Simon Clemens
14.05.2015 | 15:35 33

Abi: Krönung und Tragödie eines Schülerlebens

Schule Das Abitur stellt den höchsten deutschen Schulabschluss dar, und ist gleichzeitig das Ergebnis eines Schulsystems, das mich als Schüler nicht ernst nimmt.

Ein Blog-Beitrag von Freitag-Community-Mitglied Simon Clemens

Abi: Krönung und Tragödie eines Schülerlebens

Hurra, hurra die Schule brennt? Die Zeiten sind vorbei ...

Foto: FREDERICK FLORIN/AFP/Getty Images

Mit drei Dosen Red Bull im Gepäck bin ich gestern zu meiner letzten schriftlichen Abiturprüfung angetreten. Nervös bis hyperaktiv wartete ich auf die Aufgaben, die mir um 8 Uhr vorgesetzt wurden. Anschließend folgte das, was man in Deutschland mit dem Begriff Prüfungssituation meint: Knapp hundert Köpfe, über ihre Tische gebeugt, bei dem stressigen Versuch, dass Maximum ihres Intellekts, auf das Blatt vor sich zu bringen. Man könnte diesen Vorgang auch als fünfstündiges Tetrisspiel beschreiben, bei dem man sein erlerntes Wissen, möglichst effizient auf die gestellten Fragen zu sortieren versucht.

Als ich Mittags den Prüfungsraum verließ, hatte ich einen Krampf in der rechten Hand und zehn Minuten später den Inhalt einer Sektflasche im Blut. Wie könnte man auch das Ende von vier Wochen kognitiven Hochleistungsdrucks besser Feiern als mit Alkohol? Also entschied ich mich mit dem Großteil meines Jahrgangs dazu, meine Hirnfunktion vorübergehend auf ein Fünftel zu herunterzutrinken.

Nach vierundzwanzig Stunden und zwei Aspirin wird mir bewusst, dass sich mein Leben als Schüler langsam dem Ende zuneigt. Fast dreizehn Jahre habe ich nun im Klassenzimmer verbracht. Das bemerkenswerte ist, dass die Abiturprüfungen der letzten Wochen meine gesamte Schulzeit in ihrer grundlegenden Struktur zusammenfassen: Seit ich denken kann stellt mir die Schule mithilfe eines Lehrplans Fragen, die ich anschließend mit ihren eigenen Antworten bearbeite. Das Rekonstruieren der Antworten nennt sich Lernen und das Aufschreiben des Gelernten Klausur. Während diesem Prozedere erschaffe ich jedoch kaum Wissen, sondern konsumiere es in der Menge, wie es mir die Schule präsentiert. Lernen entspringt keiner persönlichen Relevanz, sondern wird zu einem Nachvollziehen fremder Denkprozesse innerhalb der Rhetorik sinnentleerter Wörter und Zahlen. Somit verfault Bildung zu einem endlosen Herumwälzen bedeutungsloser Inhalte, wobei ich nicht lerne, sondern belehrt werde, nicht gestalte, sondern konsumiere, und nicht denke, sondern nachdenke, was andere vorgedacht haben.

In dreizehn Schuljahren wurde ich nie gefragt, wer ich bin, sondern mir wurde immer gesagt, wer ich sein muss, um das zu tun, was von mir gefordert wurde. Die Schule interessiert sich nur für die Antworten, die sie mir in den Mund gelegt hat. Aber nicht für meine Fragen. Seitdem ich das verstanden habe, bin ich Klassenbester.

Da es nur Wenigen dauerhaft Sinn spendet, irrelevante Fragen zu beantworten, bekommt das Wort Langeweile im Unterricht regelmäßig eine neue Dimension. Vermutlich ist das Einzige, was in der Schule zuverlässig gelehrt wird, die Erfahrung, dass Lernen eine ähnliche Lebensqualität bietet, wie die Lektüre eines Telefonbuchs. Es scheint absurd, dass jene Institution, die sich die Bildung ihrer Mitglieder zum Ziel gesetzt hat, sich ihrer eigenen Vorraussetzungen beraubt, indem sie Eintönigkeit und Lernverdruss vermittelt.

Nur über Umwege abseits der Schule durfte ich erleben, dass Bildung etwas wunderbar sinnvolles und lebendiges sein kann. Ich verstand, dass Lernen immer eine Antwort auf eine persönliche Frage sein muss, wenn es erfolgreich sein will - gewissermaßen eine glaubwürdige Entgegnung auf die eigene Lebensrealität.

Ist es das nicht, wird Bildung zu einem Menü fremder Antworten, bei dem ich fresse, was mir vorgesetzt wird. Gemästet mit Antworten tritt man dann beim Abitur an, feiert sich anschließend als erbärmliche Kopie von Wikipedia und kotzt den ganzen Mist morgens wieder aus. Prost Mahlzeit!

Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.

Kommentare (33)

iDog 14.05.2015 | 17:57

"Die Schule interessiert sich nur für die Antworten, die sie mir in den Mund gelegt hat"

Das ist unser Herrschaftsprinzip schelchthin. In der Politik ist es nicht anders bzw noch besser ausgeprägt. Darauf bereitet die Schule vor. Man nennt diese Technik public relations.

Ich selbst kann Ihre Erfahrung nur teilen und Sie sicher kaum damit trösten, dass das 1976 auch schon so war - hat sich also nix geändert. Die Politik nennt das Fortschritt.

Außer gut Englisch lesen und schreiben habe ich in 9 Jahren Gymnasium nichts gelernt, was in meinem späteren Leben auch nur annähernd von Relevanz war.

