Der Herr spricht in Rätseln

Film Terrence Malick macht seinen fünften Film in 40 Jahren und hat mal Heidegger ins Englische übersetzt: „The Tree of Life“ versteht man deshalb aber auch nicht besser

Eine rötlich zitternde Flamme in raumloser Dunkelheit steht am Anfang von The Tree of Life, Terrence Malicks erst fünfter Regiearbeit in gut 40 Jahren. Ein Film, der sich mit einer elementaren Geste selbst das Licht anmacht, bevor ein theologisch durchwirktes Knabengeflüster einsetzt, das in den folgenden zweieinhalb Stunden weder verstummen noch zur festen Stimme werden wird. Das Buch Hiob ist Stichwortgeber: „Herr, was sind wir für Dich?“ Und: „Wie soll ich rechtschaffen sein, wenn Du es nicht bist?“

Das Ich, das die schwere Last der Theodizee mit kindlichem Erstaunen vor sich hin wispert, ist in der Gegenwart des Films dem sorgenzerfurchten Knittergesicht von Sean Penn zugeordnet, der sich wie ein Geist durch luxuriös entfremdetes Ambiente bewegt. Dazu unverständliche Satzfetzen, Geraune von Mitmenschen, die dem Ich nur unspezifisches Rauschen sind. Dieser allen und allem entrückte Jack O’Brien ist in seiner Kindheit stecken geblieben.

Wellenartig schlagen fragmentarische Bilder und Töne aus dem texanischen Waco der fünfziger Jahre über Jack zusammen, überschreiben das Hier und Jetzt. Vor der Rückblende in die Provinz der Eisenhower-Ära nimmt The Tree of Life einen kosmischen Umweg, der mit Formationen fliegenden Vogelschwärmen noch relativ diskret beginnt, dann aber bis zu einem recht unrund animierten Dinosaurier eskaliert, den eine Art Moralerkenntnisblitz durchfährt. Eine ziemlich verrückte (und sehr lange) Sequenz, die Lavaströme, Canyon-Schluchten, Quallen, rotierende Planeten und andere Attraktionen zwischen Makro- und Mikrokosmos, Galaxie und Gebärmutter zur brachial naiven Weltentstehungs-metapher hochpitcht. Dabei hatte Gott noch am Anfang des Films gefragt: „Wo warst Du, als ich die Erde gründete?“

Auf den Trickfilmexzess, den man auch nicht besser versteht, wenn man weiß, dass Malick einmal einen Heidegger-Aufsatz ins Englische übersetzt hat, folgt eine Kindheitserzählung, die sich wie eine Verballhornung des Ödipus-Komplexes ausnimmt. Der reaktionäre Vater – Brad Pitt legt seinen schweren Unterkiefer mit Gusto in diese Rolle – lehrt seine Kinder einen primitiven Survivalismus, an dem er schließlich selbst zerbricht. Ist er auf Reisen, wird die erotisierte Mutter von ihren Jungs jauchzend durch die gute Stube gejagt. Auch Gott ist dann gut drauf: Wenn Mrs. O’Brien fragend in den Himmel blickt, schallt fröhlich-sinnentleert Smetanas Moldau zurück. Herr, Du sprichst in Rätseln.

Intensives Werden

Über allem schwebt ein später erlittener Verlust, der nur angedeutet wird: Der Tod von Jacks Bruder, ein Ereignis, das diese erinnerte Kindheit endgültig in eine Erfahrung von Negativität umschlagen lässt und offenbar den Grund für die psychische Zerrüttung des erwachsenen Jack darstellt, den Sean Penn mit genau einem Gesichtsausdruck spielt.

Wer den ins spirituelle Delirium überhöhten Psychoanalyse-Überbau, das immergleiche Hiob-Gemurmel, die naturlyrisch dräuenden Gesamtkunstwerk-Wirkungstreffer, den irren Digi-Dino und den ironiefreien Jenseits-Kitsch des Finales aushält, wird allerdings mit einigen sehr schönen Passagen entschädigt. Momenthaft geht The Tree of Life in seiner technisch brillanten filmischen Fluidität auf: Nie steht die Kamera still, immer ist alles Bewegung in den Raum hinein, wird in die Bewegung virtuos neue Bewegung geschnitten. Intensives Werden, das nicht nach einem Ursprung fragt. Simon Rothöhler

11:05 15.06.2011
Geschrieben von

Simon Rothöhler

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