Die Quatschbude der Nation.

Digital Die re:publica hat überall an Bedeutung gewonnen – nur nicht bei den Internet-Nutzern.
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Seit 2007 gibt es die re:publica – damals ein Treffen eher nerdiger Internet-Menschen mit Außenseiterstatussymbol, heute das anerkannt wichtigste Treffen so genannter Digital-Natives im europäischen Raum. Vieles hat sich seitdem geändert: Das World Wide Web ist in weiten Teilen der Gesellschaft im Mainstream angekommen. Die meisten Menschen nutzen die Möglichkeiten des Internets: buchen Reisen, erledigen Bankgeschäfte, halten Kontakt zu Freunden oder verdaddeln ganze Lebensjahre vor dem PC, Mac, Tablet respektive Smart-Phone. Gleichzeitig haben auch Großkonzerne wie Google, Facebook, Amazon und diverse Geheimdienste entdeckt, was man da im www so alles treiben kann. Geld verdienen zum Beispiel oder Daten sammeln oder am besten beides zusammen.

Vieles hat sich also geändert. Die re:publica ist sich dagegen in vielen Dingen treu geblieben: erstarrt in den eigenen Konventionen sitzt die Netz-Elite gleichsam in einem Kokon und versichert sich selbst Recht zu haben. Wie könnte es auch anders sein, sitzen dort doch die – teilweise selbsternannten – Meinungsführer des Internets zusammen. Es wird wieder viel geredet und um Deutungshoheiten gekämpft, aber es wird wie immer keine Folgen haben. Schaut man sich vergangene Veranstaltungen an, so bleibt festzuhalten, dass von keiner re:publica einmal ein Signal ausgegangen ist, das wirklich Wirkung nach außen erzielt hat. Die Mauer der eigenen Filter-Bubble sorgt dafür, dass man zwar in seinem Biotop extrem wichtig erscheint, für den Otto-Normal-Flaterateverbraucher aber überhaupt keine Bedeutung hat. So hat die re:publica einerseits Bedeutung in den Medien gewonnen, ohne Bedeutung bei den Menschen zu gewinnen. Umgekehrt wäre es wünschenswerter. Ansonsten endet die re:publica wie eine Art Blogger-CeBit: ein lästiger Pflichttermin mit wenig neuem.

Nimmt man die launigen Reden des Bundes-Internet-Erklärers Sascha Lobo als Gradmesser so kann man konstatieren, dass man eigentlich nichts konstatieren muss. Vor 2 Jahren propagierte er, dass man kommerziellen Blog-Anbietern wie Wordpress den Rücken kehren sollte und wieder selbst programmierte Blog-Seiten betreiben sollte. Impact: Null. Die Wordpressisierung des Internets schreitet unhaltbar voran und sorgt für eine Design-Monokultur im Netz. Letztens Jahr wollte er der Netzgemeinde eine Flagge oder Symbol für die Datenautobahn geben. Die hat heute auch schon jeder wieder vergessen. Und was er dieses Jahr über die Überwachung sagt oder eben auch nicht: geschenkt. Es wird mit hoher Wahrscheinlichkeit keine relevanten Auswirkungen haben. Die digitale Boheme diskutiert und propagiert seit Jahren an den normalen Netznutzern vorbei und erreicht sie auch nicht mehr. Zwar kann man zu Gute halten, dass eine Veranstaltung wie die re:publica immer abgehobene Avantgarde sein wird, aber würde es ihr nicht auch gut tun, einmal mehr zu sein, als ein Filter-Bubble Jahrestreffen?

Zu wünschen wäre es der re:publica. Schließlich unterliegt sie im Grunde dem Kardinalfehler der Netzmenschen: Sie denken selbst, sie wären immens wichtig für die Welt, nur denkt die Welt das nicht unbedingt umgekehrt. Aber keiner stellt dort die entscheidende Frage: Warum ist das so? Wieso schaffen es die Vordenker nicht, Gedanken zu formulieren, die nicht nur Kopf, sondern auch die Herzen der Internet-User erreichen? So bleibt die Veranstaltung gefangen in ihren eigenen Konventionen, obwohl sich viele – gerade dort – für verdammt unkonventionell halten. Zudem lässt sich seit Jahren fortschreitend ein Trend beobachten, dass es viel zu viele Sessions gibt, die überhaupt keine Relevanz mehr haben, außer sie sattfinden zu lassen. Oder die sich seit Jahren wiederholen, wie das ‚Dinner for one’ im guten alten TV. Das Internet sollte sich nicht zu sicher sein: Irgendwann in naher Zukunft wird es so alt und verstaubt sein, wie der Röhrenfernseher oder die Tageszeitung. Der Mensch braucht kein bestimmtes Medium, das Medium braucht aber bestimmt den Menschen. Es wäre also dringend Zeit ihn mal irgendwo abzuholen – und wenn es nur beim Chatten auf Facebook ist. Igitt, wie profan.

12:15 04.05.2014
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