Teppiche für den Frieden

Kundgebung Mit öffentlichen Predigten haben 2.000 islamische Gemeinden gegen den IS-Terror demonstriert
Teppiche für den Frieden
Aktion mit Symbolkraft vor der Mevlana-Moschee in Berlin-Kreuzberg

Foto: Sean Gallup/ AFP/ Getty Images

Es muss ein sonderbares Bild sein, das sich den Fahrgästen der U1 am Hochbahnsteig Kottbusser Tor bietet: Menschen fegen mit Besen das Wasser von der regennassen Skalitzer Straße in den Rinnstein und breiten schwarze Gummimatten auf dem Asphalt aus. Die Polizei hat den Straßenabschnitt gesperrt, in einem Umkreis von 200 Metern rund um die Mevlana-Moschee. Die ersten Gebetsteppiche liegen schon auf den Gummimatten wie Teile eines unfertigen Mosaiks.

Der Platz vor der Mevlana-Moschee in Berlin-Kreuzberg ist einer von bundesweit über 2.000 Orten, an denen Muslime mit ihren Freitagsgebeten ein Zeichen gegen den Terror setzen wollen. „Muslime stehen auf gegen Hass und Ungerechtigkeit“ ist das Motto der Mahnwachen, Friedenspredigten und Ansprachen, die für diesen 19. September in ganz Deutschland angekündigt sind.

Burhan Kesici läuft die 200 Meter zwischen den Polizeiabsperrungen angespannt auf und ab. Er redet hier mit Pressevertretern, da mit Glaubensbrüdern, dort mit Technikern. Bis zum Freitagsgebet ist es noch eine gute halbe Stunde. Kesici ist Generalsekretär des 1986 gegründeten Islamrats, einer der größten Dachverbände von Muslimen in Deutschland. Er organisiert den Protest am Kottbusser Tor. „Wir wollen uns vom politischen Salafismus und dem Terror des sogenannten Islamischen Staats distanzieren“, sagt er. Kesici legt viel Wert darauf, nicht der Eigenbezeichnung der Terroristen zu folgen. Der Islamische Staat habe keine theologische Bindung, betont er. Ein Staat, der auf Hass basiere, könne nicht islamisch sein.

Rußspuren zeigen den Hass

Wie gefährlich Hass sein kann, wissen die Berliner Muslime nur zu gut. Spuren von schwarzem Ruß an den Mauern der Mevlana-Moschee erzählen davon. Vor einem Monat stand das Gotteshaus in Flammen, die Ermittler fanden Brandbeschleuniger im Schutt. Jetzt sind die Fenster dürftig mit grünem Styropor verschlossen, die Gemeinde beziffert den Schaden auf eine Million Euro. Seit die Polizei von Brandstiftung ausgeht, haben namhafte Politiker vor Gewalt gemahnt. Für viele Gemeindemitglieder, die nun betend auf der Straße knien, sind solche Solidaritätsbekundungen nicht mehr als Imagepflege. Sie fragen sich, warum die Unterstützung so spät kommt.

Knapp 1.000 Gläubige sind zur Freitagspredigt gekommen. Der Platz ist so eng, dass manche auf den Gehweg ausweichen, wo sie aus Pappfetzen und blauem Plastik einen provisorischen Untergrund für die Gebetsteppiche zurechtlegen. Einer von ihnen ist Yasin Balci. Er ist 18, etwa in dem Alter wie viele der Jugendlichen, die sich derzeit von Europa aus dem Islamischen Staat anschließen. „Das sind kaputte Menschen“, sagt er. Kinder einer kaputten Gesellschaft, die nach Anerkennung und einer Lösung suchten. Balci bedrückt es, dass alle Muslime in einen Topf geworfen werden, wie er sagt. Beim Begriff Salafismus fange es schon an: Eigentlich bedeute das nur, sich auf den Ur-Islam zu berufen.

„Das heißt eigentlich“ ist eine Phrase, mit der viele Sätze hier beginnen. Man versucht einzuordnen, zu erklären, denn die Stereotypen sind klar: Scharia-Polizei, Dschihad, Pierre Vogel. Wer den Islam zu einer Bedrohung für das verbreitete Wertesystem stilisieren möchte, muss dieser Tage nicht lange nach schrillen Beispielen suchen. Dass Salafisten zwar häufig radikal in ihrer Auslegung, aber eben nicht zwangsläufig gewaltbereit sind, geht dabei unter. Wie einfach das Zündeln ist, beweisen Dutzende krude Blogs im Internet und nicht zuletzt der Erfolg der AfD.

Die Grenzziehung ist in der Tat schwierig. Insbesondere die konservative islamische Szene in Deutschland ist wenig homogen. Burhan Kesici etwa war jahrelang Vorsitzender der islamischen Bewegung Millî Görüş. Auch bei dieser Kreuzberger Kundgebung sieht man Taschen mit Millî-Görüş-Schriftzug. Lange Zeit wurde der Gruppe vom Verfassungsschutz Demokratiefeindlichkeit vorgeworfen. Künftig soll sie aber nicht mehr als verfassungsfeindliche Organisation geführt werden – wenngleich es innerhalb von Millî Görüş, laut Verfassungsschutz, noch immer etliche Splittergruppen gibt.

Und ausgerechnet die Mevlana-Moschee, vor der heute für Toleranz geworben wird, stand Ende 2004 nach einem TV-Bericht in der Kritik, weil der dortige Imam Yakup Tasci in einer Predigt Selbstmordattentäter heroisierte und gegen Juden und Amerikaner hetzte. Tasci ist inzwischen ausgewiesen worden. Das Beispiel zeigt aber, wie schwierig es ist, von außen einzuschätzen, wie extrem die Positionen in einer Gemeinde sind oder sein könnten. Vor allem im Internet müssen muslimische Verbände sich den Vorwurf gefallen lassen, nicht früher auf den IS-Terror reagiert zu haben.

Der Imam spricht Deutsch

Die Freitagsaktion soll nachholen, was in den Augen vieler Außenstehender zu lange versäumt wurde. Burhan Kesici kennt diese Kritik – nur sieht er die Ursache an anderer Stelle. Die Muslime in Deutschland hätten sich stets vom IS-Terror distanziert, nur sei das mediale Echo ausgeblieben.

So oder so, die Aktion am Kottbusser Tor hat Symbolcharakter, und der ist durchaus beeindruckend. Man holt das Gebet auf die Straße, wo es auch jene sehen können, die vor lauter Skepsis und Vorbehalten das Gespräch meiden. In seiner Predigt erinnert der Kreuzberger Imam auf Deutsch, dass es auch zum Islam gehöre, sich auf die Seite derjenigen zu stellen, die recht hätten, selbst wenn es damit gegen Mitglieder des eigenen Glaubens gehe.

Die Gäste hören aufmerksam zu, unter ihnen Gregor Gysi und Petra Pau (Die Linke), Cem Özdemir (Die Grünen) und Yasmin Fahimi (SPD). Schließlich spricht auch noch der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland, Nikolaus Schneider. Er hofft auf eine Kundgebung, bei der sich Muslime, Christen und Juden gemeinsam solidarisch zeigen. Ja, der Gesprächsbedarf in Deutschland ist groß. Der Wunsch danach ist es auch.

10:58 24.09.2014
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