Aufstieg, Exil und Fall: Jeanine Meeapfel auf den Spuren ihrer eigenen Mutter

Dokumentarfilm Hommage an Mutter Malou: Jeanine Meerapfel begibt sich in „Eine Frau“ auf die Spuren des schwierigen Lebenswegs ihrer eigenen Mutter
Ausgabe 48/2022

In der Literatur ist Autofiktion nicht erst seit dem Literaturnobelpreis für Annie Ernaux schwer angesagt. Ein frühes filmisches Äquivalent hatte Regisseurin Jeanine Meerapfel schon 1981 in ihrem Debütspielfilm Malou realisiert, der um die Beziehung zu ihrer verstorbenen Mutter und deren fatale Abhängigkeit von Männern kreiste. Jetzt kommt von ihr eine zweite filmische Annäherung an die eigene Familiengeschichte, deren Titel Eine Frau unübersehbar an Ernauxs 1987 veröffentlichten autofiktionalen Roman Une femme anspielt.

Wieder geht es um die Mutter. Doch damals in Malou sei vieles „im Dienste einer nachvollziehbaren Dramaturgie so hingedreht“ worden, sagt die Filmemacherin jetzt in ihrem mit eigener Stimme und Feingefühl durch den neuen Film führenden persönlichen Kommentar. Nun – ein gutes Dutzend Filme und viele Lebenserfahrungen später (seit 2015 ist die Filmemacherin und Professorin auch Präsidentin der Berliner Akademie der Künste) will sie es noch einmal neu versuchen. Und tritt die Reise in die Vergangenheit mit einem dokumentarischen Ansatz an, der versucht, „Reste, Fundstücke, Bruchstücke“ in einen ordnenden, „kohärenten“ Zusammenhang zu stellen.

Eingebetteter Medieninhalt

Materielle Grundlage dieser Suche ist ein von Kameramann Johann Feindt sorgfältig in Szene gesetzter Nachlass bestehend aus großbürgerlichem Silberbesteck, Kroko-Handtäschchen, Fotos, Filmen, Briefen und Dokumenten. Mentale Grundlagen sind Erinnerungsfragmente der Filmemacherin selbst und Anekdoten der Familie. Zusammen findet beides an den Orten, wo die Mutter einst gelebt hatte und zu denen die Tochter jetzt reist: Macon und Chalon-sur-Saône im Burgund, wo Marie Louise Chatelaine, die sich später selbst Malou nannte, 1911 in eine Tagelöhnerfamilie geboren und dann in ein Waisenhaus gegeben wurde. Das Haus der Tante, die sie später aufnahm. Ein Herrenausstatter in Strasbourg, wo die junge Verkäuferin einen Handelsreisenden aus reichem deutsch-jüdischen Haus kennenlernt. Das badische Untergrombach, wo die Familie Meerapfel seit Generationen Tabak pflanzt. Und die Fluchtorte Amsterdam und Buenos Aires, wo Jeanine 1941 als zweite Tochter des Paares zur Welt kommt und Malous Leben eine harsche Wende nimmt. Denn Karl/Carlos verlässt sie für eine andere, aus einer deutsch-jüdischen Familie stammende Frau. Und während er seiner neuen Familie eine prächtige Villa am Fluss baut, ist die mit ihm geflohene Französin im Land des Exils auf sich allein gestellt und steigt unaufhaltsam auf der sozialen Leiter hinab.

Die Orte (und oft auch ihre heutigen BewohnerInnen) sind für die Filmemacherin Ausgangspunkt für weit über das familiäre Anliegen hinausgehende Erkundungen. In Untergrombach etwa wohnt im ehemaligen Haus der Meerapfels nun eine türkische Familie, deren Töchter mit den alten Fotos ihre Zimmer dekorieren. Auch Montage und Kommentar schaffen Verknüpfungen und Verweise – etwa wenn früh im Film von der Saône auf Bilder vom Rio de la Plata geschnitten wird oder aus ein paar Schwalben im Himmel ein kleiner Exkurs in die Bildtheorie entsteht. Wachsende Zäune vor Häusern und Parks erzählen von Ängsten, Ausgrenzung, Korruption und der Zerstörung städtischer Lebensräume.

Weil Meerapfel in ihrer Inszenierung mit offenen Karten spielt, erfahren wir auch viel über die im Kommentar reflektierte Unsicherheit jedes Erzählens. Mit dieser tastenden Vergewisserung wird die ergreifende persönliche Hommage an Mutter Malou neben einem Dokument über Emigration und weibliche Abhängigkeiten auch zu einem Film über die Erinnerung selbst, zu einem in viele Richtungen lesbaren und zum Weiterdenken anregenden philosophischen Filmessay mit reichhaltigen ästhetischen Reizen.

Eine Frau Jeanine Meerapfel Deutschland, Argentinien 2022; 100 Minuten

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