Gedanken zum Unrechten

Vergangenheit Ein paar kritische Worte zur DDR.
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Je länger die DDR zurückliegt, desto weniger Gutes kann ich mir über die DDR einreden. Ostalgie kenne ich nicht. Mich überkommt auch kein besonders wohliges Gefühl bei der Erinnerung an meine Jugend in der DDR. Natürlich hatte ich eine glückliche Jugend. Eine andere hätte ich mir dennoch gewünscht. Mir fällt wirklich nichts ein, dass ich aus dieser DDR gern bewahrt und in die Bundesrepublik Deutschland hinüber gerettet hätte. Ich kann nicht einmal angesichts des Bildungsdesasters von heute dem System der Kinderbetreuung und Volksbildung aus DDR-Zeiten irgendetwas Positives abgewinnen.

Das DDR-Schulsystem, das zwar allseitiger und ausnahmslos alle bildete, jeden mitnahm und keinen zurück ließ, mag verwertungsorientierten Untersuchungen heute vielleicht besser standhalten als das kleinstaaterische Bildungssystem der Bundesrepublik Deutschland, doch es förderte Kinder und Jugendliche in ihrer persönlichen Entwicklung nie wirklich, sondern deformierte sie fast bis zur Unkenntlichkeit ihrer Persönlichkeiten. Abweichungen wurden nicht geduldet. Der Einzelne galt nichts in der DDR. Nicht einmal sich selbst galt der Einzelne etwas.

Wenn ich versuche, mich an die DDR zu erinnern, fallen mir zuerst die vielen kleinen und großen Absurditäten, die Demütigungen und die alltägliche Missachtung ein, mit der das System die Menschen und mit der die Menschen sich gegenseitig, nicht selten viele auch sich selbst bedachten. Im Rückblick empfinde ich die DDR im Ganzen als gehässig, kleinbürgerlich, preußisch blöd und lächerlich eben. Doch in kleinbürgerlichen Verhältnissen kann sich der Mensch ganz gut einrichten.

Der DDR-Bürger lebte auch tatsächlich im Vergleich zu den Menschen in anderen sozialistischen Ländern irgendwie wohlständiger, zuweilen luxuriöser und auch noch relativ frei. Im Vergleich zu seinen Verwandten auf der anderen Seite des Eisernen Vorhanges allerdings mochte der realsozialistische und allseitig gebildete Kleinbürger seine Situation als jämmerlich empfinden. Das war sie aber auch. Jämmerlich kleinbürgerlich. Harte Worte? Ungerechte Worte? Wahre Worte? In der Vergrößerung liegt die Veranschaulichung.

Es fällt mir schwer, zwischen dem System der DDR und dem Leben der Menschen in der DDR zu unterscheiden. Das Eine bedingte das Andere. Die Mehrheit war nicht unschuldig so wenig wie sie schuldig war. Die wenigen gegenwärtig offiziell anerkannten selbsterklärten Aufrechten waren nie aufrecht genug, um die Bürde ihrer Moral heute, die sie so unangreifbar, doch eben nicht besser oder wahrhaftiger macht, mit geradem Rücken zu tragen. Die vielen stillen Aufrechten erklärten sich nicht, blieben still, haderten mit sich statt mit den Missständen. Früher wie heute. Menschliche Einsichten und Vernunft waren damals Mangelware so wie sie das auch heute im Überfluss der Freiheit – und schon wieder – sind. Berechtigte Empörung von einst über einstige Zustände ist längst seelenloses Ritual von heute. Die Jämmerlichkeit konnte sich aus der DDR in das Gesamtdeutschland hinüber retten. Der krumme Buckel der Anpassung verunstaltet nicht, er ziert. Eine deutsche Mode.

