Selbstbestimmung? Fehlanzeige

Religiöse Symbole Wieder einmal wird über das Kopftuch diskutiert. Diesmal sollen es Mädchen unter 14 Jahren nicht mehr tragen dürfen. Blanker Populismus, findet Simone Schmollack
Selbstbestimmung? Fehlanzeige
Serap Güler sieht im Kopftuch eine „pure Perversion“, die „das Kind sexualisiert“

Foto: Marco Longari/AFP/Getty Images

Wie groß ist ein normales Kopftuch? Etwa einen Quadratmeter. Doch dieses kleine Stückchen Stoff birgt enorme Sprengkraft. Gerade geht es um das Kopftuch für muslimische Mädchen unter 14 Jahren. In diesem Alter sollten Mädchen kein Kopftuch tragen, findet Joachim Stamp, FDP-Integrationsminister in Nordrhein-Westfalen. Derzeit prüft der Bundestag ein solches Kopftuchverbot. Mit 14, argumentiert Stamp, seien Kinder religionsunmündig und dürften nicht dazu gedrängt werden, ein Kopftuch zu tragen. Nur erwachsene Frauen könnten selbstbestimmt entscheiden, ob sie ein Kopftuch aufsetzen wollen oder nicht.

So als hätte man nur auf diese Steilvorlage gewartet, stimmen mehr oder weniger Prominente in den Chor mit ein: FDP-Chef Christian Lindner empfindet solch ein Verbot als „verhältnismäßig“. Serap Güler, Integrationsstaatssekretärin in NRW, sieht im Kopftuch eine „pure Perversion“, die „das Kind sexualisiert.“ Islamexperte Ahmad Mansour erkennt im Kopftuch für ein Kind „eine Form von Missbrauch“.

Natürlich gibt es auch entsprechende Gegenstimmen. So hält die CDU-Kultusministerin von Baden-Württemberg Susanne Eisenmann nichts von derlei Verboten, stattdessen sollte auf Aufklärung gesetzt werden. Linkspartei-Politiker Helmut Holter, Bildungsminister in Thüringen und Chef der Kultusministerkonferenz, spricht sich gegen ein Verbot aus und fordert eine bessere „Demokratiebildung in den Schulen“. Und so geht das weiter.

Diese ganze Debatte ist so schräg, weil sie zu einem großen Teil die Realität verdreht. Die Zahl der unter 14-jährigen Mädchen mit Kopftuch ist verschwindend gering. Noch kleiner ist die Zahl der Mädchen, die mit einem Kopftuch in die Kita gebracht werden. Eine offizielle Statistik gibt es nicht. Warum auch sollte man Kopftuchträgerinnen zählen? Wie viele kopftuchtragende Mädchen zwischen 2 und 14 Jahren kennen Sie persönlich? Wie viele sehen Sie jeden Tag auf der Straße? Wie intensiv sind Ihre Kontakte zu muslimischen Familien, in denen die Eltern ihren Töchtern das Stück Stoff an den „Kopf nageln“?

Man muss keine Freundin des Kopftuchs sein, um zu erkennen, dass es bei dem Vorschlag in NRW weniger um die Selbstbestimmung von Mädchen geht als vielmehr um einen populistischen Vorstoß. Hat schon mal jemand davon gehört, dass es Mädchen und Jungen verboten worden sei, in der Schule eine Halskette mit einem christlichen Kreuz zu tragen? Im Gegenteil, in vielen Gegenden dieser Republik ist christlicher Religionsunterricht in der Schule Pflicht. Dafür gibt es sogar eine Note. Und wenn die schlecht ist, können die Schülerinnen und Schüler deswegen sitzen bleiben.

Wer es ernst meint mit der so oft beschworenen Religionsfreiheit – oder besser noch mit der ebenso gern gebrachten Floskel „Religion ist Privatsache“ –, sollte Religion grundsätzlich aus der Schule verbannen. Nebenbei bemerkt sind die Konfessionslosen mit über 36 Prozent mittlerweile die größte Gruppe, wenn es um religiöse (Nicht-)Zugehörigkeit geht.

14:13 10.04.2018
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