Lobhudelei und Schweigen

Friedman/Gysi Wie die Presse auf die Eurokritik der ersten Stunde zurückgeblickt.
Bei diesem Beitrag handelt es sich um ein Blog aus der Freitag-Community

Sowohl Süddeutsche, als auch die Zeit haben diesen Monat eine Lobpreisung auf Milton Friedman, den verstorbenen Helden abstruser Vulgärökonomie verfasst. Grund genug zu recherchieren ob der Mann tatsächlich etwas sinnvolles geschrieben hat.

Euro: Friedman hatte recht

Milton Friedman- Der Ökonom, der alles vorraus sah

Keine Angst, niemand muss hier wissenschaftliche Traktate lesen - das machen Schreiberlinge bei Zeit und Süddeutscher auch nicht. Milton Friedmans phänomenale Prophetie ist ein kurzer Kommentar, der sich hier findet.

Der größte Teil fällt in die Kategorie „Kalenderweisheit“. Erwähnenswert sind zwei Punkte: Das unterschiedliche Lohn- und Preisniveau innerhalb der EU und die mangelnde Bereitschaft zur politischen Einheit und Solidarität(!). Letzteres Wort nimmt er freilich nicht in den Mund, denn der Staat ist ja Übel schlechthin bei den Friedmankonsorten. Drolligerweise soll der Staat es dann aber doch richten, wenn es zu „Preisschocks“ kommt.

Was Friedman verschweigt ist wie ein einheitliches Lohn- und Preisniveau erreicht werden soll. Dazu gibt es zwei Möglichkeiten: Die Europäische Union zu einer Sozialunion zu machen in der Sozialleistungen, Mindestlöhne, Lohnnebenkosten usw aufeinander abgestimmt werden. Das haben Linke (nicht Friedman) von Anfang an gefordert.

Die zweite Möglichkeit ist die des Sozialabbaus. Man trifft sich auf dem kleinsten gemeinsamen Nenner, oder unterläuft auch diesen im steten Kampf um „Konkurrenzfähigkeit“. Dies haben Anhänger Friedmans unter anderem in den USA, Großbritannien und Chile versucht. Dauerhaften ökonomischen Erfolg (im Sinne eines allgemeinen Wohlstands) hatten sie nie.

Was Friedman ebenfalls nicht schreibt ist, wie es zu seinen „Schocks“ eigentlich kommen soll. Und da haben wir einen wesentlichen Knackpunkt, der ihn zu einem recht armseligen Propheten macht: Das die Ungleichgewichte innerhalb der EU zu einer Verschuldungskrise des privaten Sektors führen mussten, hat Friedman nicht erkannt. Er konnte es auch nicht erkennen, da seine Ökonomie auf dem Sayschem Theorem fußt. Dieses Besagt dass jedes Angebot sich seine Nachfrage selbst schafft und ist schlicht und ergreifend falsch. *

Krisen gibt es dann nur durch kurzfristige Preisschwankungen oder das Zutun böser Staatlichkeit.

Tatsächlich ist die Nachfrage nicht mit dem Angebot mitgewachsen, sondern die Industrie der einen Staaten hat die der anderen Staaten ersetzt. Es ist das eingetreten, was Friedmans Anhänger auch ohne Währungsunion hinbekommen: Eine massive Deindustrialisierung.

Diese Deindustrialisierung wurde durch private Verschuldung ausgeglichen. Beim Platzen der Verschuldungsblase sprang der Staat ein, womit eine Staatsschuldenkrise geboren war.

Und nun hören wir uns einen Mann an, der wirklich Recht behalten hat:

Gregor Gysi, 98 im Bundestag

Es stimmt jedes Wort. Und solche Erkenntnisse werdet ihr bei keinem Friedmananhänger finden: „Alle würdigen am Euro dass die Exportchancen Deutschlands sich erhöhen würden. Wenn das dann so wäre […] dann müssen doch andere Produktionsunternehmen in anderen Ländern darunter leiden. Anders ginge es doch nicht!“

Fazit: Alles, was Friedman sinnvolles gesagt hat, haben andere griffiger, relevanter, durchdachter gesagt. Das meiste dessen, was es an sinnvoller Eurokritik gab und sich bewahrheitet hat, kam bei Friedman nicht vor.

Ihn jetzt hochleben zu lassen dient allein dazu die Pseudowissenschaft der Chicago Boys salonfähig zu halten.

*Hier gibt es einen inhaltlichen Cut, weil es den Rahmen sprengen würde. Da schreibe ich wohl mal einen eigenen Text zu.

20:01 30.07.2015
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Kommentare 3

Avatar
Ehemaliger Nutzer | Community