5 Jahre in der Kapitalismus-Maschine Twitter.

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Seit heute bin ich fünf Jahre Mitglied bei Twitter. Es fing alles mit einer kleinen Meldung in der Medienrubrik des Spiegels an. Dort wurde der Kurznachrichtendienst mit den 140 Zeichen vorgestellt. Kurz zuvor hatte das gleiche Magazin "Second Life" in einer Titelgeschichte als die Zukunft des Internets ausgerufen: Eine Welt voller künstlicher Avatare, die auf Inseln leben und echtes Leben digital simulieren. Man konnte dort herumfliegen und mit anderen Avataren sprechen. Aber vor allem konnte man sich mit echtem Geld, virtuelle Linden Dollar kaufen. Dafür hatte man unter anderem die Möglichkeit, seinen Avatar neu einzukleiden. Im Grunde das Gegenteil anderer sozialer Netzwerke: dort macht man sich nackig – und es kostet im Zweifelsfall nur die Reputation. Was heute bei Second Life passiert, weiß niemand mehr, außer Nerds. Wahrscheinlich hat da nur noch die FDP eine virtuelle Parteizentrale – würde zur zukunftsweisenden Strategie der Partei passen.

Meine ersten beiden Jahre bei Twitter lassen sich so zusammenfassen: Ich habe mich angemeldet, einige Wortspiel-Tweets abgesetzt auf die niemand reagiert hat und das war's. Ich hatte das Netzwerk eigentlich schnell wieder vergessen. Für was sollte das auch gut sein: Weniger Zeichen, als in eine SMS passen. Das sollte funktionieren? Totaler Schwachsinn. Ich war mir sicher, dass Twitter über kurz oder lang auf dem Kehrichthaufen der Geschichte landen würde. Neben den Vogel-Avataren von Secondlife oder den musikalischen MySpace-Freunden. Die hatten wenigsten eine EP voll Fame. Circa 15 Minuten volle Lautstärke und dann geschluckt vom schwarzen Loch der Social Media: Facebook. Der Todesstern für die VZ-Gruppe, Wer kennt wen, Lokalisten und andere Kommunikations-Klone. Sie alle werden gerade aufgesaugt. Ihre Energie verschwindet irgendwo in den weiten des digitalen Kosmos.

Schließlich kam das Jahr 2009. Bis dahin hatte ich eine Handvoll Tweets gepostet. Einige Leute folgten mir und ich folgte einigen. Twitter tauchte immer öfter in den Nachrichtenmeldungen auf. Einer twitterte etwas zu einem Flugzeugabsturz und es landete in der Presse. Das Prinzip Twitter hatte ich aber immer noch nicht verstanden. Wie auch? Für mich waren die Tweets eine Kakophonie von Meldungen, die ich nicht in Zusammenhang bringen konnte. Es wäre ganz viele Puzzle-Stücke, die nicht zusammengehörten. Beziehungsweise: ich konnte sie nicht zusammen setzen. Trotzdem nahm ich im Sommer 2009 eine weiteren Anlauf. Diesmal setzte ich viel mehr Tweets ab, die üblicherweise mit Twitter-Wortspielen einher gingen: "Getwitter im Anzug", "Tweetcredibility" oder "Tweetzigkeit kennt keine Grenzen". Die Resonanz hielt sich natürlich in Grenzen, weil das im Grunde jeder macht. Das Netzwerk an sich, war zunächst Thema. Twitter als Selbstzweck für Tweets. Noch heute meinen einige, wenn man irgendwo ein "Tw" vorne dran hängt, wäre es originell "Twarteitag", "Twie Twendung Twit Twer Twaus und so weiter und so fort. Im Grunde hatte ich damals auch keine Ahnung, wem ich folgen sollte außer Sascha Lobo. Dem wiederum alle folgten. Eines mochte ich aber damals schon: die Anonymität- Auf Twitter war ich "Siegstyle" und nicht "Alf Frommer". Das eröffnete mir mehr Möglichkeiten für Quatsch, den ich auf Facebook nicht mehr machen konnte. Und auf Xing schon mal gar nicht.

