Eine Frage der Macht

Sexuelle Übergriffe #MeToo dreht sich weiter: Der Regisseur Dieter Wedel soll Schauspielerinnen sexuell belästigt haben
Eine Frage der Macht
Regisseur Dieter Wedel soll mehrere Frauen sexuell belästigt haben

Foto: Thomas Lohnes/Bongarts/Getty Images

Es war eine Frage der Zeit, bis sich auch in Deutschland Frauen outen, die von mehr oder weniger berühmten Männern sexuell belästigt worden sind. Trotzdem geht aufgrund der jüngsten Enthüllung in Sachen #MeToo durch das Zeit-Magazin ein Aufschrei durch die Republik: Dieter Wedel, einer der bedeutendsten Regisseure dieses Landes, soll Frauen angegrapscht und zum Sex genötigt haben. Drei ehemalige Schauspielerinnen erzählen davon, zwei offenbaren ihren Namen. Alle drei konnten nach den Erlebnissen mit dem Mann nicht mehr „so weitermachen wie zuvor“, sie gaben ihren Beruf auf.

Die Geschichte ist so erschreckend wie wenig überraschend.

Wenig überraschend, weil seit langem bekannt ist, dass sexualisierte Gewalt existiert, in Paarbeziehungen ebenso wie in beruflichen Kontexten. Erschreckend ist sie, weil sie das Ausmaß eines Machtgefüges verdeutlicht, das weit über sexuelle Nötigung, psychische und verbale Gewalt hinausgeht. Davon ist mitnichten nur die Filmbranche betroffen, das trifft im Grunde jede Branche: Politik, Wissenschaft, Sport, Medien, Industrie.

Man hat immer eine Wahl? – Das ist ein großer Trugschluss

Überall gibt es (selbstverständlich) ein Machtgefälle: Chefinnen und Chefs, untergeordnete Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter und – das ist wichtig – Praktikantinnen und Praktikanten sowie junge karriereorientierte Newcomer. Insbesondere Letztere wollen aus diesem Status heraus, wollen anerkannt sein, sich einen Namen machen, Chancen und feste Verträge bekommen. Das wissen jene Entscheiderinnen und Entscheider – und können es ausnutzen. Und das ist in der Filmbranche – in der es ein „Überangebot an Sex“ gibt, wie eine Protagonistin im Zeit-Text sagt – sicherlich besonders leicht.

Das Perfide daran: Jemand hat Macht – weil er einen großen Namen, einen wichtigen Status und/oder Geld hat – und kann damit über andere bestimmen: Entweder du machst das, was ich will, was ich sage. Oder deine Karriere ist am Ende. Sich zu fügen oder sich zu widersetzen, kann über das weitere Leben entscheiden.

Es ist ein frommer Wunsch und ein großer Trugschluss zu glauben, all jene Opfer, die sich jetzt zu Wort melden, hätten sich locker wehren können. Du hättest ja gehen können. Man hat immer eine Wahl – so nur zwei der gern angeführten Argumente.

Sich den von Macht geprägten Situationen zu widersetzen, sich heiklen Momenten zu entziehen, ist für die meisten Menschen äußerst schwer. Vor allem dann, wenn man sich von einer Begegnung – wohlgemerkt auf beruflicher Ebene – einiges verspricht. Auch dann, wenn man meint, gefeit zu sein vor Kompromissen, die man nicht eingehen möchte.

Die Machtgefälle exisitieren bis heute

Man möge bitte auch bedenken: Sowohl die Stimmung in den USA als auch jetzt in Deutschland war vor zwanzig Jahren, als die jetzt öffentlich gewordenen Übergriffe passiert sein sollen, keineswegs so, dass Betroffene Gehör gefunden hätten. Damals wurden jene, die sexualisierte Gewalt thematisierten, eher verhöhnt als verstanden. Ebenso möge man bitte bedenken, dass die Betroffenen zu jener Zeit jung waren, die vermeintlichen Täter aber wesentlich älter. Allein in dem Altersunterschied lag ein weiteres Machtgefälle.

Das mag heute anders sein. Dazu haben hashtags wie #MeToo und #aufschrei sowie Kampagnen wie die US-InitiativeTime’s up, mit der prominente US-Schauspielerinnen der sexuellen Belästigung im Filmgeschäft ein Ende bereiten und weniger privilegierten Frauen Schutz davor bieten wollen, sicher beigetragen. Heute ist das Bewusstsein gegenüber dem, was geht und was nicht, stark gestiegen.

Die Machtgefälle allerdings sind geblieben. Und die wird es immer geben. Der Spielraum, den solche (selbstverständlichen) Systeme bieten, das Möglichkeit, Widerspenstige so lange zu mobben, bis sie selbst aufgeben, dürfte sich hoffentlich einschränken.

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14:28 04.01.2018
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