Raubtiere in der Innenstadt - Strafe Gottes?

Tbilisi Nach starken Überschwemmungen in der georgischen Hauptstadt beginnt das große Aufräumen - und die Frage nach den Ursachen.
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Der Frühsommer in Tbilisi in diesem Jahr ist ungewöhnlich - fast täglich kommt es, nach einem schwül-heißen Tag, am Abend zu starken Gewittern über der Stadt. Einheimische erzählen, dass es im Juni normalerweise kaum regnet - "I guess that's climate change", meinte zuletzt eine Freundin. Dieses Wochenende allerdings übertraf alles bisher dagewesene: In der Nacht vom 13. auf den 14. Juni schüttete es stundenlang, dazu Blitze im Sekundentakt und statt Donner nur noch ein ohrenbetäubendes Grundrauschen. Es war klar dass dies nicht spurlos an der Stadt vorbeigehen würde, doch die Nachrichten des nächsten Morgens waren dann doch schockierend.

Georgische Medien berichten von mindestens 8 Toten, dutzenden Vermissten und 40 obdachlosen Familien. Die Vere, ein kleiner Zufluss der Mtkvari, hatte sich in einen reißenden Strom verwandelt, Straßen, Häuser und den städtischen Zoo zerstört. Aus letzterem sind in der Nacht ein Nilpferd, sechs Löwen, sechs Tiger, sieben Bären und dreizehn Wölfe ausgerissen. Während man das Nilpferd inzwischen wieder eingefangen hat, haben sich die anderen Tiere teilweise über die ganze Millionenstadt verteilt. In den sozialen Medien kursieren Berichte, dass aufgefundene Tiere von der Polizei und von Anwohnern erschossen werden. Unbestätigten Meldungen zufolge werden auch Tiere, die betäubt und in die Obhut von Zoowärtern gebracht wurden, erschossen. Begründet werde dies mit dem mangelnden Platz, da weite Teile des Zoos bei dem Unwetter verwüstet wurden.

Während nun, zumindest digital, der Streit darum entbrennt, ob solche Tötungen notwendig sind und viele Menschen aus Angst vor Raubtieren ihre Wohnungen nicht verlassen, suchen Manche nach Erklärungen für das Unglück. Nahe der Vere wurde vor kurzem eine neue breite Verbindungsstraße gebaut, der Fluss teilweise verrohrt. Dadurch hätte der Fluss nach Meinung einiger Kommentatoren gar nicht mehr die Kapazitäten gehabt, mit solchen Wassermassen umzugehen. Die gerade erst begonnene Diskussion wirft ein Schlaglicht auf die Stadtpolitik in Tbilisi. Ein unkontrollierter Bauboom führt hier in den letzten Jahren zu sozialen, kulturellen und ökologischen Verwerfungen. In meist billiger Bauweise werden überall mehrstöckige Wohn- und Geschäftkomplexe errichtet, kleinere Häuser, Grünflächen und architektonisch wertvolle Gebäude aus der Sowjetzeit müssen weichen. Die jetzigen Ereignisse könnten den inzwischen lauter werdenden Widerstand dagegen zusätzlich anheizen.

Eine andere Erklärung für das Unglück hat der Patriarch der georgischen orthodoxen Kirche, Ilia II., seines Zeichens Abtreibungs- und Homosexuellengegner sowie der "most trusted man in Georgia": Der Zoo sei in sowjetischer Zeit mit Mitteln errichtet worden, die man aus dem Einschmelzen von Kirchenglocken gewonnen habe. An seinem jetzigen Standort sei der Zoo somit auf Sünde erbaut, und auf Sünde folge bekanntlich Strafe.

15:58 14.06.2015
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Geschrieben von

Steffen Kolberg

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