Achtermann 14.05.2015 | 18:40

"Außer gut Englisch lesen und schreiben habe ich in 9 Jahren Gymnasium nichts gelernt, was in meinem späteren Leben auch nur annähernd von Relevanz war. "

Das sagt sich so leicht dahin. Du hast doch sicher auch Lehrer kennengelernt und deren Verhalten studiert, hast Freundschaften geschlossen und Feindschaften erfahren. Schule auf den Lehrstoff zu reduzieren, ist ein wenig kurz gegriffen.

Was wäre die Alternative, die das Schulwesen voranbrächte? Generationen von Bildungswissenschaftlern haben sich darüber den Kopf zerbrochen, Generationen von Politikern haben Schule reformiert. Alles für die Katz?

Jeder Staat vergibt Bildungsabschlüsse, die die Voraussetzung bieten, eine Berufsausbildung zu machen, sei es an der Uni, sei es an der Berufsschule wie hier in Deutschland. Und dazu zählt nun mal das Abitur, mit dem man anscheinend nachweisen kann, theoretische Studien an einer Hochschule erfolgreich betreiben zu können. Vielleicht hast du mit dem Fach Mathematik dein logisches Denken erweitern können, auch wenn du Kurvendiskussionen in der Zeit nach der Schule nie mehr brauchtest. Trotzdem klagen immer mehr Hochschullehrer, die Studierfähigkeit ginge den Studierenden zunehmend verloren.

Vergleich mal die Abi-Abschlusszeugnisse deines Jahrganges mit den heutigen. Da wirst du feststellen, dass die heutigen Schnitte deutlich besser geworden sind, obwohl die der Anteil derer, die das Abitur bestehen, immer größer geworden ist. Dazu gäbe es eine Menge Fragen.

iDog 14.05.2015 | 19:54

"Verhalten studiert,...Freundschaften geschlossen! ..."

ja , aber das hab ich auch vorher und hinterher gemacht - bis heute, dazu brauchte es nicht die Schule. Aber wenn Du schon zurückfragst, sag ich Dir was ich noch gelernt habe: Mich mit möglichst wenig Zeitverschwendung durch diesen recht unfreiwilligen Krempel durch zulavieren, d.h. eine Geschicklichkeit zu entwickeln, die davon ausgeht, dass man duchschaut was los ist bzw. was gefordert wird und das dann zu bedienen wo persönlich kein Interesse an Inhalten besteht oder zustande kam oder geweckt werden konnte von desinteressierten oder frustrierten Lehrern. In den Bereichen, die inetwa die eigene Interessen trafen, war man unterfordert und gelangweilt, in denen die diese Interessenbereichen nicht trafen nur gelangweilt. Ich habe ein gute Abi gemacht und dann nichts studiert ausser das Leben, weil ich Künstler sein wollte. Bin dann Musiker geworden und Programmierer und ewiger Autodidakt.

Echte Alternativen kann es nur in einer menschlicheren Gesellschaft geben .... da kann man sich vorstellen , dass jeder sich zu dem Individuum entwickeln kann und darf, das er sein möchte, anstatt über einen Kamm geschoren zu werden, wobei nur die Folgsamsten die "Begabtesten" werden können. Die wirklich Begabten aber wie automatisch aussortiert werden, weil die sich instinktiv nicht anpassen lassen - unbequem sind. In diesem Schulsystem, um es mal zu verdeutlichen, können sogenannte "Genies" nicht mal erkannt und Begabungen nicht gefördert werden, weil die oft sehr einseitig sind und störend wirken , wenn man sie nicht versteht, kein Zeit für sie hat usw.... Unsere Gesellschaft zerstört mit diesem Bildungsdsystem ein enormes Potenzial.

Entwicklen kann man sich also nur wenn man diese Bildungssystem an sich abperlen lässt wie Regen, und sieht das man wegkommt.

Natürlich gbit es auch den Ausnahmelehrer - hatte auch mal einen - wo es dann mal einen Moment Spass macht , weil der sich nicht an den Stumpfsinn hält und einfach Mensch ist, aber das ist doch sehr selten.

Was also zu erwarten wäre als absolut Mindestes in einem der reichten Länder der Welt ist , dass möglichst viel Geld für kreative Bildung zur Verfügung steht, Bildungsfreiheit , Lehrmittelfreiheit etc. herrschen ... aber Pustekuchen , das Geld landet bei der Finanzelite und Bildung wird zunehmend privatisiert. Wenn ich mir klarmachen , dass Studenten in vielen Länderen auch noch mit 150 bis 200 tausend € Schulden aus der Uni kommen, dann Kotze ich mit dem Autor des Artikels im Duet.

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Ehemaliger Nutzer 14.05.2015 | 22:35

Danke, nette Essenz der Schulzeit. Ein weiterer Mainstreamoutput. Was man in diesem Alter nicht wahrhaben will: das spannendste kommt noch: Die folgende Unabhänigkeit in der Ausbildung, im Studium oder im Berufsleben: Da geht es genau so weiter.

Wirklich spanndend, zunächst aber desillosionierend und immer mehr an den Rand einer Depression treibend, wird es erst dann, wenn man die Hände aus den Mühlen streckt und sich an Dingen fest hält, die man bis dato nicht kannte. Viel Spaß beim Erkunden!

Achtermann 15.05.2015 | 08:38

"Entwicklen kann man sich also nur wenn man diese Bildungssystem an sich abperlen lässt wie Regen, und sieht das man wegkommt."

