Simon Rothöhler
Ausgabe 0514 | 29.01.2014 | 13:40

Schlechte Nachrichten

Kino Die Komödie „Anchorman 2“ mit Will Ferrell spielt in der Zeit, als die News das Fernsehen verließen

Schlechte Nachrichten

Will Farell als Ron Burgundy und Christina Applegate als Veronica Corningstone

Foto: Gemma LaMana/ Paramount

Global News Network heißt der unbescheidene Kabelsender, der in Adam McKays Blockbusterkomödie Anchorman 2 – Die Legende kehrt zurück den Beginn des Medienwahnsinns namens „24-hour news cycle“ einläutet. Ein auf die Nachtschicht relegierter Nachrichtensprecher namens Ron Burgundy (Will Ferrell), dessen flauschig toupiertes Haar in SanDiegos Lokalfernsehen Berühmtheit erlangte, entwickelt für GNN quasi aus Notwehr eine neue Erfolgsformel. Statt Meldungen mit Neuigkeitswert und Relevanz gibt es nun patriotische Dauerdurchsagen und zwischendurch Lustiges mit taumelnden Hundewelpen oder einem anlasslos ins Freie geschickten Wettermann. Was auch immer geht: Live-Helikopterbilder der Polizei.

Anchorman 2 verfolgt in seiner brusthaarfreundlichen Retroästhetik ein fast schon ernst gemeintes medienarchäologisches Projekt: Wie hat das nur alles angefangen – die Nonsens-Talkrunden auf dem Schreianfallsender Fox News, die albernen technischen Gimmicks, die Wolf Blitzer regelmäßig die Orientierung im virtuellen CNN-Studio verlieren lassen? Wo kommen sie her, die hysterischen Wetterfeen, die unbestimmt auf Green-Screen-Wände deuten und Jahrhundert-Orkane prognostizieren, die schließlich nur eine mittelstarke Brise gewesen sein werden. Die Komödie sagt die Wahrheit: Es war eine Wette mit dem Teufel Zuschauerquote.

Spätestens wenn Ron Burgundy nach zwischenzeitlicher Erblindung samt Rückzug in einen einsamen Leuchtturm (dort ist der stolze Eremit so hilflos, dass er Ketchup dekantiert) geläutert in die Nachrichtenzentrale zurückkehrt und den ganzen Trash dort nicht mehr ertragen kann, ist Anchorman 2 für einen befremdlichen Moment recht nah an Aaron Sorkins HBO-Serie The Newsroom. Darin wird im Grunde auch die These vertreten, die aus dem Ruder gelaufene Medienöffentlichkeit der USA wäre zu reparieren, kämen nur einige honorige Nachrichtenmänner alten Schlags vorbei und würden klar und deutlich in die Kamera sagen, dass das, was CNN und Co. fabrizieren, schon lange nichts mehr mit seriösem Journalismus zu tun hat.

Höfliche Kanadier

Es ist interessant zu sehen, wie sich Anchorman 2 von diesem Pathosmoment nicht mehr so recht erholt, wie die Logik der dichten Abfolge sketchartiger Starperformances nicht mehr recht in Schwung kommen will. Einem Blockbuster bleibt natürlich immer die Option, einfach alles in die Luft zu sprengen, das Chaos zu multiplizieren – hier durch eine exzessive und transhistorische Cameo-Schlacht, bei der das superhöfliche kanadische News Team (ein Traumpaar vor dem Herrn: Marion Cotillard und Jim Carrey) nationalmentalitätsgemäß die beste Figur abgeben.

Vor der allgemeinen Zerlegungswirkung des Finales gibt es, was den reinen Komödienwert angeht, einige gut abgehangene Sprüche und eine ziemlich kranke Querflötennummer – aber auch viel Leerlauf (und zwar von der Sorte, die man sich nicht als formavantgardistisch schönreden kann). Genderkritisch wäre zudem anzumerken, dass Kristen Wiig und Christina Applegate zu wenig austeilen dürfen. Anchorman 2 ist in der Grundanlage weniger aggressiv sinnbefreit als der erste Teil, was generell schade ist und in gewisser Weise dem Sujet geschuldet. Der Moment, als die Nachrichten das Fernsehen verließen, ist vielleicht lachhaft; die daraus resultierenden Programmformen aber profund unparodierbar.

Anchorman 2 Adam McKay USA 2013, 119 Min.

 


AUSGABE

 

Dieser Beitrag erschien in Ausgabe 05/14.