Das Denken der Anderen

Pegida In Deutschland haben xenophobe Protestbewegungen zuletzt regen Zulauf, wie soll man mit ihnen umgehen? Igonorieren, attackieren oder diskutieren?
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15.000, - in Worten: Fünfzehntausend. So viele Menschen gingen vergangenen Montag in Dresden für ihre politischen Überzeugungen wieder auf die Straße. In Zeiten zunehmender Politikverdrossenheit und eines neu-biedermeierschen Rückzugs ins Private eigentlich ein erfreulicher Umstand, wären da nicht die propagierten Inhalte.

Von einer Islamisierung des Abendlandes ist die Rede, von unaufhaltsamen Flüchtlingsströmen, kriminellen Ausländern und der gleichgeschalteten Medienlandschaft in Deutschland. Demagogie ist dabei das rhetorische Mittel der Wahl. "Volksverräter!" und "Lügenpresse, halt die Fresse!" schallt es vielkehlig durch die Straßen während in Franken Flüchtlingsheime brennen. Eine Szenerie, die zwangsläufig an die dunkelsten Stunden der deutschen Geschichte erinnert. Auch der Klassiker "Wir sind das Volk!", mit dem sich vor 25 Jahren die Ostdeutschen der Diktatur friedlich entledigten, ist auf den "Spaziergängen" der Pegida zu hören, während man sich gleichzeitig Putins autokratischem Russland zuwendet, - nicht das einzig Schizophrene an einer Bewegung, die Ausländerkriminalität anprangert, deren Initiator aber selbst mehrfach Vorbestraft ist.

Wie soll man mit diesem Menschen umgehen, die inzwischen allmontaglich zusammenkommen um ihre kruden Thesen zu verbreiten und so fundamental anders denken als man selbst? In einer pluralistischen Gesellschaft wäre der Dialog regelmäßig das Mittel der Wahl. Doch wie mit Menschen diskutieren, die die Diskussion verweigern und deren Feindbild offensichtlich jene pluralistische Gesellschaft ist? Wie mit Menschen diskutieren, deren Positionen für einen liberalen und aufgeklärten Menschen indiskutabel und teilweise bar jeder faktischen Grundlage sind? Wie mit Menschen diskutieren, die sich jeder Diskussion Verweigern, solange man nicht ihre Meinung teilt? Es scheint viel leichter, sie einfach als Spinner, Idioten und Chaoten abzutun und dabei zu ignorieren, was sie in Wahrheit sind: gefährlich.

Denn offensichtlich zeigt ein nicht unerheblicher Teil der Gesellschaft Verständnis oder gar Sympathie für die Protestler. Die Anzahl derer, die sich in einer immer komplexer werdenden Welt, für die argumentative Bauernfängerei der einfachen Lösungen empfänglich zeigen, scheint erschreckend hoch. Während auf der einen Seite die Mehrheitsgesellschaft (noch), ein modernes, liberales und weltoffenes Deutschland begrüßt und aufbaut, bildet sich am anderen Ende des politischen Spektrums ein Forum für Menschen die anders denken, nämlich vermehrt (national)-konservativ, denen der "Gender-Wahn", die Überfremdung und der Verlust der D-Mark die Zornesröte ins Gesicht treibt.

Diesen neuen Rechten ist nur schwer beizukommen. Sie geben attraktiv einfache Antworten auf komplexe Fragen und jedwede Kritik wird als Zensur und Angriff auf die Meinungsfreiheit gebrandmarkt. Ein argumentativer Taschenspielertrick, der leider nur allzu oft funktioniert. Dialog erscheint unmöglich, zu sehr profitiert z.B. Pegida von seiner Verweigerungshaltung, die Gleichzeitig vor den Argumenten der "Systempresse" schützt und das eigene "wir hier Unten, gegen die da Oben"-Selbstverständnis unterstreicht.

Gegen dieses hermetisch abgeriegelte System, das jede Kritik nur als Affirmation der eigenen Ansichten erkennt, ist bisher nur ein Kraut gewachsen: Werbung in eigener Sache machen und der Bewegung das Wasser abgraben. So wie die neue Rechte ihr rückwärtsgewandtes Weltbild propagiert, so muss der Rest der Gesellschaft für seine Ideale einstehen. Man muss den Ressentiments, der Demgagogie, dem Extremismus im bürgerlichen Gewand Weltoffenheit, und Humanismus entgegenhalten. Toleranz und Liberalität dürfen nicht nur als leere Worthülsen existieren, sondern müssen gelebt werden. Nicht bloß Kopfschütteln oder fluchen über Stammtischparolen, sondern offen und laut widersprechen, widerlegen – in Kommentarspalten wie auf der Straße. Argumentativ ist das meist nicht sonderlich schwer. Die freiheitlich-egalitäre Gesellschaft in der wir Leben ist keine Selbstverständlichkeit, für sie muss jeden Tag neu geworben werden.

Adorno sagte einmal, dass er keine Angst vor der Rückkehr der Faschisten in der Maske der Faschisten, sondern in der Maske der Demokraten habe. Das gilt es zu verhindern.

19:31 16.12.2014
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