Es ist schwer, wenn nicht gar unmöglich, mit jemanden über die Schule zu diskutieren, der das Bildungssystem völlig ablehnt. Denn dann entstehen zwei unterschiedliche Ebenen: Radikalkritik, die mit einer Radikalkritik an der Gesellschaft einhergeht oder reformerische Kritik am Bildungssystem, die dieses versucht zu verbessern. Da stehe ich für letzteres, weil ich diese Haltung als realistischer einschätze. Gerade weil ich beobachte, wie jedem Reformschritt, etwa die Abschaffung der Hauptschule, eine riesige Diskussionskette folgt bzw. vorausgeht, wie eine unüberschaubare Menge von Interessenvertretern: Eltern, Schüler, Ausbildungsbetriebe, Lehrer oder Politiker sich an der Auseinandersetzung beteiligen. Eine revolutionäre Veränderung des Systems halte ich deshalb für unmöglich, weil man so gut niemanden für sich gewinnen kann. Und für Veränderungen braucht man eines: Mehrheiten, wenn man den demokratischen Spielregeln folgt.

Ich finde, es hat sich in der Schule viel geändert. Das beobachte ich bei meinen Kindern, wovon eines auch gerade die Abi-Prüfung hinter sich gebracht hat. Daraus mitgenommen habe ich, dass Vieles an der Persönlichkeit des Lehrers bzw. der Lehrerin hängt, ob die Schüler sich interessehalber mit dem Fach auseinandersetzen.

Für manches Mitglied der Lehrkörpers empfinde ich eine gewisse Wut, für andere Respekt. Und das innerhalb des selben Bildungssystems. Da, meine ich, müsste man zuerst ansetzen. Jeder, der sich berufen fühlt, besser gesagt, wem nix Besseres einfällt, kann Lehrer werden. Und vielen fällt nix Besseres ein. Sie durchlaufen die Ausbildung und kommen nach dem 1. Staatsexamen innerhalb des Referendariats erstmals eigenverantwortlich mit Klassen in Kontakt. Jedoch: So gut wie niemand fällt beim 2. Staatsexamen durch, weil keiner die Verantwortung übernehmen, dem Lehrer-Azubi zu sagen: Es geht nicht. Gerade derzeit, da viele Lehrer in Pension gehen, bessert sich der Markt zusehends. Fast jeder kann damit rechnen, in den Lehrerjob auf Dauer einsteigen zu können. Das ist fatal.

iDog 15.05.2015 | 11:12

sorry , aber ihrer Antwort fehlt für mich genau der Realitätssinn, den Sie einfordern.

erstens gehen Sie nicht mal auf meinen letzten Abschnitt ein , der ja sehr realitätsnah ist. Wo es einfach nur um einen fehlenden politischen Willen geht, demokratische Ansprüche komplett negiert werden, dessen Abwesenheit beispielhaft für unsere Gesellschaft stehen kann. Andersherum zeigt dieses Defizit aber ganz deutlich die Tendenzen unserer scheindemokratischen Gesellschaft.

Sie aber sagen man brauche: "Mehrheiten, wenn man den demokratischen Spielregeln folgt." ... und also etwas verändern will. Damit dokumentieren Sie ein naives Weltbild oder zumindest, dass Sie davon träumen ihr politisches Ideal zu realisieren bzw. sie verwechseln dieses mit der Realität, während andere dieses Ideal nur als politische Fassade zu ihren eignen Gunsten instrumentalisieren. Will sagen, dass Veränderungen effektiv nie von Mehrheiten verursacht werden, weder die revolutionären noch die konterrevolutionären. Unsere sogenannte Demokratie ist ein plumper public relation Kreislauf: Man sät eine Deutung der Realität, um sie im Votum zu ernten. Es sind also die herrschenden Eliten, die die Veränderungen ihren Interessen entsprechend gestalten, und wenn es dabei darum geht, Bildung zur Ware zu erklären und logischerweise dann zum Zwangskonsum gegen harte Arbeit in einem rigiden Ausbeutungssystem. Diese Eliten sind Minderheiten und spielen nicht demokratisch, sondern sind gerade dabei den kargen demokratischen Rahmen, den Generationen davor erkämpfen konnten, in die Tonnen zu treten, um sich in der Phase des systemimanenten Krisenmodells gegen die Konterrevolution zu schützen.

Um bei der Bildung zu bleiben: Es geht nicht mehr um Bildung in diesem Bildungssystem, sondern um Gouvernanz und Profit. Man möchte sich gehorsame, dienstbeflissenen und vor allem abhängige Arbeitstiere heran züchten, einen akademischen Diesntleisterkordon als Vollstrecker der technokratisch strukturellen Herrschaft. Wenn sie mal ein Blick in das französische Bildungssystem mit ihren Eliteschulen werfen oder das amerikanisch oder englische werden sie sehr schnell merken wie das funktioniert und was ich meine. Diese Tendenzen existieren auch in Deutschland - wobei marginale Unterschiede dabei kaum ein Rolle spielen können.

In den letzten 4o Jahren, soviel kann gesagt werden, waren nur konservative, elitäre, herrschende Minderheiten die Auslöser von Veränderungen - gennant Fortschritt oder Reform - und in sofern revolutionär. Das ist gemeint wenn Warren Buffet sagt, die Reichen seine dabei ein Krieg gegen die Armen dieser Welt zu gewinnen.

Und noch eins : diese Art der markwirtschaftlichen Gesellschaftsordnung ist nicht reformierbar. Sie durchläuft ihren Zyklus, kollabiert am simplen wie falschen eignen Dogma und wird durch faschistische Entdemokratisierung und strukturelle Destruktion in den nächsten Zyklus gehievt ( heute zB. TTIP = Ausheilung des Rechtsstaats oder militärischen Destabilsierungsgewalt).... die einzige andere Möglichkeit ist der endgültige Untergang dieser Herrschaft auf Grund physikalischer Grenzen (Energie) oder ein Umsturz von unten durch mehr oder wenger demokratische oder anarchistische Bewegungen, die aber sicher nicht mehrheitlich sein werden, denn die Mehrheit ist eben (sic) nicht gebildet und ökonomisch völlig abhängig. Sie lässt sich lieber jeden Tag Angst einjagen vor einem imaginären Krieg eines jeden gegen jeden in einer Gesellschaft ohne Herrschaft als zu verstehen, dass dieser selbe Krieg die eigentliche Organisationsform der Herrschaft ist, und genau durch diese ökonomische Herrschaftsordnung selbst erst ausgelöst und unterhalten wird. ( bei Interesse zb. bei Karl Polanyi nachlesen : the great Transformation)

