Ordnung, äh, Sinn und, ähem, Struktur

Bühne Im Rahmen des Foreign Affairs Festivals ruft das Nature Theater of Oklahoma zum Mitmachen auf. In mehreren Episoden kommt das Ich ausführlich und ungefiltert zu Wort
Simon Rothöhler | Ausgabe 27/2013 2

Wer vergangenen Freitag zur Eröffnung der dreiwöchigen Belagerung des HAU durch die New Yorker Gruppe Nature Theater of Oklahoma erschienen war, stand in der Stresemannstraße erst einmal vor ausdrücklich verschlossenen Türen. Die Performance hatte da aber schon mit einer Open-Air-Beschallung begonnen, die Inklusion versprach: „Das große Theater von Oklahoma ruft euch! Wer an seine Zukunft denkt, gehört zu uns! Wer Künstler werden will, melde sich. Wir sind das Theater, das jeden brauchen kann!“

Ein auf den Bürgersteig gemaltes Geheimzeichen wies dem Besucher den Weg in einen Kreuzberger Hinterhof. Das Theater war also gar nicht zugesperrt, sondern nur alternativ geöffnet. Wer wollte, konnte sich zu einem als Nummernrevue zelebrierten Casting anmelden. Screen-Test-Skeptiker wurden gebraucht, um den gleichfalls mit großem Ernst aufgezogenen Barbecue-Betrieb auszulasten.

Breite Partizipationsangebote in den Theaterraum zu stellen, gehört nicht nur zur äußerlichen Programmatik der Gruppe, sondern bereits zur Genese der Stücke. So wird aus dem Berliner Casting-Material in drei Wochen die sechste Episode der mit Life and Times überschriebenen Naturtheaterserie entstanden sein. Diese nahm ihren Anfang mit der internen Befragung des Company-Mitglieds Kristin Worrall. 16 Stunden lang, so will es die Legende, antwortete sie in zehn Telefonaten auf die Frage, ob sie ihre bisherige Lebensgeschichte erzählen könne. Sie konnte und wollte, aber das würde dauern – und Theatergeschichte schreiben.

Aus dem exzessiven Gedächtnismonolog entstand ein Libretto der eigenen Art, weil nichts gestrichen oder gekürzt wurde. Füllwörter, Abschweifungen, Redundanzen wurden so exakt transkribiert wie potenzielle Urszenen einer US-amerikanischen Vorstadtadoleszenz. Ähs und Ähems sind die Pathosformeln dieses Bühnenversuchs, Sinn, Ordnung und Struktur in eine autobiografische Erinnerung zu bringen.

Wie man sich selbst erzählt und welche narrativen und popkulturellen Vorbildformate dafür überhaupt zur Verfügung stehen, ist das Sujet der multimedial ausgreifenden Serie, die schließlich auch Animationsfilme und mittelalterliche Bildhandschriften zu Illustrationszwecken mobilisiert. Dass es dabei nicht um ein Lamento der „Grenzen der Mitteilbarkeit“ geht, sondern im Gegenteil permanente Anschlussfähigkeit erzeugt und gefeiert wird, kann man postdramatisch oder post-postmodern nennen. Jedenfalls lassen die Episoden ein Ich derart ausführlich und ungefiltert zu Wort kommen, bis maximal viele andere Ichs sich in Geschichten (und deren Leerstellen) wiederfinden, die mit Selbsterlebtem auf den dritten und vierten Blick erstaunlich viel zu tun haben.

Über die geniale Vertonung findet die mündliche Überlieferung in die Aufführungsform eines leidenschaftlich performten Amateurmusicals, bei dem Ukulele und Orgel zentrale Instrumente sind und heftige Gymnastikübungen die choreografische Basis bilden. Einige Teile der Life and Times-Serie sind schon in den vergangen Jahren in Berlin zu sehen gewesen. Dank des „Foreign Affairs“-Festivals besteht aber jetzt die Möglichkeit für eine dringend empfohlene Komplettsichtung aller Episoden: in Einzelaufführungen oder als „Marathon“, am 12. Juli von 14 Uhr bis 5 Uhr morgens.

Nature Theater of Oklahoma im Rahmen des Festivals Foreign Affairs, bis 12. Juli. Weiteres Programm unter berlinerfestspiele.de

06:00 13.07.2013
Geschrieben von

Simon Rothöhler

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