"Der Protest ist im Mainstream angekommen"

Interview Für Bürgerrechte einzustehen, kann die Masse nicht mehr nur den Nerds überlassen, sagt Datenschutz-Aktivistin Leena Simon. Der Protest müsse von allen getragen werden

Frau Simon, am Samstag werden hunderte Bürger unter dem Motto „Aufstehen statt aussitzen“ gegen Überwachung und für mehr Datenschutz durch Berlin ziehen. Kann analoger Protest bei digitalen Themen überhaupt etwas bewirken?

Auf jeden Fall. Denn die Trennung von digitaler und analoger Welt existiert ohnehin nicht. Die digitale Welt ist eine Widerspieglung von dem, was analog passiert. Viele Handlungen sind „analog“ gar nicht mehr auszuführen. Selbst wenn ich zum Beispiel meine Bestellung auf einem Zettel ausfülle, kann ich mir sicher sein, dass sie digitalisiert wird. Und damit tauche ich in einer Datenbank auf, auf die möglicherweise auch andere Organisationen, Firmen und Regierungen Zugriff haben. Im Endeffekt betrifft uns diese Entwicklung alle, und deswegen ist es gerade wichtig, auf die Straße zu gehen.

Trotzdem scheint es, als würden viele Bürger resignieren.

Verzweifeln trifft es wohl eher. Es gibt Interesse am Thema, gleichzeitig aber auch eine gewisse Überforderung und die Frage „Was kann ich denn machen?“ Das erinnert an eine Schockstarre, wie man sie von Trauma-Patienten kennt. Man wird mit einer schrecklichen Situation konfrontiert, gegen die man vermeintlich nichts tun kann, und starrt wie das Kaninchen auf die Schlange. Und dann glauben viele, man hätte nichts zu verbergen. Ich habe aber das Gefühl, dass die Menschen langsam aus dieser Schockstarre erwachen.

Wieso erst jetzt?

Da gibt es eine große Schwierigkeit, die wir mit der Anti-Atom-Bewegung von vor 30 Jahren teilen: Die Gefahr, vor der wir warnen, ist nur schwer spürbar oder sichtbar. Die gefährlichste Manipulation ist die, die wir nicht mitkriegen. Und das passiert mehr und mehr im Netz. Acht Prozent der Nutzer bei Twitter sind Bots, computergesteuerte Profile, die dazu eingesetzt werden, um auf die echten Nutzer Einfluss zu nehmen. Im Moment lassen wir uns unsere Freiheit absaugen und merken es nicht einmal.

Seit dem letzten Jahr haben die Dokumente von Whistleblowern wie Edward Snowden und Chelsea Manning Strukturen entlarvt, über die vorher nur vage spekuliert wurde. Dennoch bleibt die Bewegung aus.

Wir erleben großen Zuspruch von denen, die digitale Probleme bisher nur als Nischenthema wahrgenommen haben. Das merken wir vor allem, wenn wir Flyer verteilen und Plakate in Geschäften aufhängen. Das sind keine Nerds oder Computerfreaks, der Protest ist im Mainstream angekommen. Gleichzeitig werden viele Aktive langsam müde.

Woran liegt das?

Das hat viele verschiedene Gründe. Es gibt Leute, die einfach mal was anderes machen möchten. Manchmal sind es auch interne Konflikte. Wir haben viele Leute an die Piraten verloren, die dann dort durch Querelen innerhalb der Partei demotiviert wurden. Oder sie sind einfach langsam ausgebrannt. Die Verantwortung muss auf allen Rücken verteilt werden. Die Aufgabe, für Freiheit und Bürgerrechte einzustehen, kann die breite Masse nicht mehr nur den Nerds überlassen. Samstag gibt es als augenzwinkernden Kommentar extra eine Gruppe, die in Anzügen aufläuft. Motto: Wir wollen, dass Oma Krause in den Nachrichten proper gekleidete Leute sieht.

Bei der Demonstration werden auch viele Parteien mitgehen. Werden sie von den Parteien vereinnahmt?

Nein, die Parteien bringen einen großen Beitrag zur Demonstration. Dennoch sind wir eine Bürgerrechtsbewegung, für die es, im Gegensatz zu Parteien, tendenziell schwieriger ist, eine Bühne finden. Daher haben wir uns eine ganze Reihe von Regeln auferlegt, um den Parteieinfluss zu mindern. So sollen vor der Bühne keine übermäßigen Fahnen zu sehen sein und die Parteien eher hinten im Demozug gehen. Aber unter uns: Ich finde es immer besonders schön, wenn ich die Linke neben der FDP laufen sehe.

"Freiheit statt Angst"- Demonstration, Samstag, 30. August, um 14 Uhr am Brandenburger Tor

Leena Simon ist Netzphilosophin und Aktivistin. Sie ist aktiv bei digitalcourage e.V. und bloggt unter www.leena.de und www.netzphilosophie.org.

10:32 29.08.2014
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Ausgabe 14/2020

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