Liebe Genossinnen ...

Besitzen II Die Schoko-Fabrik in Berlin, das größte Frauenzentrum Europas, soll gekauft werden. Natürlich von Frauen

Überall in Kreuzberg hängen die Flyer: "Kaufen wir die Schokofabrik!" Kaum zu glauben: Das größte Frauen- und Lesbenzentrum Europas, gelegen im sagenumwobenen Multikulti-Kiez Berlins, soll verhökert werden. Sind Frauenräume künftig Spekulationsobjekte, weil der Senat nicht mehr zahlen kann?

Nein, keine Angst. Die "Schoko", wie ihre Nutzerinnen sie nennen, wird zwar in der Tat verkauft, soll aber strikt in Frauenhand bleiben. Das hat vor einem Jahr der Schoko-Vorstand beschlossen. Und eine Genossinnenschaft gegründet, um die vier Gebäude am Heinrichplatz selbst zu erstehen. Bevor es ein anderer tut und das Ende des Frauenzentrums tatsächlich besiegelt wäre.

Der Hintergrund: Die Gemeinnützige Siedlungs- und Wohungsbaugesellschaft Berlin (GSW) verkauft momentan viele ihrer Häuser, darunter auch das der ehemaligen Schokoladenfabrik, in dem seit 22 Jahren das Frauenzentrum beheimatet ist. 1981 besetzte eine Frauengruppe die leerstehende Fabrik eines Süßigkeitenproduzenten und begann sie instand zu setzen. Ein Jahr später erhielten die Frauen die Nutzungsrechte und die "Schoko" wurde legalisiert. Eine Legende nahm ihren Lauf. Die Fabrik und ein angrenzendes Wohnhaus wurden saniert, der Hof ausgebaut. Über 1.200 Quadratmeter verteilt auf fünf Etagen, mit Bibliothek, Café, Werkstätten, Schülerinnenladen, Bildungs- und Beratungsräumen, Sport- und Tanzbereich, dem türkischen Bad "Hamam". Bislang genoss die "Schoko" eine günstige Miete, da sie in einem Sanierungsgebiet lag. Seit knapp zwei Jahren ist es keines mehr, damit fielen diese Subventionen weg, die Miete stieg um 80 Prozent. Die Schoko-Frauen standen vor der Wahl: Aufgeben oder sich selber retten.

"Für uns war klar, dass wir dieses Wahrzeichen der Frauenkultur erhalten müssen", sagt Steffi Hömberg, Vorstandsvorsitzende der Genossinnenschaft. Vor eineinhalb Jahren starteten die "Schoko"-Frauen zunächst die Aktion "1000 Tanten für die Schokofabrik", mit der sie zügig auf die Mietsteigerung reagierten. Für jeden Quadratmeter suchten sie eine Patentante, die mit einem Monatsbeitrag von mindestens 2,50 Euro die erhöhte Miete abfedert. Seit März 2003 haben 300 "Tanten" eine Patenschaft übernommen. Obwohl Männer nach wie vor nicht ins Gebäude dürfen, bekundeten auch drei "Onkel" mit ihrem Beitrag Sympathie für das Projekt.

Doch das reichte nicht. Eine weitere Alternative musste her: Die Idee, das Haus zu kaufen, wurde geboren. Noch nie waren Verkehrswerte von Immobilien und Zinsen so niedrig wie heute. Knapp eine Million Euro sollen die Gebäude kosten, die Kaufverträge sollen im Dezember abgeschlossen werden. Die Summe soll auf zwei Wegen erbracht werden: durch die Genossinnenschaft sowie den Verkauf der Wohnungen, die alle vermietet sind. Bislang sind 45 Frauen Genossinnen geworden und haben Anteile von mindestens 500 und bis zu 15.000 Euro gezeichnet. Genossinnen dürfen nur Frauen werden, sie sind Miteigentümerinnen, ihre Einlagen sind über die Immobilie abgesichert. 15 Frauen haben ihre oder fremde Wohnungen gekauft, eine ist noch zu haben. "Es sieht gut aus", sagt Steffi Hömberg. Doch jubeln können die "Schoko"-Damen erst, wenn der Vertrag unterzeichnet ist. Der Kauf soll im Dezember abgewickelt werden, noch fehlen 30.000 Euro, doch die Frauen sind sicher, dass sie diesen Rest beschaffen werden.

