Simon Schaffhöfer
Ausgabe 0216 | 15.01.2016 | 06:00 13

Stadt, Land, Trump

Geografie Der Kandidat der US-Republikaner kennt keine Landkarten. Aber wissen wir eigentlich so viel mehr?

Stadt, Land, Trump

Paris in Deutschland? Donald Trump nimmt es mit Landesgrenzen nicht so genau

Foto: Tom Pennington/Getty Images

Donald Trump hat ein besonderes Hobby: Er zieht gern Grenzen, und er grenzt gern aus. Muslime zum Beispiel. Oder Lateinamerikaner. Er überschreitet gelegentlich Grenzen, etwa, wenn er ganzen Bevölkerungsgruppen die Einreise verweigern will. Trumps Lieblingsbarriere ist die nach Mexiko. Und damit sie jeder sehen kann, will er eine Mauer chinesischen Ausmaßes bauen. Hin und wieder verrutscht ihm bei seinen Eingrenzungen allerdings das Lineal.

Vor einer Woche twitterte Trump: „Mann in Pariser Polizeistation erschossen“, schlussfolgerte, „Deutschland ist ein einziges, großes Verbrechen“, und verlegte so Paris mal eben hinter die deutschen Landesgrenzen. Kann es sein, dass ein US-amerikanischer Präsidentschaftskandidat nicht weiß, wo Deutschland und Frankreich liegen? Kurze Nachfrage bei einem Freund in Massachusetts, ob sie dort keinen Geografie-Unterricht hätten. Antwort: „Haben wir, aber Trump ist ein verdammter Schwachkopf.“ Der Freund kennt die Klischees und will sie dringend ins Reine bringen. US-Amerikaner haben schließlich nicht gerade den Ruf, über ihre Landesgrenzen hinauszuschauen. Das Medienportal Buzzfeed hatte schon vor zwei Jahren präsentiert, welche bizarren Ergebnisse dabei herauskommen, wenn Amerikaner versuchen, die Länder Europas zu beschriften. Andererseits: Sind wir Europäer wirklich besser? Wie würden wir uns anstellen, wenn wir auf einer Karte die US-Bundesstaaten benennen müssten?

Montana zum Beispiel ist fast so groß wie Deutschland. Und wer von uns weiß schon, wo Montana liegt. Im Grunde lässt sich unsere Schul-Erdkunde auf zwei Worte reduzieren: Diercke, Weltatlas. Ein monströses Buch, das kaum in den Ranzen passt und die Rücken von Schülern nachhaltig schädigt. Man hasst es, bevor man es überhaupt aufgeschlagen hat. Dazu: schneeweiße Kartenmandalas. Und ein Lehrer mit strengem Blick, der einem erklärt, wo man die am besten geeigneten Buntstifte kaufen kann, um die Mandalas auszumalen.

Doch solche Stunden, die Basiswissen vermitteln sollen, verschwinden nach und nach. Schon seit Längerem werden Fächer wie Geschichte, Erdkunde und Soziologie im Schullehrplan zusammengelegt. „Der Unterricht in Längsschnitten führt dazu, dass die Schüler alles durcheinanderwerfen“, bemängelte Heinz-Peter Meininger, Chef des deutschen Philologenverbands, vor Kurzem in der Welt. Und später, beim Studium, Geschichte oder Politologie, kommt Geografie kaum vor. Zumindest in Deutschland. An französischen Kaderschmieden, dort, wo Präsidenten gemacht werden, wird la cartographie beinahe vergöttert. Beim Studium der Politikwissenschaft hierzulande muss man nicht genau wissen, wo ein Land liegt, um es zu analysieren.

Die meisten unserer Geografiekenntnisse stammen sowieso nicht aus dem Klassenraum, wir haben sie von der Rückbank im Auto. Stadt, Land, Fluss, Hauptstädteraten, Kennzeichen erkennen. HSK steht für Hochsauerlandkreis, GR für Görlitz. H für Hannover, obwohl Hamburg viel größer ist.

Möglicherweise ist es also an der Zeit, alte Hobbys wiederzuentdecken und wieder mal hinten ins Familienauto zu steigen. Und Stadt, Land, Fluss kann man längst auch im Internet spielen. Es gibt zunehmend Apps im Quizduell-Stil, bei denen mit Stecknadeln die richtigen Länder gepinnt oder die Flaggen zugeordnet werden müssen. Vielleicht sind wir alle ein bisschen Trump geworden. Aber wir sind lernfähig.

Dieser Beitrag erschien in Ausgabe 02/16.

Kommentare (13)

Heinz Lambarth 15.01.2016 | 18:02

Dieser artikel ist - glaube ich - eine skurrile verwechselung von positivem wissen (gut-bürgerlicher bildung) und geo-politik.

Als ich noch student war, habe ich mich gefragt, warum ein land wie die UdSSR in Afghanistan einmarschiert (ein armes binnenland, mit geringer bevölkerungsdichte und einem militärischen bedrohungspotential, das gegen " -0,0" geht). Kaum waren die sowjets weg, passiert genau derselbe irrsinn durch die US-amerikaner und ihre (zwangs)freunde!?