Nachbrenner 16.05.2015 | 08:50

Das Schulsystem und besonders das in Deutschland, ist im prinzip eine Farce: Es geht nicht darum, die klügsten oder kreativsten Individuen herauszufiltern, ja noch nicht einmal die leistungsfähigsten. Es geht um die Reproduktion von bestimten Tugenden: Disziplin, Lernbereitschaft und soziale Anpassung ggf. noch die Fähigkeit Auswendiglernen. Eine Ausnahme ist vielleicht LK Mathe in der Oberstufe.
Daher auch die vernichtenden Zahlen über den Aufstieg von "Proletariern", sagen wir es ruhig mal so. Ich bin leider in der Position beurteilen zu können, wie wohlhabende Familien sämtliche Hebel in Bewegung setzen, um ihre Sprößlinge zu einem mehr oder weniger guten Abi zu verhelfen. Da werden von Psychopharmaka über extremen Druck, Demütigung Ergo- und Logotherapie oder Internatsbeschulung bis hin zur klassischen Nachhilfe alles versucht um noch jedes Kind, und sei es noch so durchschnittlich begabt, zu einem studierfähigen Individuum zu machen.

Dreh und Angelpunkt dieses Systems sind Noten. Jeder würde sagen: natülich sind Noten Grundvoraussetzung für alles. Wie soll man denn sonst bewerten, wie gut ein Schüler ist? Die Frage muss anders gestellt werden: Wie kommen Noten zustande? Das die hälfte jeder Zensur über die SoMi (sonstige Mitarbeit) bestimmt wird und auch in vielen Fächern Noten frei vergeben werden oder herabgesetzt werden, wenn ein Schüler, aus welchen Gründen auch immer, Rechtschreibung nicht richtig beherrscht verleiht den Lehrern die Macht nach Gutdünken zu entscheiden. Dabei bekommt der fleißige, sozial angepasste Schüler, dessen Arbeitsmappe, mit Hilfe der Eltern, wie ein Handout auf einer Aktionärsversammlung aussieht bessere Noten, als dem nachlässigen, aber begabteren Kind einer sozial schwächeren Familie.

Und dabei sprechen wir noch nicht einmal von wirklich hochbegabten Kindern, die keineswegs jeden Tag drei Bücher lesen müssen oder mit fünf Jahren komplizierte Gleichungen lösen müssen, wie es in Filmen gerne suggeriert wird. Manche "von denen" gehen auch gern raus und glänzen durch Unauffälligkeit. Nein, es geht um stinknormale Schüler, wo selektiert wird. Eltern haben mir schon oft den Satz gesagt: "der Lehrer sagte, von den Noten her sei er schon für das Gymnasium geeignet gewesen aber aufgrund seines Betragens und Schludrigkeit riet er von einem Gymnasium ab." Darin steckt aber erst der erste Teil des Problems, der aber schon die sozialen Aufstiegschancen von vielen Kindern eliminiert. Und schwankende Leistungen von Grundschülern können sowohl positiv als auch negativ gewertet werden.
Auf die zwei bis drei Schulformen aufgeteilt, wird den Kindern ab 10 Jahren vermittelet, was sie nach Ansicht des weltfernen Schulsystems benötigen werden: Hauptschüler benötigen keine grundlegenden Analysefertigkeiten sondern sollen praktisches Wissen vermittelet bekommen. Wohingegen Gymnasiasten jede Hilfe bekommen strukturiert und effizient an Schulaufgaben heranzugehen. Und selbst dort wird gerne nach Beliebtheit benotet oder nach Fleiß, wobei die frage ist, ob die Gesellschaft nicht lieber kluge und kreative denn fleißige Menschen in Führungspositionen möchte?

Wenn es nicht so traurig wäre, wäre es geradezu lächerlich. Und die Hauptselektierer im Schulsystem sind die Lehrer. Diese haben zu viel Macht über Schüler zu richten und machen es oft falsch. Eine Lösung wäre es, Noten einfach abzuschaffen. Diese sagen eh nichts über die tatsächliche Leistungsfähigkeit der Schüler aus, sondern eher über deren sozialen Status und deren Anpassungsfähigkeit. Das braucht kein Mensch.

Nun könnte man fragen, wie denn später ein Arbeitgeber oder eine Uni bewerten soll, welche Schüler die richtigen sind und welcher Besser ist? Darauf habe ich keine Antwort. Aber besser als sie über Schulnoten zu bewerten, ist wirklich alles andere!

