Orlando, Symbol des Scheiterns

Gesellschaft Der Amoklauf von Orlando sagt uns nichts über Islamismus oder Terrorismus. Er wirft aber Licht auf unsere Gesellschaft und ihre Mechanismen
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Orlando, Symbol des Scheiterns
Bild: Anthony Kwan/Getty Images

Jedermanns Mörder“

Es wurde über die Tat von Omar Mateen bereits so viel geschrieben, dass ich kaum glauben kann, dass sie erst vor fünf Tagen statt gefunden hat. 49 Tote, über 50 Verletzte und mindestens genau so viele Erklärungsansätze und Meinungen dazu. Es scheint, jeder interpretiert diese Tat anders. Jeder versucht, sie aus seiner Perspektive zu erklären. Das hat Jakob Augstein in seiner Kolumne auf Spiegel Online treffend beschrieben.

Für Margarete Stokowski ist Mateen ein Mann, ein Beispiel männlicher Gewalt. Und das stimmt, Amokläufer und Attentäter sind in der Regel männlich, ich fand diese Perspektive interessant. Für die LGBT Community war es ein Angriff auf eine sexuelle Minderheit, die auch in unserer Gesellschaft noch nicht zu einhundert Prozent akzeptiert ist. Auch diese Perspektive ist gerechtfertigt. Für Sascha Lobo macht die Funktionsweise von (Online-)Netzwerken Menschen zu Mördern ("Meme machen Mörder"), und es ist klar, dass es sich um islamistischen Fanatismus handelte. Und wie Sascha Lobo es gerne und oft auch gut macht, erfindet er neue Begriffe für seine Interpretationen: in diesem Fall den Begriff des „Mitmachmassenmords“. Ich fand andere seiner Wörtschöpfungen schon überzeugender (mein Kommentar dazu). Meme machen keine Mörder und "Mitmachmassenmord" ist keine Wörtschöpfung, die funktioniert.

Ich finde es anmaßend, zu glauben, man könne diese Tat sich selbst und anderen erklären.

Das Scheitern der Erklärung

Omar Mateen hat inzwischen seinen eigenen Eintrag bei Wikipedia, der ihn als „domestic islamic terrorist“ beschreibt, also als einen „einheimischen islamistischen Terroristen“. Und das ist auch die Interpretation, die in der Öffentlichkeit weitgehend akzeptiert und verbreitet wird. Barack Obama hat es ähnlich formuliert, als er von „homegrown extremism“ gesprochen hat. All diese Interpretationen sind nicht falsch. Aber trotzdem greifen sie allesamt zu kurz. Keine davon kann erklären, warum ein junger Mann, der in den USA aufgewachsen ist, dem es offensichtlich wirtschaftlich nicht allzu schlecht ging, der in gewisser Weise ein Teil der „liberalen“ amerikanischen Kultur war, der Alkohol getrunken und seine (bisher nur wahrscheinliche) Homosexualität unter anderem in eben jenem Pulse Club, sowie auf Dating Portalen ausgelebt hat, in „seinem Club“ 49 Menschen tötet und über 50 verletzt.

Das ist das Problem mit all den Erklärungen. Sie scheitern daran, die Tat zu erklären, weil sie sich nur auf Teilaspekte der Situation des Täters konzentrieren. Sie müssen scheitern, weil niemand die Situation in Gänze erfassen kann. Der Täter ist tot, man kann ihn nicht mehr fragen. Aber selbst wenn man das könnte, wäre nicht sicher gestellt, dass man diese Tat erklären könnte. Ich habe all diese Kommentare gelesen und bin kein bisschen schlauer. Die Erklärung dieser Tat ist gescheitert. So wie auch die Tat von Anders Breivik keine wirkliche Erklärung hat. Das Verlangen nach einer Erklärung ist menschlich, aber irrational und am Ende irrelevant. Weil jede Erklärung gleichzeitig richtig und falsch ist.

Jeder Erklärungsversuch sagt mehr über unsere Gesellschaft, als über die Tat von Orlando.

Wir können es nicht wissen

Mit dieser Unsicherheit werden wir leben müssen: Es gibt kein Muster, das solche Taten erklärt. Selbst wenn das behauptet wird. Am wenigsten kann man solche Taten mit islamistischem Fanatismus und der Radikalisierung im Internet erklären. Ich hatte es bereits erwähnt: Obwohl ich die Analysen von Sascha Lobo eigentlich schätze, halte ich seine Analyse zu diesem Ereignis bestenfalls für naiv. Ich habe seine Kolumne als eine Kinderversion des Artikels von Yassin Musharbash bezeichnet, auf den sich Sascha Lobo explizit bezieht. Der Artikel von Yassin Musharbash ist aber weitaus differenzierter und macht eben nicht den Fehler, die Tat final erklären zu wollen. Musharbash sagt zwar, dass der IS es geschafft habe, „mit seiner Propaganda ein mörderisches Reservoir anzuzapfen“, schränkt das dann aber ein, indem er sagt, dass Menschen wie Omar Mateen „vermutlich mehr Persönlichkeitsmerkmale mit Amokläufern ohne extremistischen Hintergrund teilen als mit jenen islamistischen Attentätern, die wir bisher kennen.“ Er bezeichnet Menschen wie Omar Mateen als „Ich-AG“ des Terrors und als „Selbstrekrutierer“. Ja, der IS hat etwas damit zu tun, aber er war wahrscheinlich nicht zentral in der Gedankenwelt von Omar Mateen. Es ist schwer zu glauben, dass jemand der sowohl mit dem IS als auch Al Qaida und der Hisbollah sympathisierte, ein geschlossen islamistisches Weltbild hatte. Es ist möglich, aber weil Mateen tot ist, werden wir das nicht wirklich klären können.

