Der "Blade Runner" sitzt - vorerst

Knast für Pistorius Ein gerechtes Urteil und Strafmaß. Und doch bleiben ein Wermutstropfen und eine offene Herausforderung jenseits des verurteilten Paralympikers
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Der "Blade Runner" sitzt - vorerst

Bild: Herman Verwey/Foto24/Gallo Images/Getty Images

Vorerst sitzt Oscar Pistorius im Knast. Sein Zimmer im luxuriösen Domizil seines Onkels Arnold im noblen Stadtteil Waterkloof von Tshwane/Südafrika wird aber für ihn freigehalten.

Nach zehn Monaten könnte der "Blade Runner" und gefallene Held der Nation wieder dort einziehen. Dann hätte Pistorius ein Sechstel der verhängten Strafe abgesessen, und rein rechtlich könnte seine Gefängnisstrafe in Hausarrest umgewandelt werden.

Aber zunächst einmal ist der Paralympiker zu fünf Jahren Haft ohne Bewährung verurteilt worden. Wegen fahrlässiger Tötung seiner Freundin Reeva Steenkamp, die er in den frühen Morgenstunden des 14. Februar 2013 durch die Tür der heimischen Toilette erschoss. Er habe sie mit einem Einbrecher verwechselt.

Zusätzlich bekam Pistorius noch drei Jahre auf Bewährung aufgebrummt für das fahrlässige Abfeuern einer Waffe in einem Johannesburger Restaurant im Januar 2013.

Ob die Staatsanwaltschaft Berufung einlegt oder nicht, werden wir in spätestens 14 Tagen wissen. Die Verteidigung indessen akzeptiert das Strafmaß.

Damit endete am Dienstag (21.10.2014), vorerst, einer der Aufsehen erregendsten Prozesse im demokratischen Südafrika.

Kluge Richterin

Richterin Thokozile Masipa ist, denke ich, eine kluge Frau. Sie füllte Justitias Waagschalen nicht nur mit dem, was Recht und Gesetz vorschreiben, sondern ebenso mit Argumenten der Gerechtigkeit sowie restaurativer Gerechtigkeit (restorative justice).

Die Öffentlichkeit, so Masipa, ist oftmals schnell bei der Hand mit Verurteilungen, die von Rachegelüsten geleitet sind. Diese zu befriedigen sei nicht Aufgabe des Gerichts. Die „dunklen Zeiten“, als das Recht nach dem Prinzip Auge-um-Auge angewandt wurde, seien vorbei. Das Gericht ziehe aber sehr wohl in Betracht, dass die Gesellschaft ein Recht auf Sühne und auf Schutz vor weiteren Verbrechen hat, andernfalls bestehe die Gefahr, dass die Öffentlichkeit das Recht selber in die Hand nimmt.

Der von den Medien aufgegriffene "Unmut der Öffenlichkeit" über das angeblich zu milde Urteil und Strafmaß gegen Pistorius ist durchaus eine Realität. Und doch ist diese Berichterstattung selektiv, denn sie spiegelt nur einen Teil des Ganzen wider. Es gibt ebenso Meinungen wie diese: Auf eine Richterin wie Thokozile Masipa könne das „neue Südafrika“ stolz sein. Sie habe mit Augenmaß ein faires Urteil gefällt. Dem Angeklagten konnte keine Mordabsicht nachgewiesen werden und er ist nicht vorbestraft. Seine Strafe hat er verdient, denn er hat fahrlässig und unüberlegt gehandelt und dadurch einem Menschen das Leben genommen. Nun habe er die Möglichkeit, seine Handlungen zu reflektieren, Einsicht und Reue zu erarbeiten. So könne er, möglicherweise, wieder zu einem Platz in der Gesellschaft zurückfinden.

Und doch: Klassenjustiz

Einen Wermutstropfen gibt es allerdings. Richterin Masipa sagte in ihrer Strafmaßbegründung, das Gericht müsse dem Bild entgegenwirken, es gebe ein Recht für Arme und eines für Reiche bzw. Prominente. Das Gericht ist, denke ich, gar nicht in der Lage, diesem Eindruck entgegenzuwirken. Ein prominenter und finanziell gutgestellter Angeklagter, wie Pistorius, hat natürlich weitaus bessere Möglichkeiten, sich vor Gericht verteidigen zu lassen sowie sich die folgende Haftzeit zu erleichtern. Diese Möglichkeiten haben viele „normale“ Häftlinge ohne Geld und Prominenz nicht einmal im Ansatz. Insofern gibt es auch in Südafrika, wie ansderswo auf der Welt, eine Klassenjustiz.

Was bleibt

Abgesehen vom Schicksal des Pistorius bleibt ein Aspekt , der konstant ausgeblendet wird: Der private Waffenbesitz. Tatsache ist: Hätte der Mann keine Waffe im Haus gehabt, wäre Reeva Steenkamp heute noch am Leben.

Es gibt Millionen Feuerwaffen in privaten Haushalten in Südafrika. Es ist ein Irrtum zu glauben, dass eine härtere Strafe Waffenbesitzer davor abschreckte, ihre (legal registrierte) Waffe eines Tages gegen einen Menschen zu richten, und sei es in Selbstverteidigung oder vermeintlicher Selbstverteidigung. Alle diese Waffenbesitzer meinen, sie hätten ein Recht dazu, genauso wie Oscar Pistorius.

Und das, so denke ich, ist hier das eigentliche Problem.

11:09 22.10.2014
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