Die Dunkle Triade

Gesellschaft Im post-digitalen Zeitalter hat sich ein neuer Typus von Politiker entwickelt: Der Troll. Er hat alle Merkmale des Online-Trolls, denn er ist dem Internet entsprungen.
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Eingebetteter MedieninhaltEr wurde im Internet kultiviert, sein Hass wurde im Internet „normalisiert“ und jetzt erleben wir neue Tiefpunkte des politischen und gesellschaftlichen Diskurses.

Ein Troll ist jemand, der Diskussionen im Internet wiederholt stört, indem er provokativ und auf destruktive Weise Reizthemen setzt, die keinen inhaltlichen oder konstruktiven Beitrag zur Diskussion leisten, sondern lediglich darauf abzielen, emotionale Reaktionen anderer User zu provozieren um sie kindisch erscheinen zu lassen. Der Troll ist ein Agent des Chaos, wer auf ihn hereinfällt sieht sich schnell einem sadistischen Amüsement ausgesetzt.

Aber der Troll bleibt nicht im Internet: Das Netz hat Einfluss auf das, was in der „realen Welt“ passiert und umgekehrt. Mary Aiken, Direktorin des Cyberpsychology Research network formuliert: „...die Normen des Internet – wo Grausamkeit verstärkt, zugespitzt und ermutigt wird – sind jetzt jetzt in die sogenannte „reale Welt“ übergesprungen.“ Das beste Beispiel für diesen Mechanismus sei Donald Trump, der mit seiner Rhetorik viele der gängigen Formen der Beleidigungen und „Trolling-Taktiken“ aus dem Internet in die „reale Welt“ übertrage, etwa wenn er seine Mitbewerber um die Präsidentschaftskandidatur der Republikaner „Lying Ted“ oder „Little Marco“ nennt. Auch seine Feindseligkeit gegenüber Frauen, die er als „dogs“, „pigs“ oder „disgusting“ bezeichnete, findet ihr Vorbild im Internet, wo sich Frauen und insbesondere Feministinnen immer wieder schärfsten Anfeindungen ausgesetzt sehen.

Nate Silver kommt zu dem Schluss: „Trump is the World´s greatest Troll“. Nun mag es bei Trump sehr offensichtlich sein, dass seine Rhetorik und Inhalte im Internet sozialisiert wurden. Versucht man, diesen Mechanismus auf deutsche Verhältnisse zu übertragen, ist es nicht ganz so einfach. Es ist aber offensichtlich, dass auch hier die „Trolle“ zunehmend im Rampenlicht stehen. Als Björn Höcke in der Talkshow von Günther Jauch eine Deutschlandfahne über seiner Stuhllehne ausbreitete, war das kein Patriotismus, es war vielmehr ein disruptiver Moment, eine Aktion, die inhaltlich nichts zur Diskussion beigetragen hat: der Beitrag eines „Trolls“.

Die Äusserungen von Beatrix von Storch in der Sendung von Anne Will z.B. waren zum einen gezielte Provokationen, etwas wenn von Storch sagt, Angela Merkel habe das Land ruiniert, „wie es seit '45 keiner mehr getan hat.“ Zum anderen sind es abstruse Ideen, die normalerweise eben gerade im Internet verbreitet werden, etwas wenn von Storch sagt, Merkel ginge aus Sicherheitsgründen ins Exil nach Chile oder Südamerika. Das ist „Echtwelt-Trolling“. Die Gleichung für die AfD ist relativ einfach und im Übrigen die selbe, die auch für Internet Trolle gilt: Aufmerksamkeit bedeutet Macht. Je aufsehenerregender eine Aktion oder eine Äußerung ist, umso mehr Aufmerksamkeit wird erweckt und umso mehr Macht wird zugestanden.

