Simon Rothöhler
15.06.2011 | 11:05 5

Der Herr spricht in Rätseln

Film Terrence Malick macht seinen fünften Film in 40 Jahren und hat mal Heidegger ins Englische übersetzt: „The Tree of Life“ versteht man deshalb aber auch nicht besser

Eine rötlich zitternde Flamme in raumloser Dunkelheit steht am Anfang von The Tree of Life, Terrence Malicks erst fünfter Regiearbeit in gut 40 Jahren. Ein Film, der sich mit einer elementaren Geste selbst das Licht anmacht, bevor ein theologisch durchwirktes Knabengeflüster einsetzt, das in den folgenden zweieinhalb Stunden weder verstummen noch zur festen Stimme werden wird. Das Buch Hiob ist Stichwortgeber: „Herr, was sind wir für Dich?“ Und: „Wie soll ich rechtschaffen sein, wenn Du es nicht bist?“

Das Ich, das die schwere Last der Theodizee mit kindlichem Erstaunen vor sich hin wispert, ist in der Gegenwart des Films dem sorgenzerfurchten Knittergesicht von Sean Penn zugeordnet, der sich wie ein Geist durch luxuriös entfremdetes Ambiente bewegt. Dazu unverständliche Satzfetzen, Geraune von Mitmenschen, die dem Ich nur unspezifisches Rauschen sind. Dieser allen und allem entrückte Jack O’Brien ist in seiner Kindheit stecken geblieben.

Wellenartig schlagen fragmentarische Bilder und Töne aus dem texanischen Waco der fünfziger Jahre über Jack zusammen, überschreiben das Hier und Jetzt. Vor der Rückblende in die Provinz der Eisenhower-Ära nimmt The Tree of Life einen kosmischen Umweg, der mit Formationen fliegenden Vogelschwärmen noch relativ diskret beginnt, dann aber bis zu einem recht unrund animierten Dinosaurier eskaliert, den eine Art Moralerkenntnisblitz durchfährt. Eine ziemlich verrückte (und sehr lange) Sequenz, die Lavaströme, Canyon-Schluchten, Quallen, rotierende Planeten und andere Attraktionen zwischen Makro- und Mikrokosmos, Galaxie und Gebärmutter zur brachial naiven Weltentstehungs-metapher hochpitcht. Dabei hatte Gott noch am Anfang des Films gefragt: „Wo warst Du, als ich die Erde gründete?“

Auf den Trickfilmexzess, den man auch nicht besser versteht, wenn man weiß, dass Malick einmal einen Heidegger-Aufsatz ins Englische übersetzt hat, folgt eine Kindheitserzählung, die sich wie eine Verballhornung des Ödipus-Komplexes ausnimmt. Der reaktionäre Vater – Brad Pitt legt seinen schweren Unterkiefer mit Gusto in diese Rolle – lehrt seine Kinder einen primitiven Survivalismus, an dem er schließlich selbst zerbricht. Ist er auf Reisen, wird die erotisierte Mutter von ihren Jungs jauchzend durch die gute Stube gejagt. Auch Gott ist dann gut drauf: Wenn Mrs. O’Brien fragend in den Himmel blickt, schallt fröhlich-sinnentleert Smetanas Moldau zurück. Herr, Du sprichst in Rätseln.

Intensives Werden

Über allem schwebt ein später erlittener Verlust, der nur angedeutet wird: Der Tod von Jacks Bruder, ein Ereignis, das diese erinnerte Kindheit endgültig in eine Erfahrung von Negativität umschlagen lässt und offenbar den Grund für die psychische Zerrüttung des erwachsenen Jack darstellt, den Sean Penn mit genau einem Gesichtsausdruck spielt.

Wer den ins spirituelle Delirium überhöhten Psychoanalyse-Überbau, das immergleiche Hiob-Gemurmel, die naturlyrisch dräuenden Gesamtkunstwerk-Wirkungstreffer, den irren Digi-Dino und den ironiefreien Jenseits-Kitsch des Finales aushält, wird allerdings mit einigen sehr schönen Passagen entschädigt. Momenthaft geht The Tree of Life in seiner technisch brillanten filmischen Fluidität auf: Nie steht die Kamera still, immer ist alles Bewegung in den Raum hinein, wird in die Bewegung virtuos neue Bewegung geschnitten. Intensives Werden, das nicht nach einem Ursprung fragt. Simon Rothöhler

Kommentare (5)

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lisaschwert 15.06.2011 | 15:39

Wenn ich das so lese (und andere Kritiken mit in Erwägung ziehe) komme ich zu dem Schluss, dass dieses Leiden durch den Film hindurch und die Entschädigung durch schöne Passagen nur so vom Regisseur bewusst angelegt sein kann; Leiden, Gott, Philosophie, Sinnfrage, Liebe, gelebtes Kino eben. Das hat nur nicht jeder Zuschauer und Kritiker verstanden. :-)

LuGr 27.06.2011 | 13:33

Wenn ein Katholik autobiografische Aspekte (Jugend in den 50er Jahren) und seinen eigenen Glauben filmisch aufbereitet, fehlen einem Zuschauer ohne denselben Background zuweilen die Anknüpfungspunkte. Doch Malick schlägt uns in "The Tree of Life" ins Gesicht, indem er um sich selbst rotierend mit - wie richtig herausgestellt wurde - unerklärten, rätselhaften Bilder- und Szenenfolgen erschlägt. Ist Malick bei seiner metaphysischen Reise durch die Geschichte der Welt am Ende im Jenseits angekommen oder bei der Apokalypse? Es sieht eher nach dem intellektuellen Nirvana aus.

Thomas.W70 10.07.2011 | 19:34

Man kann von Filmkritikern nicht erwarten, dass sie etwas von Heidegger verstehen, zumal man sich Heidegger nicht mal eben per wikipedia aneignen kann. Tatsächlich steckt in diesem Film mehr Heidegger als der Autor und viele andere Kommentatoren ahnen.

Sicher kann man den Film auch rein konsumistisch rezipieren, was erstaunlich viele tun. Fast jeder, mit dem ich über den Film spreche, schwärmt von den "tollen Bildern" und zuckt über den Rest die Schultern. Das ist wie bei Goethes Faust von der "schönen Sprache" zu schwärmen ohne einen Dunst zu haben worum es eigentlich geht.

Leider habe ich keine einzige Filmkritik gelesen, die versucht, den Inhalt ernst zu nehmen. Fast alle wischen den Inhalt als Kitsch oder unverständliches esoterisches Geraune beiseite.