Soziale Sicherheit und der angeblich gemeinschaftliche Zusammenhalt, den viele Ostdeutsche glauben, zu vermissen, sind Mythen, die mit ihrer, die mit der Lebenswirklichkeit der DDR-Bürger nicht viel zu tun hatten. Der angeblich bessere Zusammenhalt unter den Menschen war den allgemeinen Umständen, war der Gleichmacherei geschuldet, die Individualität erstickte, war Teil des Systems der gegenseitigen Kontrolle und Disziplinierung und erzeugte weitaus größeren Anpassungsdruck auf den Einzelnen als der Staat diesen allein hätte erzeugen können.

In den verschiedenen Milieus dieses Zusammenhalts gediehen unter dem Schirm eines verlogenen Proletenkults nicht nur Freundschaft, Solidarität und Großzügigkeit, sondern ebenso kleinlicher Eigennutz, Neid, Verrat und Lüge. Auch die soziale Sicherheit gab es so uneingeschränkt nicht, wie viele heute glauben oder meinen, sich erinnern zu müssen. Es gab in der DDR keine Möglichkeit, soziale Rechte individuell einzuklagen. Es gab kein Streikrecht in der DDR, mit dessen Hilfe die Arbeiter und Angestellten bessere Arbeits- und Lebensbedingungen hätten erstreiten können. Eine alleinerziehende Mutter von drei Kindern, die als Krankenschwester in einem städtischen Krankenhaus im Schichtdienst arbeitete, konnte sich und ihren Kindern trotz harter Arbeit nur mit Mühe und unter großem Verzicht den notwendigsten Lebensstandard sichern, von einer selbst bestimmten Perspektive für ihre Kinder ganz zu schweigen.

Die Arbeiterinnen in der Textilindustrie schufteten sich die Seele aus dem Leib, damit die DDR einen Herrenanzug für 10,- DM und ein Damen-Kostüm für 8,- DM an den Westen verscherbeln konnte. In den Jahren 1983 und 1984 verschob die DDR in EG-Länder (insbesondere nach Frankreich) Rindfleisch in derart großen Mengen, dass die Versorgung der eigenen Bevölkerung infrage gestellt war. In einigen Landstrichen des heutigen Sachsens und Thüringens war der Handel mit Grundnahrungsmitteln Mitte der 1980-er regelrecht zusammengebrochen.

Die Lebensqualität in den Zentren der Chemie-, Stahl- und Energieindustrie war miserabel. Arbeiter und Angestellte mussten unter erbärmlichen Bedingungen ranklotzen, unter Bedingungen, die selten besser, fast immer dramatischer wurden, da die Möglichkeiten zur Rationalisierung in den Betrieben sehr eingeschränkt waren. Die DDR exportierte keine Überschüsse, sie exportierte ihren grundlegenden Industrieausstoß, weshalb sie unter den Bedingungen kapitalistischer Weltmärkte und realsozialistischer Produktionsplanung nur von der Hand in den Mund leben konnte.

Der Preisverfall ihrer Waren auf dem Weltmarkt betrug in den 1980-er Jahren im Durchschnitt mehr als 80%. Ein großer Anteil der mühsam erwirtschafteten Erträge floss außerdem in Rüstung, Militär und Sicherheitsapparate. Der große Bruder Sowjetunion ließ sich Erdöl und Erdgas immer teurer bezahlen. Gleichzeitig wurde in der DDR ein maßloser Raubbau an der Natur und am Menschen betrieben, um die Wirtschaft im Gefüge kapitalistischer Verwertungslogik am Laufen zu halten.

Sämtliche Ressourcen – menschliche, geistige wie materielle – wurden dem Industriekreislauf der Warenproduktion untergeordnet, auf diesen ausgerichtet, in diesem verplant und verbraucht. Einfacher ausgedrückt: Die DDR funktionierte rundum staatskapitalistisch. Im Verhältnis von Aufwand und Ertrag befand sie sich wirtschaftlich schließlich auf armseligem Niveau, da ihr die Mittel zur Umsetzung technologischer Innovationen fehlten.

