Zwischen Antifa und Andrea Berg

Halle Die Gedenkdemonstration für die Opfer und Betroffenen des rechtsterroristischen Anschlags in Halle könnte als Musterbeispiel für Lehren aus dem NSU-Komplex dienen
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Zwischen Antifa und Andrea Berg
Die antirassistische Bewegung in Halle hat verstanden, wie angemessenes und solidarisches Gedenken funktionieren kann

Foto: imago images/Lutz Winkler

Antifa und Andrea Berg, Rojava und HFC - wie passt das zusammen? Was erst einmal komisch klingt, kann als Musterbeispiel für eine Lehre aus dem NSU-Komplex bezeichnet werden.

Nachdem am vergangenen Mittwoch ein Rechtsterrorist in Halle beim Anschlag auf eine Synagoge und einen Imbiss zwei Menschen ermordete und auf seiner Flucht zwei weitere schwer verletzte, versammelten sich am Montag erneut viele Hallenser*innen um den Opfern und deren Angehörigen, sowie den Betroffenen zu gedenken und sich mit ihnen solidarisch zu zeigen. 2000 Menschen nahmen dafür an einer vom lokalen antifaschistischen Bündnis „Halle gegen Rechts“ organisierten Demonstration teil. Die Betroffenen des angegriffenen Kiez-Döners organisierten die Demonstration mit und trugen das Fronttransparent. Einer der Mitarbeiter des Imbiss bedankte sich in einer Rede vor dem Tatort stellvertretend für die Solidarität und gedachte der beiden Opfer Jana L. und Kevin S. Letzterer fiel dem Attentäter im Imbiss zum Opfer, während er dort seine Mittagspause verbrachte.

Einige seiner Freund*innen und Fußballgefährt*innen nahmen ebenfalls an der Demonstration teil und hatten sich zudem in Gedenken an Kevin das Abspielen der Hymne des Halleschen FC gewünscht – denn Kevin war zu Lebzeiten glühender Fußballfan. Diesem Wunsch kam die Demo-Moderation auf Bitten der Freunde von Kevin gleich zweimal nach, da die Teilnehmenden am Ende des ungewöhnlich langen Demozuges die Hymne beim ersten Abspielen nicht gehört hatten. Alles andere als eine Selbstverständlichkeit, da in Halle im Vergleich zu anderen Städten keinesfalls von einer Symbiose zwischen der Fankultur des größten Fußballclubs der Stadt und antifaschistischen Akteuren gesprochen werden kann – nicht zuletzt aufgrund der rechten Einstellung von Teilen der HFC-Fanszene wie etwa der Ultragruppe „Saalefront“.

Auch für Jana L. wurde während der Demonstration ein Lied abgespielt. Jana war leidenschaftlicher Schlagerfan und in der Schlagerszene über die halleschen Stadtgrenzen hinaus als fleißige Autogrammsammlerin sowohl bei anderen Fans als auch bei Schlagerstars bekannt und beliebt. So kam es dazu, dass zu Andrea Bergs „Und wenn ich geh“ Antifa-Fahnen und Flaggen der kurdischen Volksverteidigungskräfte YPG aus Rojava geschwenkt wurden. Denn auch die kurdische Community aus Halle hatte sich explizit an der Gedenkdemonstration beteiligt, um ein Zeichen gegen Antisemitismus und Rassismus zu setzen. Ein Zeichen großer Solidarität, kämpfen die syrischen Kurden doch zurzeit selbst gegen den Einmarsch der Regierung Erdoğans, der am gleichen Tag des Anschlags von Halle den Krieg gegen Rojava begann. Auch hier zeigt sich wieder einmal, dass der Kampf gegen den Faschismus international geführt werden muss.

Am Ende der Demonstration wurde von den Organisator*innen zu Spenden für den angegriffenen Kiez-Döner aufgerufen, um das Geschäft vor dem finanziellen Ruin zu bewahren, denn der Laden ist aufgrund der polizeilichen Ermittlungen auf unbestimmte Zeit geschlossen. Während die Einnahmen momentan also ausbleiben, laufen die Kosten für Miete, Strom, Gas und Lieferungen jedoch weiter. Diesem Aufruf kamen die Teilnehmenden der Demonstration auch in großer Zahl nach. Dass die Demonstration schon am Kiez-Döner endete und nicht noch zum ersten Anschlagsziel, der Synagoge, weiterzog, geschah aus Respekt vor dem Wunsch der jüdischen Gemeinde Ruhe für Gebete und Gedenken zu haben. Als Zeichen der Solidarität mit der jüdischen Gemeinde wurde das Lied „Shalom Chavarim“ gespielt.

Auch wenn die Tat von Halle in ihrer Form nicht mit den klandestinen Morden des NSU verglichen werden kann und im Gegensatz zu diesen die Hintergründe der Tat für jeden sofort ersichtlich waren: Anders als bei den Taten des NSU wurde sich innerhalb von Tagen mit den Angehörigen und Betroffenen vernetzt. Teile der Betroffenen organisierten die Demonstration selbst mit und waren und sind somit nicht nur Thema des Gedenkens, sondern wichtiger Akteur. In Halle haben sich Betroffene aus der migrantischen Community mit den vorwiegend weißen antirassistischen und antifaschistischen Initiativen aus Halle verbunden. Das Gedenken an die beiden Todesopfer war dabei zentrales Anliegen, ihre Lieder und Geschichten standen im Fokus. Dies war nicht nur ein Anliegen der antirassistischen Initiativen, sondern Betroffene forderten Gedenken und Solidarität selbstbewusst ein.

Die Symbiose der Initiativen mit den Betroffenen zeigt, dass die antirassistische Bewegung in Halle verstanden hat, wie angemessenes und solidarisches Gedenken funktionieren kann. Das zeigte sich auch auf der gestrigen Demonstration in Halle: Anstatt immer wiederkehrender, oft routiniert wirkender Redebeiträge wie man sie von deutschen Demonstrationen kennt, standen in Halle die Opferperspektive und das Gedenken im Mittelpunkt. Angesichts des Umstandes, dass Halle kein Alarmzeichen war, sondern vielmehr ein weiteres grausames Zeichen deutscher Normalität im Jahr 2019, kann die Reaktion auf den Terror in Halle als Beispiel für solidarisches Gedenken und die tatsächliche Unteilbarkeit von Menschen dienen. Damit ist der Rechtsruck zwar nicht aufgehalten, dennoch wurde ein angemessener Raum für Trauer und Anteilnahme geschaffen, sowie ein Ort um sich seiner Stärke und gegenseitigen Solidarität bewusst zu werden. Letztlich zeigt sich, dass Initiativen wie das NSU-Tribunal, welches 2017 in Köln erstmals ausgetragen wurde, in der Linken durchaus ihre Spuren hinterlassen haben. Denn nicht zuletzt dort wurde als Reaktion auf die Blindheit der Linken in Bezug auf die Terrorserie des NSU, die Forderung nach einer stärkeren Einbeziehung der Opferperspektive formuliert.

Autoren: Stefanos Kontovitsis & Julian May-Johann

15:17 14.10.2019
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