Reimers 16.05.2015 | 14:47

Während meiner Schulzeit habe ich ungemein viel für das Leben gelernt. Als Linkshänder wurde ich zum Rechtshändertum umerzogen, was mich in jungen Jahren sehr zum Stottern brachte, was wiederum mein musikalisches Talent förderte, da ich merkte, daß Singen alles Stottern wegblies. Als Schleswig-Holsteinischer Grundschüler wurde uns mit allerlei erzieherischen Maßnahmen wie Stockschläge, Schlüsselbund ans Ohr drücken und dann hochziehen, im Paperkorb in den vier Ecken stehen (waren häufig besetzt) mit Gesicht zur Wand u.ä. das Plattdeutsch-Sprechen erfolgreich ausgetrieben. Für meinen Sohn wurde in Hamburg 30 Jahre später ein Plattdeutsch-Professor eingeflogen, um das wertvolle Kulturgut nicht untergehen zu lassen. Man lernt also nie aus. Der Höhepunkt aber war mit Sicherheit unser völlig vermurkstes Abitur. Leider hatten wir einen - wie sich am Ende herausstellen sollte - einen Alt-Nazi als Rektor, der sich der damals noch völlig sozialdemokratisch beherrschten Stadt Neumünster einen neuen Karriere-Freifahrtschein zugelegt hatte als SPD-Mitglied und dann auch sehr schnell aufstieg zum Rektor eines Gymnasiums. Kurz vor den mündlichen Abitur-Prüfungen kam durch einen mutigen Lehrer heraus, daß unser Rektor während der Nazi-Zeit leider indirekt/direkt an der Deportation von Juden in Husum mitgewitkt hatte. Die Akten konnten im Leipziger Archiv damals nur von wenigen eingesehen werden, unser GK-Lehrer war einer der wenigen. Dann knallte es, denn wir informierten uns und verteilten vor der Schule (mind. 3m Abstand!) Flugblätter. Unvergessen ist das Herannahen unseres Rektors auf die kleine Abi-Schülergruppe mit stampfenden Schritt. Er entriss uns ein paar Fulgblätter, beschimpfte - ohne Lesen - und wild und drohte Maßnahmen an. Darauf gab es eine tumultartige Lehrerkonferenz, nach der drei der beliebtesten Lehrer ihre Versetzung beantragten, denn sie waren nicht mehr bereit, unter diesem Rektor zu arbeiten. Das müngliche Abi, das dann folgte, kann ich nur als Rektor-Horror beschreiben, indem er sich gezielt jeden vornahm, der aufgrund seiner offensichtlichen Nachforschungen am Schülerprotest beteiligt war. Meine Englisch-Prüfung zum Thema "Pentagonismus" - nach einem RoRoRo-Titel zum Vietnam-Krieg, wurde fast gesprengt durch einen plötzlich wutschnaubend auftretenden Rektor (damals konnten sie sogar noch fachfremd mitentscheiden), andere hatten ähnliche Erlebnisse. Mein Englisch-Lehrer hat mich dann gerettet, indem er seinen eigenen Rektor zu Zurückhaltung ermahnte - er hat meinen bleibenden Respekt. Das Ende vom Lied war, daß der Neumünsterander-Courier den Fall aufnahm. Da der Rektor nicht zurücktreten wollte, machten wir eine Demo in der Innenstadt - es kamen über 3000 Menschen, längst nicht nur Schüler, nicht schlecht, dachten wir. Danach trat der Rektor zurück und wurde 2 Wochen später erneut zum Rektor einer neben unsem Gymnasium gebauten Bundeswehrfachschule (er war damals 63). Uns wurde eine Abi-Feier mit würdiger Überreichung der Zeugnisse verweigert, anstatt dessen mußten wir EINZELN im Geschäftzimmer des Rektor antreten und erhielten - ohne jeglichen Kommentar . unser Abitur. Wie gesagt, ich habe viel gelernt aus all diesem. Die Wege sind manchmal merkwürdig aber ich wurde später selbst Lehrer.

Simon Clemens 16.05.2015 | 19:33

Sie treffen mit Ihrer Äußerung den Kern des Problems.

Wo würden wir nur hinkommen, wenn Schule das Gefühl vermitteln würde, dass sie ihre Schüler ernst nimmt? Ich vermag mir die drohende Katastrophe nicht auszumalen...

Es gibt wahrscheinlich wenige Institutionen, die innerhalb ihrer eigenen Mitglieder so einen schlechten Ruf hat wie die Schule. Solange sich der Erfolg der Schule an Pisa und nicht am Lernwillen der Schüler bemisst, nimmt sie die Schüler nicht ernst, und verfehlt ihren Bildungsauftrag. Ein Lernen, das nicht dem Menschen dient, sondern Noten und Abschlüssen wird zwangsweise zum pseudointellektuellen Trauerspiel. Es ist für mich unverständlich, wie akzeptiert die gesellschaftliche Einstellung zu sein scheint, dass Schule nunmal ein notwendiges Übel ist.

Und ich frage nochmals. Wo kommen wir hin, wenn eine Gesellschaft ihrer zukünftigen Generationen das Gefühl vermittelt, dass sie sie nicht ernst nimmt?

Ismene 16.05.2015 | 23:10

Hallo Simon,

ein wenig kann ich die geschilderten Gefühle nachvollziehen, allerdings nicht in Bezug auf das Abi, sondern auf das Diplom.

Ich persönlich bin dreizehn Jahre gern zur Schule gegangen und derzeit verantwortlich für zwei Kinder, die das überwiegend auch tun.

Obwohl mir nie gesagt wurde, wer ich sein soll, war immer klar, dass gelerntes Wissen abgefragt wurde und nicht Meinungen oder Einstellungen.

Jetzt werde ich Lehrerin und habe keinen Lehrplan mehr, sondern soll Kompetenzen fördern, was ich nicht nur für einen Fortschritt halte.

Ich denke, dass es einfach Dinge gibt, die man eben lernen muss und dass es schwierig ist, zu bewerten, wenn es um Einstellungen geht. Unmöglich ist das allerdings nicht.

Was mich interessiert, ist: wie muss Unterricht sein, der die Schülerinnen und Scnüler ernst nimmt und dem es gleichzeitig gelingt, Wissen zu vermitteln, dass diesen nicht unmittelbar einleuchtet, gleichwohl wichtig ist und gelehrt werden soll und muss?

Liebe Grüße

Ismene

namenlos 17.05.2015 | 03:22

Zunächst einmal vielen Dank für Ihren lesenswerten Beitrag sowie für Ihre Antwort auf meine eher beiläufig hingeworfene Bemerkung, die mir in Reminiszenz an meine persönliche Erfahrung mit Altphilologen in der Schule in den Sinn gekommen war.