Das relativ geringe Niveau der sozialen Sicherheit in der DDR war teuer erkauft. Spätestens Mitte der 1980-er Jahre war dieser kleinere deutsche Staat ökonomisch überholt. Ein Jahr vor dem Mauerfall (1988) konstatierten verschiedene Kreise in der Staatssicherheit und beim Zentralkomitee der SED, dass die DDR ökonomisch am Ende und nicht mehr zu retten sei und der Westen die Systemauseinandersetzung wirtschaftlich gewonnen habe.

An der Staatsführung unter Erich Honecker ging diese Erkenntnis allerdings vorbei. Denn sie, die DDR-Mächtigen lebten in Wandlitz in einer heilen Welt, nicht allzu groß im Luxus, bescheiden eher, auf jeden Fall unter sich, doch nicht unter ihresgleichen, den kleinen Bürgern, wohl wissend, wie sie ticken diese kleinen Bürger, die sie, die Mächtigen ja selbst auch immer gewesen, immer geblieben waren.

Die DDR war 1989 eine andere als 1949, 1953, 1965, 1973, 1980. Es gab in den 40 Jahren ihrer Existenz bemerkenswerte Entwicklungen trotz der Rückschritte. Es gab Rückschritte trotz bemerkenswerter Entwicklungschancen.

Doch die DDR krankte an der Abhängigkeit von Moskau, krankte an der Last der Reparationszahlungen nach dem Krieg, krankte daran, dass sie aus der Moderne zurückgeworfen wurde in die erst aufholende Gesellschaft sowjetischen Typs. Die DDR krankte an dem Erbe des Nationalsozialismus sowieso und krankte an der ganzen deutschen Geschichte. Die DDR krankte an der Konkurrenz zur Bundesrepublik Deutschland und am unermesslichen materiellen Aufwand des Kalten Krieges.

Statistisch schaffte es diese kleine DDR trotzdem unter die 10 Industriestaaten mit dem weltweit größten Leistungsausstoß. Die Selbstausbeutung der DDR-Bürger und die Ausbeutung der DDR-Bürger durch ihren Staat war unbeschreiblich. Im sachlichen Vergleich haben die Menschen in der DDR unbestritten extrem große Leistungen erbracht. Sie hätten darauf stolz sein können. Aber sie waren das in einem entscheidenden Augenblick der Geschichte nicht oder nicht mehr, wenn sie es denn jemals waren, stolz auf ihr Leben als DDR-Bürger, stolz aus freien Stücken und nicht weil man es ihnen abverlangte.

Den Spätgeborenen, die in den Jahren und Jahrzehnten nach dem Zweiten Weltkrieg das Licht der Welt erblickten, denen war nichts mehr vorzumachen. Den Schrecken des Krieges oder einer Weltwirtschaftskrise hatten sie nicht erlebt. Sie erwarteten zurecht den versprochenen Fortschritt, die Umsetzung des sozialistischen Wohlstandversprechens in jeder Hinsicht, vereint mit der unbedingten Freiheit, sich als Individuen entwickeln und entfalten zu können. Mit ideologischen Zukunftsverheißungen waren diese Jungen und Jüngeren, diese als DDR-Bürger Aufgewachsenen nicht zu halten. Billige Mieten, bezahlbare Grundnahrungsmittel waren gewöhnlicher Alltag und galten ihnen nicht als Fortschritt.

Auf einen Beruf und auf Arbeit hatten sowieso alle Anspruch. Nicht selten wuchs sich dieser Anspruch zur repressiven Pflicht aus. Denn nur wenige hatten eine freie Wahl. Fast jeder konnte von Staatswegen und im Interesse der realsozialistischen Wirtschaftsmaschine irgendwohin verpflanzt werden.