Die erklärung ist eigentlich ganz simpel: Für die "gross"mächte spielt es keine rolle, wie arm ein land ist und wo es (geographisch) sich befindet; es geht allein um die "strategische bedeutung" - was auch immer das ist - und dafür muss niemand wissen, wo genau es auf der landkarte liegt. (Für den wettbewerb unter schüler/innen mag es wichtig sein, zu wissen wie die hauptstadt von Bolivien heisst - für die geo-strategen ist es wichtig zu wissen, dass es reicht, La Paz einzunehmen, die hauptstadt Sucre ist völlig uninteressant...)

Fazit: genauso wie inzwischen alle grossstädte dieser welt in ihren Central Business Districts völlig uniform sind, so dass die business-people nicht mehr wissen, ob sie gerade in Tokiyo, Frankfurt oder Sao Paulo sind, so sind es auch die geo-politischen handlungsräume. Und, Paris liegt wahrscheinlich näher an Berlin als New York an San Fransisco - es macht also keinen unterschied, ob Paris in Frankreich liegt oder in Russland ...oder in Afghanistan.

Das ist es, worum es bei globailiserung geht - leider hat das der autor (der einem geo-strategisch nutzlosen bürgerlichen wissensideal nachhängt) völlig verpeilt...

Gunnar Jeschke 17.01.2016 | 08:30

es macht also keinen unterschied, ob Paris in Frankreich liegt oder in Russland ...oder in Afghanistan.

Es hat sogar einen Unterschied gemacht, dass Paris im EU-Land Frankreich lag und nicht im EU-Land Deutschland (Trumps Verwechslung).

In einem Fall hat der Präsident einen Krieg erklärt und Bomberstaffeln verlegt, im anderen Fall hätte die Bundeskanzlerin das von sich aus sicher nicht getan.

Was nach einem Ereignis vermutlich weiter geschehen wird, ist eine Grundfrage bei strategischen Ueberlegungen.

lichtspiel 17.01.2016 | 11:49

"Montana zum Beispiel ist fast so groß wie Deutschland. Und wer von uns weiß schon, wo Montana liegt."

Warum soll man allein wegen der gleichen Flächengröße wissen müssen, wo Montana liegt? Was ist mit dessen geschichtlicher Bedeutung? Was ist mit Bevölkerungsgröße, mit der Wirtschaft, mit wissenschaftlichen oder kulturellen Errungenschaften? Und wieso überhaupt "Bundesstaat" der USA, wenn es bei Trump um Frankreich und Deuschland ging? Wenn schon Bundesstaaten, dann richtig, und das bedeutet: wenn US-Amerikaner nicht wissen wo Sachsen-Anhalt liegt ist das völlig in Ordnung.

Gunnar Jeschke 17.01.2016 | 12:28

Gegenfrage: Kennen Sie Senftenberg oder Usti nad Labem?

Ich kannte die Hauptstadt von Montana tatsächlich nicht, habe aber im Gegensatz zu Trump gegoogelt, bevor ich mich äussere (Obwohl, man sollte ihn nicht verurteilen. Twitter, das er benutzt hat, darf ja gerade deshalb Interesse beanspruchen, weil dort im Durchschnitt vor dem Denken geschrieben wird).

Sie heisst Helena und hatte 2010 stolze 28.190 Einwohner.

Senftenberg ist eine eher unbedeutende Stadt in Süd-Brandenburg, die ich deshalb kenne, weil ich aus der Gegend stamme. Mit 27'029 Einwohnern ist es nur unwesentlich kleiner als Helena. Die "Metropolregion" Senftenbergs (bei Helena wird dieser Begriff tatsächlich benutzt) dürfte mehr Einwohner haben als diejenige Helenas (67.636).

Usti nad Labem ist nur etwa 40 Kilometer von der deutschen Grenze entfernt, elbaufwärts von Dresden. Die Stadt allein (93'747 Einwohner) ist deutlich grösser als die "Metropolregion" von Helena.

Ich finde, nachdem wir alle Bundesländer von Oesterreich lokalisieren können, die mehr Einwohner haben als Montana und deren Hauptstädte kennen (na, wie heisst gleich nochmal die Hauptstadt von Niederösterreich), sollten wir uns Montana und Helena zuwenden.

alf harzer 17.01.2016 | 14:41

Schon Ge0rge Trubbeljou Bush ist ja nicht durch besondere Kenntnisse aufgefallen. Es scheint auch bei Amis so etwas wie ein Gen zu geben, dass jeder der Nabel der Welt ist und ausserhalb der Grenzen nur Einöde. Deshalb verwundert es nicht, wenn Trump (el) herumholzt und alles so zuordnet, wie es seinen Hetztiraden nutzt und frommt.

Allerdings weiß ich auch nicht wo in den USA Montana oder sonstwer liegt, das tangiert mich nämlich allenfalls peripher

miauxx 17.01.2016 | 15:40

So ganz verstehe ich Ihre Gegenfrage jetzt nicht. (Davon abgesehen, dass meine Frage an GEBE ja deutlich mit einem zwinkernden Auge versehen war). Ich würde doch meinen, dass es ein deutlicher Unterschied ist, ob wer - zumal ein Präsidentschaftskandidat - Paris zuordnen kann, oder ob er weiß, wie die Hauptstadt Montanas oder Sachsen-Anhalts gerufen wird.

PS: Ja, ich kenne Senftenberg und auch die Lausitz ein wenig. Usti ist mir auch halbwegs ein Begriff - würde es jedenfalls nicht nach Ungarn verlagern.