I don't want to live on this planet anymore

US-Wahl Donald Trump wird als Antithese liberaler Politik zum US-Präsidenten. Instinktiv möchte man dem Erfolg des populistischen Prolls mit Zynismus begegnen. Aber was dann?
Bei diesem Beitrag handelt es sich um ein Blog aus der Freitag-Community
I don't want to live on this planet anymore
So Leute, Trump ist gewählt. Hand hoch, wer möchte auf den Mars?

Foto: ALEXANDER NEMENOV/AFP/Getty Images

"I don't want to live on this Planet anymore.", meckert der schrullige Professor Farnsworth aus Matt Groenings zynisch-humoriger Zeichentrickserie "Futurama", nachdem ein kreationistischer Urang-Utan unter Applaus der Menge erklärt, dass die Evolutionstheorie Humbug sei.

Eingebetteter Medieninhalt

Es ist dieser eine Satz, der dem Autor dieser Zeilen momentan nicht mehr aus dem Kopf geht. All die Resignation und all das Unverständnis, das sich dieser Tage bei Lektüre der Titelseiten aufbaut, spiegelt sich in diesen neun Worten.

Pegida, AfD, Orban, Erdogan, Brexit und jetzt Trump. Man möchte es dem Professor gleichtun, in sein Raumschiff steigen und den Planeten verlassen. Ich bin raus, macht euren Scheiß alleine. Tschüss, bis nie. Wenn es denn doch so einfach wäre!

Doch das ist es nicht. Was also bleibt? Resignation und Zynismus scheinen verlockend, ändern aber nichts. Notgedrungen muss man sich mit der Frage beschäftigen, was hier eigentlich gerade passiert ist - und vor allem warum?

Wie ein Verkehrsunfall der Geschichte, breitet sich das Bild eines Wahlsieges von Donald Trump vor einem aus. Ein rassistischer, frauenverachtender Milliardärs-Prolet gewinnt die Wahl zum mächtigsten Mann der Welt. Sein Programm liest sich wie der feuchte Traum eines jeden Rechtspopulisten. Steuern runter, Grenzen zu. Abtreibungen verbieten, Waterboarding erlauben. Umweltschutz? Weg damit! Vorgetragen das ganze in einem Duktus irgendwo zwischen debilem Teleshopping-Moderator und Gebrauchtwagenhändler mit Korsakow-Syndrom. Amazing, great, beautiful, fantatstic and not for loser Mexicans. Die letzten Achtzehn Monate erschienen mehr als Trash-TV denn Wahlkampf, mehr Scripted Reality als politischer Wettstreit. Fakten waren irrelevant. Bei so einem Heimspiel musste Trump wohl gewinnen.

Ist es also das? Der Sieg der Show über die Substanz? Der Triumph des in den USA seit jahren grassierenden Antiintellektualismus? Die politische Landkarte spricht jedenfalls eine eindeutige Sprache. Westküste und Nordosten gehen an Clinton, Bible-Belt und mittlerer Westen an Trump. Hier schlägt Schöpfungsgeschichte die Evolutionstheorie. Politische Bildung? Fehlanzeige. Kirchgang und Kernfamilie, Waffen und Football bestimmen das Weltbild. Mit Homoehe und Klimaschutz geht man hier nicht auf Stimmenfang.

Auch aus der wirtschaftlichen Misere einer ganz bestimmten Bevölkerungsgruppe kann Trump Kapital schlagen. Ausgerechnet die große Gruppe geringqualifizierter Weißer hält dem Milliardär und Absolventen einer Elite-Busines-School die Treue. Genau jene also, die in den letzten Jahrzehnten am meisten an Wirtschaftskraft und gesellschaftlichen Ansehen eingebüßt haben. Die Unzufriedenheit dieser Menschen mündet in Verachtung für "korrupte liberale Eliten", die sich vermeintlich mehr um Minderheitenrechte kümmern, als um den Durchschnittswähler. Die Politik der progressiven Kräfte assoziieren sie unmittelbar mit ihrem eigenen sozialen Absturz.