Manche kleinen Privilegien, egal wie und woher, wogen deshalb unter diesen Bedingungen schwerer als das große Ganze, dem sich der Einzelne sowieso hilflos gegenüber sah. Kontakte und Beziehungen spielten eine besondere Rolle, um sich den einen oder anderen Vorteil zu verschaffen. Das Persönliche wurde zwangsläufig zum Dreh- und Angelpunkt für die Menschen, weniger als Rückzugsraum, sondern als eigentliche Gestaltungsfläche der zwar extrem eingeschränkten aber bis zu einem gewissen Grad noch selbst bestimmten individuellen Lebensäußerung.

Man musste vieles mitmachen, aber eben nicht alles. Die riesige Kluft zwischen Anspruch und tatsächlicher Lebenswirklichkeit war der Mehrheit bewusst. Sie hatte gelernt, damit umzugehen, widerständig zu sein gegen die alltäglichen Widrigkeiten. Man brauchte kein Opportunist zu sein, auch kein Stillhalter, um sich trotz aller Einschränkungen zu behaupten. Man brauchte aber auch kein politischer Oppositioneller zu sein, um in das Visier der Staatsmacht zu gelangen.

Verdacht konnte schnell aufkommen. Manch Einer streute ihn aus Missgunst nur, öfter aus Dummheit und Fanatismus. Verdacht konnte trotz allem so leicht keine Wirkungsmacht entfalten. Es gab sachliche, es gab auch gesetzliche, es gab natürlich moralische, es gab menschliche Grenzen. Nicht jede Stasiakte bedeutete zugleich einen Stasihäftling.

Es wurden mehr Informationen gesammelt als schließlich verwertet wurden, als sie verwertet werden konnten. Je ohnmächtiger sich die Staatsmacht der Realität gegenüber sah, desto mehr Informationen ließ sie über ihre Bürger sammeln, desto ohnmächtiger wiederum wurde die Staatsmacht.

Der DDR-Alltag war dennoch nicht Stasi, die Stasi nicht DDR-Alltag. Allmächtig war die Stasi auch nicht. Wie wir heute wissen, war sie allseits präsent, doch so oft so sehr im Verborgenen, dass wir uns erst durch ihre verbliebenen Akten über die tatsächlichen Dimensionen bewusst werden können. Ein Rückgriff auf unsere eigene Lebenserfahrung in der DDR genügt dafür nicht.

Das gesamte gesellschaftliche Gefüge der DDR besaß außerdem viele verschiedene Nischen, in denen sich Courage aber auch Feigheit sammelte. Letztlich brachen sich Courage und Feigheit gemeinsam ihre Bahn und rissen 1989 die Mauer ein, die lange vorher schon gebröckelt hatte. Diese letzten Momente der DDR boten einen Ausblick auf tatsächliche Freiheit von Mensch zu Mensch.

Runde Tische, langsames aber bestimmtes Herantasten an die Wahrheit, Offenheit und unbedingte Transparenz, Demokratie nicht nur als Anspruch, sondern in grundlegender Praxis, basisdemokratisch angedacht, Lernen aus der Schuld, aufeinander zugehen und miteinander versuchen, einen besseren Weg zu gehen.

Erst in diesem letzten Atemzug der DDR entfaltete sich ein wirklicher gemeinschaftlicher Zusammenhalt. Sicherlich: Der Herbst 1989 wirkte nicht lange. Die Freiheit, die sich aus tätigem Sein zueinander und aus einem tieferen Interesse füreinander, für das Wohlsein des Einzelnen ergab, wich recht schnell der Freiheit des Geldes. Die Deutsche Einheit, wie sie im Oktober 1990 kam, dachten sich die meisten DDR-Bürger anders. Nur anders war sie nicht zu haben diese Einheit mit der Freiheit, die das Grundgesetz garantierte. Doch was tun mit dieser Freiheit?

Geschrieben am 29. Mai 2009, ursprünglich veröffentlicht am 30. Mai 2009 in der damaligen Zeitschrift für unfertige Gedanken, jetzt archiviert unter http://zeitfug.unity99.net

22:35 27.09.2012
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Geschrieben von

Sisyphos Boucher

Keine Erwartungen werden immer erfüllt.
Sisyphos Boucher

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