So wie ich Schule verstanden habe und auch heute noch verstehe, kann sie nicht mehr leisten als ihre Absolventen auf eine Art Stand eines kleinsten gemeinsamen gesellschaftlichen Nenners in Sachen Bildungskanon zu bringen, also lediglich eine Plattform für ein "von hier aus" - sprich weiteren Lernweg, zu "erreizen".

Sie scheinen noch unter "Prüfungsstress" zu stehen was darauf hinweist, dass Ihnen vlt wohl klar war, welche Konsequenzen ein Nichterreichen gesetzter Anforderungen ggf bedeuten könnte.

Prüfungen werden Ihnen übrigens weiterhin bevorstehen: einige werden als solche deklariert vor Ihnen auftauchen, von anderen erfährt man mitunter garnicht als solchen.

In diesem Sinn möchte ich Sie dazu ermutigen vor sich selbst Respekt zu entwickeln, etwas 13 Jahre lang durchgehalten zu haben, dessen Sinn sich Ihnen bislang noch nicht zu erschliessen vermocht haben mag.^^

Viele Grüße

JoeyU 17.05.2015 | 04:34

Schule ist ein Riesending, 13 Jahre einem System ausgesetzt zu sein, Druck von allen Seiten Eltern, Großeltern, LehrernInnen usw. zu erhalten die einem sagen, das Schule, Lernen, ganz wichtig sei für das Leben. Aber die Wenigsten bringen einem bei, wie man die 13 Jahre mit fehlender Ergänzung durch Kommunikation in der Familie, weil diese gar keine Zeit hat zu kommunizieren, den täglichen Lebenskampf in einer dahintrudelnden aber den Leuten immer mehr abverlangenden Gesellschaft bestehen muss. Zu meiner Zeit war dies nicht so, man reflektierte das in der Schule gehörte, gelernte, in den Hausaufgaben erarbeitete mit den Eltern, älteren Geschwistern, daraus holte man sich Motivation, den täglichen Unterricht zu bestehen. Wichtig war auch und wäre heute genauso, die SchülerInnen zu motivieren, Hintergründe und Interesse zu vermittlen, anstatt überfrachtete Lernpläne -besondners im G8- versuchen durchzupauken, die eh kein Lehrer schafft. In so einem System kann nicht Gescheites herauskommen, zumal auch das Thema individuelle Förderung in diesem heutigen überfrachteten Schulsystem gar nicht möglich ist. Also kämpfen, oft quälen sich die Schüler mit mehr oder weniger Erfolg durch, angetrieben von ehrgeizigen, wenig Zeit für die Kinder habenden Eltern. In der Schule wird heute nur ansatzweise oder gar kein Wissen vermittelt sondern Lernpläne, die von irgend jemand gemacht wurden, abzuarbeiten. Heute nach dem Studium in den Schulbetriben kommenden LehrerInnen sind so erschöpft und auch demotiviert, das von denen keine nachhaltige Verbesserung der Schulsysteme zu erwarten ist. Also bleibt alles wie es ist.

JoeyU 17.05.2015 | 04:34

Schule ist ein Riesending, 13 Jahre einem System ausgesetzt zu sein, Druck von allen Seiten Eltern, Großeltern, LehrernInnen usw. zu erhalten die einem sagen, das Schule, Lernen, ganz wichtig sei für das Leben. Aber die Wenigsten bringen einem bei, wie man die 13 Jahre mit fehlender Ergänzung durch Kommunikation in der Familie, weil diese gar keine Zeit hat zu kommunizieren, den täglichen Lebenskampf in einer dahintrudelnden aber den Leuten immer mehr abverlangenden Gesellschaft bestehen muss. Zu meiner Zeit war dies nicht so, man reflektierte das in der Schule gehörte, gelernte, in den Hausaufgaben erarbeitete mit den Eltern, älteren Geschwistern, daraus holte man sich Motivation, den täglichen Unterricht zu bestehen. Wichtig war auch und wäre heute genauso, die SchülerInnen zu motivieren, Hintergründe und Interesse zu vermittlen, anstatt überfrachtete Lernpläne -besondners im G8- versuchen durchzupauken, die eh kein Lehrer schafft. In so einem System kann nicht Gescheites herauskommen, zumal auch das Thema individuelle Förderung in diesem heutigen überfrachteten Schulsystem gar nicht möglich ist. Also kämpfen, oft quälen sich die Schüler mit mehr oder weniger Erfolg durch, angetrieben von ehrgeizigen, wenig Zeit für die Kinder habenden Eltern. In der Schule wird heute nur ansatzweise oder gar kein Wissen vermittelt sondern Lernpläne, die von irgend jemand gemacht wurden, abzuarbeiten. Heute nach dem Studium in den Schulbetriben kommenden LehrerInnen sind so erschöpft und auch demotiviert, das von denen keine nachhaltige Verbesserung der Schulsysteme zu erwarten ist. Also bleibt alles wie es ist.

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Ehemaliger Nutzer 17.05.2015 | 14:37

Bis zum Abi und auch noch bis zum Bachelorabschluß erwirbt man tradiertes, erprobtes/bewährtes oder gar gesichertes Wissen und erlernt zumindest ansatzweise, wie dieses Wissen zustandekommt, wie man es erarbeitet. Man hat also Kenntnisse, Fertigkeiten und Fähigkeiten erworben.

Ein Großteil des weitergegebenen Wissens beruht auf verbaler Informiertheit [nach Martin Wagenschein], man verläßt sich also darauf, dass das stimmt, was einem da gesagt oder gezeigt wird. Das geschieht manchesmal aus zeitlichen Gründen. Sonst müsste man im wahrsten Sinne des Wortes sämtliches bisher angesammeltes Wissen und die Methodik zu Erlangung dieses Wissens nachvollziehen, also selbst ausprobieren. Nimmt man nur die jüngere Zeit, also seit Galilei, hätte man dafür mehr als ein ganzes Menschenleben nötig.