Hierin überschneiden sich nun die trumpschen Wähler. Auf der einen Seite eine breite, strukturkonservative Front, die sich nach den Zeiten der Reagan-Ära sehnt und die liberale Gesellschaftspolitk eines Barack Obama allenfalls toleriert. Auf der anderen Seite die Golbaliserungsverlierer der Unterschicht, die sich in Verteilungskämpfe verwickelt sehen und den gesellschaftlichen Fortschritt der letzten zwei Jahrzehnte für ihren eigenen Niedergang mindestens mitveranwortlich machen.

Eine solche Gemengelage findet sich inzwischen in nahezu allen westlichen Industrienationen. Nationalkonservative vebrüdern sich mit den Abgehängten der Unterschicht zu einer breiten Front weit rechts der Mitte. Für die einen geht es um Ideologie, für die anderen um die Umkehr ihres wirtschaftlichen Abstiegs. Auch in Deuschland machen inzwischen sachsen-anhaltinische Arbeitslose und thüringische Gymnasiallehrer ihr Kreuzchen an gleicher Stelle.

Platz findet dieser Rechtspopulismus in einem durch das Versagen der etablierten Politk geschaffenen Vakuum der Glaubwürdigekeit. Jenseits des Antlantiks blockieren sich Regierung und Parlament seit jahren gegenseitg. Gleichzeitig sind Systembedingt alle Abgeordneten massivst auf Drittmittel zur Wahlkampffinanzierung angewiesen und machen sich somit der Beeinflussbarkeit zumindest verdächtig.

Auf dem alten Kontinent hingehen hat die Technokratie einer Angela Merkel die Ideologie aus dem Politischen verdrängt. Menschenrechte, Gleichberechtigung, Umwelt- und Klimaschutz werden zwar stets als Dogma heruntergebetet, allerdings nur um gleich wieder auf dem Basar der Tagespolitik verschachert zu werden. Überzeugen lässt sich mit solch einer Politik niemand. Schon gar nicht diejenigen, die vom status quo am wenigsten haben.

Francis Fukuyamas Annahme zu Beginn der neunziger Jahre, dass mit dem Ende des Wettlaufs der Systeme zwischen Ost und West gleichsam ein Ende der Geschichte eintreten werde, hat sich nicht bewahrheitet. Heute sind Demokratie, Pluralismus und Liberalität nicht nur International, sondern auch innerhalb demokratischer Nationen auf dem Rückzug.

Im vergangenen Vierteljahrhundert haben sich etablierte Politiker darauf verlassen, dass die Idee einer offenen und demokratischen Gesellschaft im Rahmen des Kapitalismus aus sich selbst überzeugend sei. Damit lagen sie falsch. Wirtschaftliche Verwerfungen haben eine Wählerbasis entstehen lassen, die lieber den einfachen Lösungen der Nationalkonservativen folgt. Und wen wundert das noch, wenn Politik mehr als schlecht funktionierende Verwaltung, denn als Wettstreit der Ideen daher kommt.

Es genügt nicht zu sagen, man schaffe dieses oder jenes. Vielmehr brauchen wir eine Politik, die ihre Werte auch vermittelt und zu ihnen steht. Insbesondere auch dann, wenn es etwas kostet. Der ideologischen Herausforderung des Rechtspopulismus muss man sein eigenes Wertesystem entgegensetzen. Wer zunächst nur hehr daheredet, und im Nachgang wieder zurückrudert, gibt den Trumps und Farages, den Le Pens und Orbans dieser Welt recht und macht seine eigenen Werte zur Verhandlungsmasse.

In einer solchen Welt, in der Rassismus und Ausländerfeindlichkeit toleriert werden und Gleichberechtigung und Umweltschutz verhandelbar sind, möchte man in der Tat nicht Leben.

19:02 09.11.2016
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Kommentare 17

Avatar
Ehemaliger Nutzer | Community
Avatar
Avatar
Avatar