Warum die Fußball-EM ein Segen ist

Patriotismus Die Fußball-EM ist eine Metapher auf Europa und sie ist nationalistisch. Aber sie fördert nicht Fremdenfeindlichkeit, sondern Gemeinsamkeiten
Bei diesem Beitrag handelt es sich um ein Blog aus der Freitag-Community

Eingebetteter Medieninhalt

Die Kritiker der EM tun Europa, der EU und dem Fußball keinen Gefallen. Wer die deutsche Nationalflagge schwenkt, zündet keine Flüchtlingsheime an.

Party-Patriotismus“

Kaum hatte die Fußball-EM begonnen, da konnte man schon wieder lesen, „der fröhliche Fahnenappell im und ums Stadion hat seine Schattenseiten.“ Wer aber brennende Flüchtlingsheime und die deutsche Nationalflagge bei der EM in einen Zusammenhang setzt, macht einen Fehler: Er übersieht die Reichskriegsflagge.

Nur weil Björn Höcke die deutsche Nationalflagge im Oktober 2015 in der Talkshow von Günther Jauch missbraucht hat, um von Deutschlands tausendjähriger Zukunft zu fabulieren, bedeutet das eben nicht, dass das Sommermärchen zur Gruselgeschichte wird. Die deutsche Nationalflagge steht nicht für die Werte, die Alexander Gauland und Björn Höcke vertreten.

Eine Studie der Universität Bielefeld, für die regelmäßig 2000 Personen befragt werden, kommt laut einem Artikel der Süddeutschen im wesentlichen zu zwei Erkenntnissen: Nationalstolz führe im Gegensatz zu einem „differenzierten, patriotischen Stolz auf die Demokratie und den Sozialstaat“, welcher niedrigere Fremdenfeindlichkeit zur Folge habe, zu Fremdgruppenabwertung. Und die Befragten seien nach der WM im Jahr 2014 nationalistischer eingestellt gewesen. Zu ähnlichen Ergebnissen kommt die Studie nach der WM 2006.

Führt das zu Fremdenfeindlichkeit?

All das mag zwar zutreffend sein, aber ich frage mich, ob die Ergebnisse dieser Studien wirklich relevant sind: zum einen kommen andere Studien zu dem Ergebnis, dass rechtsextreme Einstellungen seit 2002 rückläufig sind, zum anderen halte ich es für ein wenig „realitätsfern“, das Schwenken der deutschen Nationalflaggen bei sportlichen Großereignissen mit Fremdenfeindlichkeit in einen Kontext zu stellen (geschweige denn mit brenenden Flüchtlingsheimen), während wir täglich dabei zusehen, wie in Dresden und anderen Städten die Wirmer-Flagge missbraucht wird und deutsche Hooligans in Frankreich ganz offen mit der Reichskriegsflagge posieren. Ich denke, da sollte doch mal jeder seine Einstellung überprüfen und sich fragen, wieviel Appeasement gegenüber den Extremisten sinnvoll ist.

Abgesehen davon gibt es doch auch keine statistische Korrelation zwischen sportlichen Großereignissen und fremdenfeindlicher Gewalt. So eine Studie habe ich noch nicht gesehen. Was kann man also an den Studien zum Nationalismus im Zusammenhang mit sportlichen Großereignissen wirklich ablesen? Wenn es wirklich die Erkenntis ist, dass eine Fußball-EM oder WM Deutschland fremdenfeindlicher macht, was soll denn dann die Konsequenz daraus sein? Spielen wir nicht mehr mit? Oder ist es wirklich damit getan, dass wir das Schwenken von Nationalflaggen verbieten?

Weite Teile Deutschland sind jetzt, nach zehn Tagen WM, immer noch „unbeflaggt“, wie Markus Feldenkirchen im Spiegel (25/2016) schreibt. Und das, obwohl Nationalismus und Patriotismus doch gerade dank Pegida und AfD im Trend lägen. Aber auch ich kann nicht feststellen, dass bei Toren von „Biodeutschen“ lauter gejubelt wird, als bei Toren von Mustafi, Gomez oder Khedira. Zumal sich die „Biodeutschen“ in der Nationalmannschaft beim Toreschießen bisher zurückgehalten haben. Und das ist doch eine wichtige Erkenntnis: Die Herkunft zählt eben nicht mehr. Die Stars der Nationalmannschaft heißen Özil, Khedira und Gomez. Nicht nur in der deutschen Nationalmannschaft, sondern in den meisten Nationalmannschaften aus Mitteleuropa zeigt die Herkunft der Spieler oder ihrer Eltern, dass eben die Herkunft keine Rolle mehr spielt. Das mag in den Köpfen der Gauländer und Höckes nicht ankommen. Die Realität sieht anders aus. Die deutsche Nationalflagge steht nicht für Ausgrenzung, Abschottung und Fremdenfeindlichkeit. Sie wird von der Afd, Pegida und deren Ablegern missbraucht.

Es ist kein Patriotismus

In diesem Widerspruch wird auch der Bruch der AfD und der Pegida mit der Realität offensichtlich: Wenn Mesut Özil auf Instagram ein Foto von seiner Pilgerreise nach Mekka veröffentlicht, dann wird allenfalls noch über die Reaktion der AfD darauf berichtet, aber ansonsten scheint der Islam, dem Mesut Özil folgt, kein Problem für irgendwen dar zu stellen. Von extremistischen Ansichten oder wiederholten, offenen Gesetzesbrüchen aus dem Kreis der Nationalmannschaftsspieler habe ich jedenfalls noch nichts gehört. Während auf der anderen Seite diverse AfD- und Pegidamitglieder im Fokus der Behörden stehen: nicht nur Alexander Gauland, der offensichtlich ein notorischer Falschparker und Verkehrsrowdy ist. Und wenn da schon seine charakterliche Eignung zum Führen eines KFZ überprüft werden muss, frage ich mich, wie es um seine charakterliche Eignung steht, eine Partei zu führen.