Mit dem Abi kann man entscheiden, ob man im Sinne Huxleys Alpha oder Beta wird. Das können im Großen und Ganzen bspw. Hauptschüler nicht. Ausnahmen bestätigen die Regel.

Die Entscheidung dazu findet vor dem Studium oder einer qualifizierten Ausbildung statt, wenn man denn studieren will. Die Art und Weise, wie man arbeiten will, ist jedoch entscheidender: unternehmerisch, selbständig, freiberuflich, verbeamtet oder angestellt. Denn einige Studiengänge legen einen da zunächst fest, wenn man dem auch nicht folgen muss. Ein Lehrer kann sicher auch unternehmerisch tätig werden. Das aber ist ein Umweg, der kostbare Lebenszeit verschlingt.

Nicht das Abi und auch nicht das Studium sind die eigentliche Leistungsabforderung, sondern erst die berufliche Tätigkeit.

Das Schulsystem stellt dem Grundsatz nach die Voraussetzungen für eine funktionierende Gesellschaft sicher.

Wenn man sich für ein Studium entschieden hat, empfehle ich vor dem Studium: Gerhard Schurz Einführung in die Wissenschaftstheorie. Das hilft, den Kopf und die Dinge zu ordnen. So kann man das aufzunehmende und selbst zu erarbeitende Wissen strukturieren.

Simon Clemens 17.05.2015 | 20:18

Danke für Ihren Kommentar!

Es scheint mir unmöglich, einen schülergerechten Unterricht zu organisieren, bei gleichbleibendem Anspruch auf Vergleichbarkeit und Allgemeinwissen, den Sie formulieren.

Denn sobald Lernen sinnreich wird, ist es nicht mehr objektiv messbar. Ich habe keine Ahnung, wer auf den absurden Gedanken gekommen ist, man könne Bildungserfolg anhand von Ziffern messen. Fest steht, das dieser Gedanke eher etwas mit Wirtschaft oder Politik zutun hat als mit Bildung. Denn Bildung, im Sinne einer fördernden Formung der Person und ihrer Fähigkeiten, ist mit einer objektiven Vergleichbarkeit schlichtweg nicht vereinbar. Wie soll man auch eine individuelle Entwicklung anhand eines Maßstabs messen, der ebenso für alle anderen gültig sein soll?

Das Allgemeinwissen, das sie fordern ist meines Erachtens ein Produkt jener angestrebten Vergleichbarkeit. Das Konstrukt Allgemeinwissen entsteht letztlich aus dem verzweifelten Versuch, einen Maßstab zu errichten, an dem sich Bildung messen lässt. Das Paradoxe ist, dass die Schule an ihren eigenen Maßstäben großartig scheitert. Um dies festzustellen, reicht eine ehrliche Selbstreflexion, in der man 9 bis 13 Schuljahre in Verhältnis zu jenem Wissen setzt, dessen Besitzer man sich nach wie vor nennen kann.

Wie jede andere Art von Wissen, kann auch Allgemeinwissen nur Leben eingehaucht bekommen, wenn es durch die Person des Lernenden Sinn und Relevanz erfährt. Wissen, das Anspruch auf einen universellen Wert hat, wird umgehend zur unangenehmen Buchstabenansammlung, die man im ungünstigsten Fall auswendig lernen muss, um sie anschließend wieder zu vergessen.

Möchte man die Schüler und auch ein Bildungssystem ernst nehmen, braucht es demnach zwingend einen Unterricht, der den Mut hat auf Vergleichbarkeit zu verzichten und stattdessen individuelle Interessen zu organisieren.

Ismene 17.05.2015 | 20:54

Lieber Simon,

dazu fallen mir jetzt viele verschiedene Dinge ein, ich hoffe, ich kriege das einigermaßen strukturiert hin.

Ich bin kein großer Freund der Notengebung und fand die Beschreibungen der ersten zwei Schuljahre immer sehr viel hilfreicher. Wenn schon Noten, dann sollte auch klar sein, was eine Note aussagt. Bei einer Skala von eins bis sechs läge der Mittelwert - und damit die Normalleistung - bei 3,5, das aber ist in der allgemeinen Betrachtung bereits eine schlechte Note. Ein weiteres Problem mit den Noten ist, dass gar nicht klar ist, was mit einer Note ausgesagt werden soll. Niemand kann sagen was eine zwei in Mathe denn über die Leistung bzw. besser das Wissen eines Dritt-, Siebt- oder Zehnklässlers aussagen soll. Das könnte aber geändert werden. Lehrende sollten ja sagen können, was die Schülerinnen und Schüler am Ende einer Einheit gelernt haben sollen...

Was das Allgemeinwissen angeht bin ich ein wenig zweigeteilt. Es gibt meiner Meinung nach durchaus Wissen, über dass ein Mensch, wenn er die Schule verlässt, verfügen sollte. Lesen und Schreiben gehört zweifellos dazu. Aber auch Mathematik, Erdkunde, Geschichte, Sozialkunde (oder Politik), Musik, Kunst , Fremdsprachen und naturwissenschaftliche Grundlagen ... die Liste ist nicht vollständig. Aber: es müssen ja nicht immer alle zum gleichen Zeitpunkt das gleiche können. Gut sieht man das beim Lesenlernen. Etwa um Weihnachten sollen alle Kinder lesen können. Es gibt aber Kinder, die können das entwicklungsbedingt richtig erst am Ende des vierten Schuljahres. Die lernen halt solange die Wörter auswendig. Was für ein Schwachsinn! Es ist letztlich die Art, wie unterrichtet wird. Ich denke z.B. dass Sprache von Sprechen und nicht von Vokabelnlernen kommt, aber so wird nicht unterrichtet. Man kann das anders organisieren, aber das ändert nichts am Grundgedanken der Allgemeinbildung, wie auch immer sie konkret definiert wird.

