Simon Schaffhöfer
Ausgabe 5016 | 21.12.2016 | 06:00 5

Ein Lied wie eine Kaffeefahrt

Musik Ein Computerprogramm hat einen Weihnachtssong komponiert. Erst klingt er nervtötend, dann erstaunlich vertraut

Ein Lied wie eine Kaffeefahrt

Allegorie eines Weihnachtslieds

Foto: Hulton Archive/Getty Images

Es war nicht einmal Dezember, als ich im Supermarktradio White Christmas hörte. Die Winterluft zog frisch aus dem Tiefkühlfach, und die Makkaroni, die einem Kunden aus einem offenen Paket gefallen sein mussten, knackten wie Neuschnee unter den Winterschuhen. Ich summte White Christmas auf dem Weg zur Kasse, verfluchte es auf dem Weg zum Auto und litt leise die darauffolgenden anderthalb Wochen.

Weihnachtslieder sind wie Kaffeefahrten. Sie konstruieren eine traumhafte Besinnlichkeit, bis sich das eigentliche Event als pure Stresssituation entpuppt. Elf Monate lang wünscht man sich weiße Weihnachten, stille Nächte und leise rieselnden Schnee. Aber dann hat man wieder nur Matsche auf der Fußmatte, vom Adventsmarkt nebenan ballert Olaf Henning, und das Auto muss freigekratzt werden. Weihnachtslieder sind der Gipfel des Postfaktischen. Hätte Donald Trump keinen Twitteraccount, er würde Weihnachtslieder schreiben.

Zum Leidwesen der Sippe

Was aber, wenn Bing Crosby aufgehört hätte zu träumen und einfach mal gesagt hätte, was Sache ist? Forscher der Universität Toronto haben genau das nun versucht und mithilfe künstlicher Intelligenz den ersten computergenerierten Weihnachtssong geschrieben. Die Wissenschaftler speisten in die Software Neural Karaoke das Bild eines festlich geschmückten Weihnachtsbaums ein, der Algorithmus analysierte das Foto, dichtete ein paar Zeilen Text und unterfütterte das Ganze mit einer einfachen Melodie.

Hat der Computer das Potenzial, uns mit berechnender Schärfe von falschen Weihnachtsvorstellungen zu befreien? Spoiler: Neural Karaokes Ergebnis ist, vorsichtig formuliert, „gewöhnungsbedürftig“. Der Guardian attestiert dem Song diplomatisch „fehlendes Hit-Potenzial“, aber tatsächlich klingt er wie der nervenzerreibende Output einer Vierjährigen, die am Weihnachtsmorgen wahllos auf die Tasten ihres kunterbunten Spielzeugklaviers einschlägt, das sie am Abend zuvor, zum Leidwesen der gesamten Sippe, vom zwanghaft jung gebliebenen Onkel geschenkt bekommen hat.

Viel schlimmer ist aber, dass auch Neural Karaoke textlich jeder noch so platten Weihnachtslüge aufsitzt: Die AI singt von Weihnachtsmärchen, Musik in der Diele, „the best present in the world is a blessing“. Als ob. Vorweihnachtlicher Schmalz, der auch von Mariah Carey sein könnte, aber leider klingt, als hätte Kanye West einen Schlaganfall. Es scheint, als könnte sich selbst ein Computer nicht vom Adventskitsch trennen. Was auch daran liegen mag, wie er programmiert wurde: 100 Stunden Onlinemusik und 50 Stunden Songtexte bilden den Grundstock für die künstliche Intelligenz. Von jemandem, der mit Taylor Swift sozialisiert wurde, kann man sicherlich keinen Erdmöbel-Song erwarten.

Vielleicht gibt uns das Programm auch einfach nur, was wir hören wollen. Und das ist nun mal keine Fußmattenmatsche, sondern ein halber Meter Neuschnee. Vielleicht entlarvt uns die AI in unserer naiven Vorstellung, dass Weihnachten dieses Jahr wirklich besinnlich und still wird, dass niemand betrunken über den Rest der Familie herzieht und die Kinder früh ins Bett gehen. Wenn der Computer womöglich sogar so weit denkt, unsere gesamte Weihnachtstradition zu karikieren, überrascht auch die Durchschnittlichkeit des Songs nicht mehr. Die Gleichgültigkeit, in der Neural Karaoke ihr Lied vorträgt, ist dieselbe Gleichgültigkeit, in der wir mechanisch auf dem Weg aus dem Supermarkt White Christmas summen. Ein leerer Container, den wir mit Lametta und Glühwein zu füllen versuchen. So gesehen hat die künstliche Intelligenz vielleicht doch einen ganz guten Job gemacht.

Dieser Beitrag erschien in Ausgabe 50/16.

Kommentare (5)

Niklas Buhmann 23.12.2016 | 13:30

Und ich hör mir das auch noch an!

Wobei ich sagen muss: ich war dann doch noch anders entsetzt, als ich erwartet hatte (sei es durch Vorurteile, die ja, wenn KI auf Kunst übergriffig wird, sozusagen vorprogrammiert sind, oder auch, weil der Text mich hinreichend vorwarnt): Irgendwie hatte ich mir die Chose wenigstens intelligenter, mitschnippbarer, von mir aus auch Helene-Fischer-kompatibler vorgestellt. Eine gefällige Melodie, die gewissermaßen knapp unter dem GEMA-Radar segelt: eine Prise „O Tannenbaum“, klug verquickt mit „leise rieselt der Schnee“ und einem Quäntchen Klingelingeling; eine irgendwie auf Elegie zielende Ton-Kolportage mit viel ineinander geschachteltem Wiedererkennbarem.

Doch das da ist einfach nur gruselig. Die Töne werden dermaßen nicht getroffen, das man noch nicht mal weiß, welche gemeint sind.