Das politische Problem

Wenn bei der EM in Frankreich bisher irgendwas schief gelaufen ist, dann sind es die Fanausschreitungen in Marseille und Lille. Nationalisten und Nazis aus Russland, England und nicht zuletzt Deutschland zelebrieren Hass und Fremdenfeindlichkeit während sie ein Trikot von Gerald Asamoah tragen. Das ist durchaus bemerkenswert, weil man eben diesen Hooligans eine gewisse Nähe zu antieuropäischen, fremdenfeindlichen Bewegungen nicht absprechen kann. Die Träger der Reichskriegsflagge aus Deutschland bekannten sich freizügig zu Dresden, es waren aber wohl auch Hooligans aus Leipzig vor Ort. Es ist nicht wirklich wahrscheinlich, dass diese Menschen Opfer des „Party-Patriotismus“ waren. Die russischen Hooligans bekamen sogar Rückendeckung von russischen Funktionären, laut Süddeutscher Zeitung gibt es Verbindungen zwischen staatlichen Stellen und russischen Hooligans. Und während die Russen ihre Hooligans gezielt ins Ausland schicken, haben die englischen wohl in den heimischen Stadien einfach keine Möglichkeit mehr, gewalttätig zu, werden und schlagen so gezwungenermaßen im Ausland zu.

Keine dieser Gruppierungen schwenkt die Flaggen oder zeigt die Zeichen, die jetzt so gerne kritisiert werden: die Nationalflaggen. Diese Gruppen zeigen die Reichskriegsflagge und Hakenkreuze. Die Nationalflaggen wären nicht mal das Problem, aber die Rassisten schwenken sie eben nicht einmal. Abgesehen davon, wird die deutsche Nationalflagge an sich nicht zum Problem, wenn sie von Nazis und Rassisten verwendet wird. Vielleicht darf man diesen Kreisen die Flagge dann auch nicht so einfach nicht überlassen, wie es oft gefordert wird. Die Flagge gehört den Demokraten, reklamiert sie endlich!

Patriotismus geht anders

Dass es auch anders geht, zeigen die Fans aus Nordirland, Island, Albanien, Irland und die absolute Mehrheit der Fans aus allen Ländern, die an der EM teilnehmen. Leider geht diese Tatsache oft im Strom der negativen Ereignisse unter. Diese andere EM, die EM des Respekts und der Freundschaft ist aber die Regel, nicht die Ausnahme. Wie toleranter Patriotismus geht, zeigen die die Nordiren hier, hier und hier. Die Iren beweisen es ebenso wie die Albaner. Und so ist diese EM eben doch politisch und zu gleich unpolitisch. Es wäre nur Sport, und wenn man es den echten Fans überlassen würde, wäre es auch nichts anderes. Abgesehen davon, dass man dann den Iren und Isländern den Vorsitz der EU-Komission für den Rest der Bestandszeit der Erde garantieren würde.

Ein Fußballfan hat in seinen schönsten Stunden ständig ein kosmopolitisches Szenario vor Augen“, schreibt Dirk Kurbjuweit im Spiegel (23/2016). Und das bezieht sich nicht nur auf die Iren, Isländer und Albaner. Die Brasilianer sind seit langem in der Bundesliga angekommen, Spieler aus Nordafrika und dem Nahen Osten sind inzwischen keine Ausnahme mehr. Was die Herkunft der Spieler angeht, ist der Fußball mit Sicherheit integrativer als die Gesellschaft im Durchschnitt. In einigen Jahren werden in der Bundesliga vermehrt syrischstämmige Spieler auftauchen. Ja, sie werden durch die Amateurvereine, die Nachwuchsleistungszentren in die Bundesliga finden. Sie werden Tore schießen und nach Mekka pilgern, und Alexander Gauland und Björn Höcke werden vergessen sein.

Die Nationalhymne wird von Muslimen gesungen werden, anders als bei der WM 1974, wo kein Spieler mitgesungen hat. Und die hießen Müller, Netzer, Vogts, Beckenbauer und Maier. Aber da spielten bei der WM auch nur 24 Länder mit. Genauso so viele, wie jetzt bei der EM. Die Welt ist größer geworden seit 1974, aber eines ist sie nicht geworden: schlechter. Deswegen ist es zumindest reaktionär, jetzt Ideale zu propagieren, die in den Sechziger Jahren schon keine Gültigkeit mehr hatten.

Man kann kritisieren, dass das Teilnehmerfeld bei der EM 2016 auf 24 Länder ausgeweitet wurde, sportlich mag das Nachteile haben. Aber es ist ein Segen für Europa. Denn diese WM zeigt, dass es möglich ist, nationalistische Symbole wie die Flaggen, aus den Händen der Extremisten zu nehmen und sie für Demokratie, Respekt und Freundschaft zu reklamieren. Das sollten wir im Hinblick auf Rassisten und Nazis nicht vergessen und das sollten wir uns nicht von den Antinationalen verbieten lassen. Das ist meine Flagge.

Für mich steht die deutsche Nationalflagge für den differenzierten, patriotischen Stolz auf unseren unperfekten Rechtsstaat und unser unperfektes Sozialsystem. Und bei der EM drücke ich für Island die Daumen.

23:01 22.06.2016
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.

Kommentare 9