Es wäre allerdings zu einfach, diesen Mechanismus lediglich bei der AfD zu verorten. Die „Trolle“ gibt es auch in anderen Parteien. Ein aktuelles Beispiel ist Andreas Scheuer, der Generalsekretär der CSU: "Das Schlimmste ist ein fußballspielender, ministrierender Senegalese. Der ist drei Jahre hier - als Wirtschaftsflüchtling - den kriegen wir nie wieder los." Andreas Scheuer mag diese Äußerung im Nachhinein als „bewusste Zuspitzung“ entschuldigen, die Kaltherzigkeit, ja, fast Sadismus, der aus diesen Worten spricht, findet sich so eins zu eins in vielen Internetforen. Wenn Horst Seehofer von der „Herrschaft des Unrechts“ mit Blick auf die Flüchtlingspolitik von Angela Merkel spricht, dann ist nichts anderes als Effekthascherei, der Versuch, mit einer möglichst kontroversen Aussage die Diskussion in andere Richtung zu lenken, und er steht damit in bester Tradition des „Trolls“, der Reizthemen setzt und versucht, die eigentliche Diskussion zu zerstören.

Der Troll gedeiht im Internet und er hat bestimmte psychologische Besonderheiten: eine kanadische Studie hat gezeigt, dass es eine positive Korrelation zwischen Personen, die sich selbst als Internet Trolle bezeichnen, und dem, was in der Psychologie als „Dunkle Triade“ oder „Dunkle Tetrade“ bezeichnet wird, gibt. Dabei handelt es sich um ein Cluster der Persönlichkeitsmerkmale Narzissmus, Machiavellismus und Psychopathie. Die Dunkle Tetrade umfasst zusätzlich das Merkmal Sadismus. Im Ergebnis besagt die Studie, dass „Trolling“ positiv mit drei Persönlichkeitsmerkmalen der Dunklen Tetrade korreliert, nämlich Sadismus, Psychopathie und Machiavellismus. Online Trolling scheine die Manifestation eines Alltagssadismus zu sein.

Bis vor wenigen Jahren mag das Internet noch „Neuland“ gewesen sein; bestimmte Normen und Verhaltensweisen, die man zuerst im Internet beobachten konnte, manifestieren sich zunehmend in der „realen Welt“, weil sie im Internet „normalisiert“ wurden und damit zu einer sozialen Norm auch in der „realen Welt“ werden können.

Studien zeigen, dass ein Verlust an Mitgefühl und der Fähigkeit, sich in andere zu versetzen, auftritt, je mehr Menschen sich in einer isolierten Onlineumgebung bewegen: „These physically distant online environments could functionally create a buffer between individuals, which makes it easier to ignore others’ pain or even at times inflict pain on others“. So wird pathologisches Verhalten im Internet verstärkt und schwappt dann zurück in die reale Welt als verbale Entgleisung, die wiederum umgehend im Internet normalisiert wird, weil sie nun einfach mal da ist und solange verbreitet und wiederholt wird, bis sie normal ist.

Daraus kann man nicht ableiten, dass der Politikertyp „Troll“ eine Persönlichkeitsstörung haben muss, die im klinischen Sinne krankhaft oder überhaupt relevant ist. Man kann sich aber fragen, inwieweit das Internet unsere Gesellschaft verändert und bereits verändert hat, und wie wir Normen und Verhaltensweisen, die im Internet an der Tagesordnung sind, möglichst wenig Einfluss in der „realen Welt“ gestatten. Politiker scheinen dabei keine Hilfe zu sein, scheinen sie doch selbst zu den Persönlichkeitsmerkmalen der Dunklen Triade zu neigen. „dark personalities leave large digital footprints."

Den Trollen die Aufmerksamkeit zu geben, nach der sie gieren, scheint keine Lösung zu sein. „Don't feed the Troll!“ Das scheint ein guter Rat im Internet zu sein, es scheint aber auch ein guter Rat in der „realen Welt“ zu sein. Das bedeutet aber auch, dass eine Gesellschaft, die Personen wie Björn Höcke oder Andreas Scheuer als Politiker wahrnimmt und nicht als das, was sie unter Umständen seien könnten - nämlich narzisstische Psychopathen - bereits ein Problem hat.

21:41 30.09.2016
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