Letztlich führt das aber noch nicht zu einer Bildung des Menschen im Sinne einer "Herzensbildung". Ob das die Schule letztendlich leisten kann, weiß ich nicht. Es ist eine schwierige Sache und es gelingt manchem Lehrer und mancher Lehrerin doch. Jugendliche so durch ihre Lernzeit zu begleiten, dass sie eine Chance haben, eigene Meinungen zu entwickeln und im Gespräch zu überprüfen, das ist eine schwierige Aufgabe. Und diese Entwicklung lässt sich in Noten auch nicht ausdrücken. Sie ist dennoch Auftrag der Schule. Jedenfalls in BW, wo es keinen Lehrplan mit vorgeschriebenen Jahreszielen mehr gibt (in den Hauptfächern ist das wahrscheinlich anders), sondern wo Kompetenzen gefördert werden sollen. Das macht das Unterrichten viel schwerer (wenn man es denn ernst nimmt), aber auch spannender. Dann gibt es immer noch einen Teil, den ich bewerten kann, nämlich was jemand über ein Thema weiß. Aber es gibt auch einen Teil, den ich nicht bewerten kann, nämlich wie er sich zu dem Thema stellt. Da kann ich noch schauen, ob schlüssig argumentiert wird oder ob die Grundlagen und Quellen nachvollziehbar miteinander verknüpft werden, aber die Meinung kann ich nicht bewerten (was natürlich besonders schwierig ist, wenn ich anderer Meinung bin...).

Ich bin grade an einer Schule, die mit dem nächsten Schuljahr Gemeinschaftsschule wird. Der Grundgedanke vom Lehrer als Lernbegleiter soll verwirklicht werden. Die Schülerinnen und Schüler sollen individueller gefördert werden können und Noten gibt es erst mal nicht ("die laufen im Hintergrund natürlich mit"). Mal sehen wie sich das entwickelt.

herzliche Grüße

Ismene

Ismene 17.05.2015 | 21:01

Nachtrag: ich finde nicht, dass die Schule generell individuelle Interessen organisieren kann und soll. Das ist im Einzelfall sicher möglich und dann auch eine Chance, die es zu nutzen gilt. Aber generell wäre schon viel geschafft, wenn die Schule dazu einen Raum anbieten kann. Besonders gilt das vielleicht für den ländlichen Raum, weil hier die Schule immer mehr der zunehmend einzige Ort ist, wo Kinder und Jugendliche sich überhaupt organisieren können, weil es immer mehr Kinder und Jugendliche gibt, die in ihrem unmittelbaren Umfeld fast keine Gleichaltrigen mehr finden...

Nochmal herzliche Grüße

Ismene

h.yuren 18.05.2015 | 11:12

>Knapp hundert Köpfe, über ihre Tische gebeugt, bei dem stressigen Versuch,<

die knapp 100 köpfe müssen mich an comenius erinnern, der vor ein paar tagen doch genau das nach dem vorbild der bäcker empfahl: nicht 10 schüler auszubilden, sondern 100 in den ofen zu schieben und der hitze auszusetzen, bis sie gar sind.

die so fabrizierten schüler kosten weniger als in der alten schule. auf individuelle bedürfnisse hat man im 17. jahrhundert noch nicht besonderen wert gelegt. aber fortschritt musste sein. das ergebnis ist heute zu besichtigen.

den anstalten der reichen von heute möchte ich aber nicht das wort reden. im gegenteil. erst nach abschaffung des staates ist mit neuen inhalten und verfahren zu rechnen. bis auf weiteres müssen wir uns hintun mit veraltetem und überflüssigem. das schmeckt nicht. ich weiß. hab auch mal das abi von beiden seiten kennen und geringschätzen gelernt.

Oberham 25.05.2015 | 09:15

... vor nunmehr 30 Jahren konnt ich sagen - hab wohl studiert, mein 1. Stex in beiden Fächern abgelegt, nach drei Wochen als Referendar jedoch, die gleiche Misere erlebt,

die mir im Blockpraktikum beschert ward..............

als Lehrer bist Du nur ein Knecht, ein Knecht der wie ein Specht,

den Wurm aus den Köpfen der Kinder zu hämmern hat,

dabei ist der Wurm das Kind,

der Wurm kein Wurm,

den Wurm, den pfanzt Du ihnen ein,

sonst würden sie vielleicht zu anders sein,

zu frei, zu klug, zu neugierig,

nein, tod dem Kind

und es lebe der Wurm

nein kein Specht, dem tu ich hier Unrecht

das Unrecht zu exekutieren verwehrte ich mir,

nun steh ich hier,

und seh,

nach 30 Jahren

wohin wir alle irre fahren.

Immer weiter, immer weiter, in den Wahn

bald holt mich der Kahn,

der Fährmann spricht vielleicht zu mir,

am anderen Ufer angekommen

heut schon täum ich verschwommen

die Last der Ohnmacht abgenommen

weh, wenn auch dort die Irren haben das Ruder längst übernommen!

Walter von Waltenberg 01.01.2016 | 14:18

Zur Nichterkennung von wirkllich begabten füge ichhier zwei bekannte Beispiele hinzu. Erstens Albert Einstein, der Nobelpreisträger flog als Schüler wegen schlechter Leistungen in Mathematik und Physik vom Gymnasium. ein weiteres beispiel ist der spätere Entzifferer der Hieroglyphen Jean-Francois

Champolion, der flog mit 16 ebenfalls von seiner Schule und war am selben Institut ein Jahr später außerordentlicher Professor