Al Quaida ante portas?

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Als am 2. Mai der amerikanische Milchmann ueber Abbotabad einschwebte, um heftig - und mit gewaltiger Verspaetung - doch noch die Rechnung einzufordern, geschah dies in einer merkwuerdigen Atmosphaere irrealer Gleichgueltigkeit. Der, der sie bezahlen musste, schien laengst aus der Zeit gefallen; zum fernen Symbol entrueckt - ein historisches Zitat!

Sicher, es gab nicht wenige, die hielten Bin Laden noch immer fuer den Kopf einer Gegenbewegung - andere taten nur so. In der islamischen Welt hatte man laengst andere Sorgen, als noch lange ueber den Abgang dieses hasserfuellten Kriegers zu sprechen. Das waere Jahre zuvor noch sehr viel anders gewesen; man haette mit gewaltsamen Eruptionen rechnen muessen. Nun jedoch dauerten selbst die Diskussionen ueber die Realitaet seines Todes nur Tage. Nicht etwa Obama gelang es, die Spekulationen zu beenden (wer glaubt schon noch bereitwillig der moralischen Fuehrungsmacht der «Freien Welt»?), sondern Al Quaida selbst zog mit einem Kommuniqué den Schlussstrich.

Wichtiger als das Ende Bin Ladens ist das, was man in aller Eile aus seinem grossen - und gar nicht so versteckten - Haus mitnahm. Und hier beginnen Einzelheiten durchzusickern, die interessanter sein koennten, als der erste schnelle Blick vermuten liesse. Beispiel: Als die Twin-Towers fielen, hielt man diesen Terrorakt fuer einen gezielten und wohlerwogenen Angriff auf die Manifestation kapitalistischer Macht. Es schien, als sollte direkt ein Wirtschaftssystem getroffen werden, welches in seiner propagierten Unmoral gegen den Islam stand; Voelker demuetigte und ausbeutete, um die Welt zu beherrschen. Es war folgerichtig die Zeit, als in vielen Boutiquen Afrikas Fotos von Bin Laden auftauchten - neben denen vom Che!

Jetzt erfaehrt man, dass es von Chicago ueber Washington bis New York insgesamt 12 moegliche Ziele gab, die unter dem Gesichtspunkt moeglichst grosser Schaeden und politischer Bedeutung (Capitol, Weisses Haus usw.) diskutiert wurden. Nicht Befreiungsideologie stand also im Vordergrund, sondern Terror, paranoider Hass auf die USA! Kein «grosser Wurf» fuer eine neue Welt - wie nicht wenige in der Dritten und Vierten Welt glaubten, sondern platte Instrumentalisierung des Islam. (Es gibt uebrigens keine einzige religioese Schrift Bin Ladens, der sich nicht scheute, den Dschihad auszurufen, ohne dazu nach den Regeln seiner Religion ueberhaupt bemaechtigt zu sein!)


Auch ein zweites Ziel hat Bin Laden nicht erreicht: die Destabilisierung arabischer Staaten! Und hier zeigt sich besonders seit Jahresbeginn, wie radikal die Entwicklung ueber ihn hinweggegangen ist. Der «Arabische Fruehling» (von dem noch niemand weiss, ob nicht trueber Herbst und eisiger Winter folgen) fand gaenzlich ohne Al Quaida statt. Die islamistischen Moslembrueder sind z.B. in Aegypten seit Jahrzehnten fest etabliert und nicht auf Al Quaida angewiesen, um sich in der Bevoelkerung zu manifestieren. Einzig durch den Krieg in Libyen koennte es den Interventionsmaechten «gelungen» sein, Al Quaida-Verbindungen belebt zu haben. Eine Gefahr, die in konzentrischen Kreisen bis weit in den Sahel reicht und, wegen grosser Waffenzufuhr aus dem zerbrochenen Libyen, besonders Niger, Mali und Algerien beunruhigt. Die dortigen Terrorgruppen hatten sich zwar 2007 oeffentlich zur Treue gegenueber Bin Laden verpflichtet (siehe AQMI), waren aber ueber vereinzelte Attentate und - vor allem - Entfuehrungen nicht hinausgekommen. Das koennte sich aendern!


Aendern koennte sich auch die direkte Einwirkung der Al Quaida auf die zunehmend explosive Situation in Nahost. Unter Bin Laden gab es dort fuer diese Terrororganisation nicht viel zu bestellen. Sein Nachfolger Ayman Al-Zawahiri ist nicht nur ein anderes ideologisches Kaliber, er steht auch unter Zugzwang, wenn er den weiteren Abstieg seiner Organisation in den Augen der arabischen Oeffentlichkeit verhindern will.


Der «Westen» hat mit zahlreichen Verletzungen der Menschenrechte und des Voelkerrechts (siehe Irak und teilweise auch Afghanistan), mit der skrupellosen Ueberschreitung der UN-Resolution 1973 (Libyen) seiner eigenen Glaubwuerdigkeit groesseren Schaden zugefuegt, als Bin Laden dies je durch direkte Terror-Akte gelungen war. Es ist ihm allerdings gelungen, in ehemals demokratischen Staaten einen gefaehrlichen Abbau demokratischer Rechte (siehe Sondergesetze) auszuloesen, der bisher nicht korrigiert wurde. Dies ist Gift mit Langzeitwirkung auch in den Augen der arabischen Oeffentlichkeit und es wird sich bald zeigen, wie ueberzeugend der «Westen» als Vorbild demokratischer Strukturen in den bekannten Umbruchstaaten ueberhaupt noch wahrgenommen werden wird!


Aus den in Pakistan gefundenen Dokumenten geht hervor, dass gleich nach den USA Frankreich als Hauptziel fuer Al Quaida gilt. Und in der Tat gilt dort seit den Attentaten von London (2005) die zweithoechste Gefaehrdungsstufe (vigipirate rouge). Im taeglichen Leben ist davon (ausser auf einigen Bahnhoefen/Flughaefen) allerdings kaum mehr etwas zu sehen. Kein Wunder, denn nur rund 2000 («Le Monde») Militaers/Polizisten/Gendarme sind nicht gerade viel fuer ein so grosses Land!





13:43 10.09.2011
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Geschrieben von

Roger Tecumseh

Je préfère le doute de l'intelligent à la certitude de l'imbécile! (Gilbert Sinoué)
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