Aber die Beziehung zu Twitter hielt wieder nur wenige Wochen. Ich hatte immer noch nicht kapiert, wie man den Kurznachrichtendienst einsetzt. Ich folgte nicht den richtigen Leuten und die Leute, die mir folgten waren Typen aus den USA, Indien oder anderen Ländern, die mir automatisiert folgten. Also gar nicht.Wie mir heute klar ist rauschte in den Jahren 2009 bis heute eine Art Netzgemeinde an mir vorbei. Leute, die keinen Bock auf dieses eher spießige Facebook-Gedöns hatten, sammelten sich dort. Internet-Vordenker, Quatschköppe, Journalisten oder eben diese ominösen Piraten. Ich war übrigens schon 2003 ein Pirat – der Herzen. Hach. Erst Anfang 2011 entdeckte ich Twitter dann wirklich. Beim 3. Anlauf. Ich schrieb eine Satire zum Thema Judith Holofernes will nicht für die BILD werben. Eine gefakete Antwort der Werbeagantur Jung von Matt. Den Link zum Text packte ich in einen kleinen Unscheinbaren Tweet: "Die Antwort der Werbeagentur Jung von Matt ist im Netz: (Link)". Dieser Tweet verbreitete sich rasend schnell. Seriöse Medien fielen auf den Text rein und zitierten genüsslich daraus. Am Ende landete der Text sogar in Branchen-Newslettern als Top-News: bit.ly/HdSGEL

Zum ersten Mal profitierte ich viral vom Erregungspotential von Twitter. Das war meine Erweckung. Ich fing an, meine Timeline aufzuräumen. Ich folgte Leuten, die mich wirklich interessierten und andere folgten mir aus Interesse. In den vorherigen Jahren hatte ich einige Rituale verpasst. Zum Beispiel Tweets, die immer gleich funktionieren wie: „Wenn mir langweilig ist, dann...“ oder natürlich „Deine Mudda“. Oder der Followerfriday respektive Followerpower. So bin ich also 5 Jahre auf Twitter, davon aber eigentlich erst 14 Monate aktiv. Ach ja: Sascha Lobo folge ich nicht mehr. Nicht weil ich seine Tweets uninteressant fände, aber wenn er mal etwas postet, erfährt man es als Retweet sowieso.

In den 14 Monaten habe ich eine Menge interessante Leute kennen- und schätzen gelernt.Zumindest virtuell. Denen möchte ich heute mit diesem Text ein ausgiebiges #ff geben (auch wenn die meisten es nicht nötig hätten, weil sie sowieso total beliebt sind).

@Wally44 – Ich mag seine Liebe zur Randsportart Eishockey und wünsche ihm, dass er bald aus dem Krankenhaus entlassen wird.

@Schmidtlepp – Kenne ich noch, als er das Cover der Apothekenumschau zierte – als verkleideter „Lifta der Treppenlift“. Heute lacht er einen vom Focus an. Natürlich gilt das Lächeln nur mir.

@Regendelfin Miss Twitter 2009, 2010, 2011 und 2012. Sie beweist, dass Frauen nicht nur schön, sondern noch schöner sein können. Warte darauf, dass sie mich einmal retweetet.

@tibetmix Ihm gilt dank dafür, dass er ausdauernd jedes noch so blöde Wortspiel von mir Favt. Und gute Wortspiele (1 bis 2 im Jahr) retweetet er sogar.

@schlachtzeile Er steht exemplarisch für absurde Dialoge, die er meisterlich in 140 Zeichen zwängt.

@hajoschumacher Talkshow-Titan Hajo Schumacher danke ich, dass er sogar Tweets favorisiert und retweetet, die ihn auf den Arm nehmen. Chapeau!

Es gäbe noch soviel mehr, wie @soltight oder @pettre, aber ich möchte den Rahmen nicht sprengen. Denn die Kapitalismusmaschine Twitter wartet auf mich. Ich muss Tweets produzieren am Band, damit ich immer mehrmehrmehr Follower bekomme. Twitter ist nur auf Wachstum angelegt – dabei machen sogar die größten Kapitalismuskritiker mit.









15:37 27.03.2012
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