Liebling Kreuzberg

Handel In Berlin kommen zur Eröffnung eines Supermarkts ohne Verpackungsmüll fast so viele Journalisten wie Kunden
Simon Schaffhöfer | Ausgabe 38/2014 27

Gut, dass Sara Wolf und Milena Glimbovski draußen, vor ihrem Laden, ein paar Sitzgelegenheiten aufgestellt haben. Wer aus dem Geschäft tritt, lässt sich kurz nieder, verstaut sein Einmachglas, rückt den Jutebeutel zurecht und lässt sich vielleicht von einem der Medienvertreter anquatschen. Der Kundenandrang vor dem kleinen Geschäft ist groß – und die Journalistendichte hoch.

Es ist Samstagnachmittag in Kreuzberg. Der Laden, vor dem sich Kunden und Presse treffen, heißt „Original Unverpackt“ und verkauft Lebensmittel und Güter des alltäglichen Bedarfs, nur alles ohne Verpackungsmüll. Die Cornflakes und Nüsse fallen schubweise aus großen Säulen an den Wänden, Öl und Wein werden aus Metallfässchen in mitgebrachte Flaschen abgefüllt. Die Marmeladen stehen in kleinen Gläschen auf einem weißen Fliesentisch in der Mitte und sind adrett in karierten Stoff gekleidet. Zahnpasta gibt es in Tablettenform aus Bonbongläsern.

Es ist der Eröffnungstag, Einkaufsleiterin Lola Mora gräbt sich eine Schneise durch die quatschenden Besuchergrüppchen. Die mitgebrachten Gläser müssen abgewogen werden, die Kasse spinnt, Fragen überforderter Kunden häufen sich. Vorbeischlendernde Passanten wirken von dem Durcheinander irritiert, Lola Mora nicht. Das Team hat mit einem Ansturm gerechnet, der Hype war kalkuliert oder unvermeidbar. Oder vielleicht beides.

Spanien, Russland, China

Große Medienaufmerksamkeit begleitet den Weg von „Original Unverpackt“. Die ersten Artikel waren schon geschrieben, da gab es nicht viel mehr als eine Idee. Seitdem läuft die PR-Maschine: Presseerklärung, Website, Social Media. 30.000 Facebook-Fans hat das Unternehmen mittlerweile. Das Firmenlogo leuchtet von Schürzen und Jutebeuteln, der Pressespiegel im Internet scheint endlos. Selbst in Spanien, Russland und China konnten die Menschen etwas über den verpackungsfreien Supermarkt aus Kreuzberg lesen.

Mora hat eine pragmatische Erklärung für den Medienrummel: „Viele sind offenbar überrascht, was ein paar kleine Mädels da auf die Beine stellen“, sagt sie. Die Geschichte würde sich nun mal gut verkaufen, die Fotos erst recht. Denn die Gründerinnen sind keine Ökohippies, sondern Unternehmerinnen. Vergangenes Jahr gewannen sie mit ihrer Geschäftsidee beim Businessplan-Wettbewerb Berlin-Brandenburg. Momentan arbeiten sie bereits an einem Franchise-Konzept, um die Geschäftsidee auch in andere deutsche Städte zu bringen. Die Website verspricht ein „ästhetisches, modernes Ladenkonzept“ und eine „etablierte Community“ bei Facebook.

Wie viele Menschen sich für einen verpackungsfreien Supermarkt interessieren würden, hätten die Gründerinnen Sara Wolf und Milena Glimbovski schon während der Crowdfunding-Kampagne gemerkt, sagt Mora. Das Spendenziel von 20.000 Euro erreichte das Team bereits nach einem Tag, am Ende der Aktion war es fast das Sechsfache. „Den Leuten wird bewusst, wie unnötig Verpackungen sind“, sagt Mora triumphierend.

In Zeiten, in denen Plastikmüll ganze Strandufer bedeckt und Teppiche im Pazifik bildet, ist ein verpackungsfreier Supermarkt ein sinnvolles Konzept. Vielleicht steckt hinter der Begeisterung für einen Einkauf ohne Drumherum aber auch noch ein grundlegenderes, sinnliches Bedürfnis – das Klirren der Dinkelkörner im Einmachglas, die Wertigkeit der Behälter, das Obst ohne bedruckte Folien und Klebeschildchen, die Süßkartoffeln mit Staub auf der Oberfläche. Mit dem Reiz des Sinnlichen erklärt sich zumindest Marion Ziehrer, Besitzerin eines kleinen Bioladens unweit der Sonnenallee in Neukölln, das große Interesse an Unverpacktem: „Für viele 20-, 30-Jährige scheint das Anfassen, Fühlen und Abfüllen der Waren eine Restverbindung zur Natur zu sein.“ Denn seit geraumer Zeit werden auch Bioprodukte aufwendig als Marken entwickelt, in bunte Plastiktütchen gefüllt und sind oft nur noch mit einem Label von konventionellen Lebensmitteln zu unterscheiden.

Das verunsichere den umweltbewussten Kunden, glaubt Ziehrer. Wo früher Öko als Nonplusultra des guten Gewissens galt, herrscht jetzt plastikverpackte Ratlosigkeit. Ein Supermarkt komplett ohne Verpackung kommt da sehr gelegen. Ziehrer verkauft seit viereinhalb Jahren in ihrer „Biosphäre“ Produkte aus der Region. Der Boden ist mit Pressholzplatten ausgelegt, das Geschäft ist nicht profitorientiert, läuft ohne Werbung und Website. Seit einiger Zeit experimentiert Ziehrer auch mit verpackungsfreien Lebensmitteln in ihrem Laden. Sie kommt aus einer Generation, die früher in den Biomärkten das Mehl noch aus großen Säcken abgefüllt hat.

Farben gucken

Die Wiederentdeckung unverpackter Ware ist ein Phänomen der Großstadt. Und sie ist ein Kind ihrer Zeit. Immer weniger Menschen erschaffen heute etwas mit ihren Händen, die Arbeit findet zwischen Smartphone und Computerbildschirm statt. Vielleicht ist gerade deshalb der Hunger nach Feierabend groß, noch etwas anzufassen, etwas zwischen den Fingern zu spüren. Wem das Leben zu artifiziell wirkt, der will nicht abends auch noch auf Fertiglasagne starren. Je natürlicher, je puristischer und unverpackter, desto besser. Manche Kunden würden lang vor den großen Abfüllsäulen stehen, nur um die unterschiedlichen Farben auf sich wirken zu lassen, sagt Marion Ziehrer. Und dann würden sie behutsam und penibel eine Portion in ihren Behälter füllen.

Die Kundschaft bei der Neueröffnung in Kreuzberg scheint den Wunsch nach Entschleunigung zu teilen. Manuel und Sebastian sind gerade mit dem Fahrrad gekommen, ihre Helme baumeln am Handgelenk. Die Politikstudenten haben über Facebook von dem Geschäft erfahren. „Verpackungsmüll ist grauenvoll, wenn man überlegt, wie unnütz er oft ist“, sagt Sebastian. Neben ihnen stehen Studierende und junge Familienväter mit Kind, sie tratschen und telefonieren. Wer Glück hat, findet noch einen Platz auf einem der kleinen Bänkchen.

06:00 18.09.2014
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