Das Scheitern der „Gesellschaft“

Wir sollten uns selbst fragen, wie es möglich ist, dass es in modernen, offenen Gesellschaften, für manche Menschen nötig ist, Halt in extremistischen, menschenverachtenden Ideologien zu suchen. Ich beziehe das nicht nur auf „Islamisten“ oder religiöse Fanatiker. Wir müssen uns doch auch fragen, wie es sein kann, dass selbst Menschen, die in unserem Land geboren wurden, dazu kommen, diese Gesellschaft rigoros abzulehnen. Wie kommen diese Menschen dazu, dieses Land, unsere Verfassung, die ihnen garantiert, ihre Meinung sagen zu können und frei zu leben, zu bekämpfen?

Verrät uns das nicht mehr über uns autochthone Bürger als über die Zugewanderten? Denn es gibt ja keine Alternative, oder? Wenn die Verfassung in Teilen Deutschlands von Deutschen mit Füßen getreten wird und wir es nicht mal schaffen, eine Gesellschaft zu etablieren, die die Verwirrten aus ihren eigenen Reihen auffangen kann, dann wird es schwierig, die Schuld bei anderen zu suchen. Wenn wir die Autochthonen nicht davon überzeugen können, dass unsere Verfassung eigentlich sehr gut ist, wie sollen wir dann Zuwanderer integrieren und sie davon überzeugen? Immer vorausgesetzt, die Zuwanderer wüssten unsere Verfassung nicht zu schätzen. Ich bezweifele das.

Diskriminierung

Omar Mateen war kein Zuwanderer im engeren Sinne, er wurde in Amerika geboren, als Sohn pakistanischer Eltern. Trotzdem scheint es, dass er kein Amerikaner war. Die amerikanische Gesellschaft hat ihn nicht als Amerikaner akzeptiert, seine Eltern haben ihn nicht als Amerikaner gesehen und zuletzt konnte er sich selbst nicht als Amerikaner sehen.

Das war doch wohl auch ein Faktor im Leben des Omar Mateen. Er wurde von der amerikanischen Gesellschaft nie als „echter“ Amerikaner akzeptiert. Weil er ein Muslim war? Wenn er selber homosexuell war, sein Vater homophob, er von der Gesellschaft nicht als Amerikaner anerkannt wurde und einen Hang zu Jähzorn und Gewalt hatte, dann kann man sich auch ohne irgendeinen Hinweis auf Religion vorstellen, dass diese Situation Stoff für ein Drama“ ist. Das ist einfach eine fatale“ Situation, da braucht es nicht einmal religiösen Fanatismus.

Eine Gesellschaft, die solche Situationen nicht auffangen oder abmildern kann, hat dann eben auch ein Problem. Und das Problem dürfte in Amerika größer sein als in Europa. Psychisch gestörte Menschen müssen ihre Behandlungskosten selber bezahlen. Wer kann das schon, wenn er nicht versichert ist? Eine Behandlung kostet viel Geld. Ein halbautomatisches Sturmgewehr kostet nicht mehr als 500 Dollar. Eine Handfeuerwaffe, wie die Glock, die der Täter verwendet hat, kostet weniger als 400 Dollar. Das ist das Scheitern der Gesellschaft. Naja, sagen wir eine bedrohliche Schieflage der Gesellschaft. Nein, sagen wir „das ist Bullshit“.

Das Scheitern der Schlüsse

Die Tat von Orlando hat eben mehr mit anderen Amokläufen gemein, als mit den Anschlägen In Paris oder Brüssel, denn in diesem Fall ist eben nicht so klar, ob der Täter den Pulse Club aufgrund eines islamistischen Fanatismus ausgewählt hat oder aufgrund seiner ganz persönlichen Geschichte als homosexueller Muslim, der dem homophoben Hass seines Vaters und dem Rassismus oder der Intoleranz der christlich fundamentalen amerikanischen Gesellschaft ausgesetzt war.

Ich weiß es nicht, das das ist das Scheitern der Gesellschaft und das Scheitern der Erklärung für solche Taten. Damit werden wir leben müssen. Wichtiger ist aber, welche Lehren wir aus solchen Ereignissen ziehen.

Das Muster ist die persönliche, soziale und wirtschaftliche Situation der Täter. Das Muster wird man eher mit psychologischen Ansätzen als mit „essenziellen Funktionsweisen von extremististschen Netzwerken“ erkennen. Dass Religion dabei eine Rolle spielt oder spielen kann ist keine Frage, aber die Rolle ist alles andere als klar.

Orlando sollte uns an unsere Verantwortung erinnern und daran, wie unsere Schlüsse daraus unsere Gesellschaft am Ende zerstören könnten. Orlando ist bisher nichts weiter als ein Symbol für das Scheitern. Die Frage ist nicht, wie es dazu kommen konnte, das wird nie abschließend geklärt werden können. Die Frage ist, was wir daraus lernen.

22:55 17.06.2016
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.

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