schien jetzt irgendwie mit sich im Reinen zu sein.

Was er nicht bemerkte, war, dass das Bild, das wir uns von ihm seit der ersten gemeinsamen Schulstunde bis heute gemacht hatten, von Minute zu Minute in uns zerfloss, sich auflöste. Eigentlich hatten wir es überhaupt nicht wissen wollen. Nichts hatte uns gedrängt, seine Vergangenheit, seine Lebensgeschichte in Erfahrung zu bringen. Plötzlich war das Gespräch am Tisch verstummt, keiner brachte mehr als ein „Wiedersehen oder „Tschüss über die Lippen. Jeder verabschiedete sich von ihm mit einem langanhaltenden Handschlag, in dem die gesammelten Gefühle der gemeinsam verbrachten Zeit ihren Ausdruck fanden und spürbar wurden.

Draußen auf dem Westfalendamm liefen wir alle fast wortlos auseinander. Eine alte Freundin wartete auf mich, um mir zur Übernachtung den Schlüssel für ihre Wohnung zu übergeben. Sie schlief in dieser Nacht bei ihrer Schwester. Wir wussten damals nicht, dass dies auch unser letztes Treffen sein sollte. Sie starb vor zwei Jahren nach kurzer schwerer Krankheit.

Vor dem Einschlafen bewegte mich wie so oft schon die Frage: woher diese tiefe emotionale Verbundenheit von Otto mit seiner Klasse und von unserer Klasse mit ihm! Bis heute nicht wirklich nachvollziehbar erklärbar!

17:12 29.12.2018
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Geschrieben von

SiebzehnterJuni

MenschenSchutz statt HeimatSchutzChemiker und Organist
SiebzehnterJuni

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