Der Club der Quotenrichter

Hochromantische Antriebe Hans Weingartners populistischer Film "Free Rainer" setzt zur Weltverbesserung auf die Umverteilung im Programmschema

Rainer (Moritz Bleibtreu) hat ein Problem: Er ist ständig mit schlechtem Fernsehen konfrontiert, das er nicht abschalten kann, weil er es verursacht. Die von ihm produzierten TV-Formate tragen Titel wie Hol´ dir das Superbaby und fallen in die unlängst kontrovers eingeführte Kategorie "Unterschichtenfernsehen". Den Macher plagen trotz seines Erfolgs Selbstzweifel. Ohne permanente Kokszufuhr würde er weder Job noch Frau aushalten. Nachdem Rainer Opfer eines als Autounfall getarnten Attentats wird, das er überlebt, ereilt ihn eine Vision, die so schlicht ist, wie der Film, der an sie glaubt: Besseres Fernsehen schafft bessere Menschen.

Noch im Koma verinnerlicht Rainer diese Einsicht und erkennt Selbstheilungschancen. Er schleudert einen nagelneuen Flachbildschirm aus seiner fremdeingerichteten Dachgeschosswohnung, kündigt Branchenfreundschaften, ersetzt seine oberflächlich-blonde Frau durch die tiefgründig-brünette Pegah (Elsa Sophie Gambard) und zieht mit ihr in den televisuellen Guerilla-Kampf. Pegah war die Verursacherin des Autounfalls - ein Racheakt für ihren Großvater, der nach einer verleumderischen TV-Reportage Selbstmord begangen hatte.

Rainer bekennt sich schuldig, Pegah verzeiht ihm. Gemeinsam proben sie den Systemwechsel, meinen aber nur das Fernsehen. Egal, das Land braucht neue Allianzen und politisch unverbrauchte Führungskräfte. Der Quotenhengst mutiert zum Quotenterroristen, eine Drehbuchbehauptung, die Bleibtreu gar nicht erst versucht, schauspielerisch umzusetzen. Ein Gesichtsausdruck pro Film genügt ja manchmal auch.

Umgeben von einer stereotyp gezeichneten Schar Unterprivilegierter, die offenbar die Ansicht teilt, eine fällige Revolution bestehe in einer Umverteilung des Fernsehprogrammschemas, hebelt Rainer die Gesellschaft zur Quotenermittlung aus, die im Film IMA und realiter GfK (Gesellschaft für Konsumforschung) heißt. Das somit in die Hände der Widerständler gefallene Zentralgehirn der Werbewirtschaft polt in konspirativem Überschwang die Fernsehhierarchien um. Vormals quotenschwaches Qualitätsfernsehen verzeichnet durch die Manipulation fiktive Zuwächse, die erst zum Medienereignis und dann gesellschaftsweit wirksam werden. "Die Leute", wie es im Film immer heißt, lesen wieder gute Bücher, pflegen Sozialkontakte, stehen von der Couch auf, um so richtig schöne Spaziergänge zu machen und sehen nur noch fern, wenn es Fassbinder gibt - zur Primetime, versteht sich.

Free Rainer - Dein Fernseher lügt heißt der neue Film des österreichischen Regisseurs Hans Weingartner, der seit seinem Erfolg mit Die fetten Jahre sind vorbei unter dem Verdacht steht, einen kommerziell relevanten Draht zum linken Mainstream zu haben. Seine globalisierungskritisch unterlegte Dreiecksgeschichte lief 2004 nicht nur im Wettbewerb von Cannes - aus produktionstechnischen Gründen als deutscher Beitrag -, sondern machte auch einen Markt für ein populistisches Politkino im Arthouse-Segment sichtbar. Euphorisiert waren sowohl jene, die sich aus welchen Gründen auch immer über festivalpolitische Coups freuen, als auch Branchenbeobachter, die anmerkten, die Leistung des Films bestehe eben genau darin, ein Zeitgeistthema halbwegs popkulturell informiert in einen Kassenerfolg umzumünzen - und das mit einem kritisch-linken Grundgestus.

Der aktuelle Film schließt nicht nur an die Erzählmuster, sondern vor allem an die enervierende Naivität des Vorgängers an, wechselt aber immerhin das Genre. Free Rainer ist als Mediensatire angelegt, leidet jedoch schnell darunter, dass der Film die eigenen Überzeichnungen zu glauben beginnt und schließlich wie eine ernst gemeinte Interventionsperspektive behandelt. Die Kritik an den in der Tat fragwürdigen Verfahren der Quotenerhebung vermischt sich dann beispielsweise mit der bestenfalls peinlichen Idealvorstellung, das vom Quotenterror befreite deutsche Fernsehpublikum werde sich endlich wieder in ein "Volk der Dichter und Denker" verwandeln. Wieder? Und: wer will denn das?

Bereits in die Die fetten Jahre sind vorbei trägt Weingartners utopische Rhetorik kulturkonservative Züge, die sich bemerkenswert reibungsfrei in das linke Selbstverständnis des Regisseurs einfügen. Free Rainer stapelt ironiearm Versatzstücke muffigster Achtziger-Jahre-Medienkritik und faselt wie der Regisseur in Interviews immer von "den Leuten da draußen", deren Hauptproblem angeblich darin besteht, dass seriöse Inhalte nicht zur Hauptsendezeit laufen. Nicht nur weil die im Film verbreitete Analogisierung von Privatfernsehmenschen und Nazi-Propagandisten diagnostisch wenig hilfreich ist, würde Free Rainer gemessen an den Prämissen seiner eigenen Utopie tendenziell nach Mitternacht programmiert werden müssen.

Auch die übrige Polemik läuft an der ausdifferenzierten medialen Gegenwart gnadenlos vorbei und kapriziert sich auf ein Gleichschaltungstheorem, das Quotenlogik mit Zensurpraktiken verwechselt. Auch die heute eigentlich geläufige These, dass Medienmacht weniger denn je auf hegemoniale Durchsagen "von oben" setzt und eher über Prozesse der Diversifikation und Flexibilisierung verläuft, ist in Weingartners monolithischer Vorstellung der massenmedialen Verhältnisse noch nicht angekommen. Abgesehen davon, dass "Unterschichtenfernsehen" wohl eher Symptom und nicht Ursache gesellschaftlicher Krisenphänomene ist.

Allerdings scheint Weingartner der diagnostischen Reichweite seines Skripts selbst nicht zu trauen und schwenkt deshalb immer wieder zur Liebesgeschichte zwischen Rainer und seiner Erlöserin Pegah um. Der anfängliche Impetus des Films, den Trash mit seinen eigenen Mittel zu schlagen, tritt dabei genauso in den Hintergrund wie das Ideal eines solidarisch agierenden Kollektivs, das umgehend erstaunlich ungelenk inszenierten Posen der Paarwerdung weicht. Wie in Die fetten Jahre sind vorbei ventiliert die politische Rhetorik letztlich immer nur romantische Standards. Die "Unterschicht" wird davon ohnehin nicht überrascht sein: Rainers Freiheit ist nicht die ihre.

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Geschrieben von

Simon Rothöhler

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