Vor Jahren sei es für Frauen schwierig gewesen, in Frauenprojekte zu investieren, so Hömberg. Heute sei es unkomplizierter, Frauen wüssten das und nutzten ihre Chancen. Die Zahl der Frauen, die über eine (fast) ungebrochene Berufskarriere verfügen und in Bereichen arbeiten, die etwas besser bezahlt werden, ist gestiegen. Und somit ihr Kaufpotenzial. Sie möchten ihr Geld dort investieren, wo sie es gut aufgehoben wissen. Die meisten Genossinnen sind selbst Nutzerinnen des Frauenzentrums.

Die "Schokofabrik" hat die Zeichen der Zeit erkannt und setzt verstärkt auf private Förderung. Zuschüsse vom Senat, die das Zentrum seit Jahren in Höhe von mehreren 10.000 Euro bekommt, sollen künftig nur noch den sozialen Bereichen wie der Lesben- und Mädchenarbeit sowie den Beratungen vorbehalten bleiben. Der Frauenetat im Berliner Doppelhaushalt 2005/2006 beträgt gerade mal 0,07 Prozent am Gesamtbudget.

In den Jahren ihrer Existenz hat die "Schoko" einen Wandlungsprozess hinter sich gebracht. Früher Zentrum mit lila Power und einem stark nach außen getragenen alternativen politischen Anspruch, ist sie heute eine Stätte, die Wert darauf legt, das Innere mit dem Äußeren stilvoll zu verbinden. Frauenbewegung und Feminismus haben nach wie vor oberste Priorität, Frauenraum ist Frauenraum geblieben. Aber das einstige Dogma ist Toleranz und Offenheit gewichen, aus unförmigen Latzhosen wurden mitunter figurbetonende Röcke, aus düsteren Räumen helle Zimmer. Ästhetik hat Einzug gehalten und freundlicher Service. Das ist nicht bei allen Frauenprojekten in der Bundesrepublik der Fall. Die "Schoko" besuchen wöchentlich etwa 1.000 Frauen.

Die "Schoko" hat den Spagat geschafft, an Traditionen festzuhalten und sich Neuem zu öffnen, ohne modernistisch zu sein. Auch und vor allem eine Qualität zu sichern, die von ihren Besucherinnen verlangt wird. So wurde in den vergangen Jahren immer wieder viel Geld ausgegeben, um die Räume zu renovieren und zu gestalten. Solche "Kleinigkeiten" machen es mitunter aus, ob eine wiederkommt oder lieber fern bleibt.Um ihre inhaltliche Arbeit realistisch einschätzen zu können, haben sich die Mitarbeiterinnen einem monatelangen und anstrengenden Evaluierungsprozess gestellt. Es wurde eine Beraterin engagiert, die die "Schoko" streng unter die Lupe nahm. Heraus kamen unter anderem, dass die Ansprüche der Besucherinnen enorm gestiegen sind, sowie die Erkenntnis, dass es ohne fundierte Ausbildung und regelmäßige Fortbildung für Kursleiterinnen nicht mehr geht. An diesem Punkt funktioniert ein gemeinnütziges Frauenzentrum wie ein kommerzielles Unternehmen: Die Zeiten, in denen einzig das Kriterium Frau zählt, sind seit langem vorbei.

Und so setzt das Zentrum verstärkt darauf, Frauen zu unterstützen und zu stärken, aber vor allem deren Selbstständigkeit zu fördern. Gender mainstreaming braucht die "Schoko" dazu nicht. "Im Gegenteil", sagt Steffi Hömberg. Von wahrer Gleichstellung sei die Gesellschaft weit entfernt, dazu bedürfe es nach wie vor der herkömmlichen Instrumente der Frauenförderung. Doch gemessen an den Interessen und Fähigkeiten von Frauen. Und mit dem Blick nach vorn. Dazu zählt auch, nicht tatenlos zuzusehen, wie die Räume, in denen Frauenträume wahr werden, zugrunde gerichtet werden, sondern sie selbst zu kaufen.

Weitere Informationen unter: (030) 615 29 99

genossinnenschaft@schokofabrik.de

www.schokofabrik.de/genossinnenschaft


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00:00 10.12.2004
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Ausgabe 39/2020

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