Django ungefiltert

Festival Bei den Festspielen von Toronto geht das meiste Aufsehen an Steve McQueens Sklaverei-Film „12 Years a Slave“
Ausgabe 38/2013
Chiwetel Ejiofor als Solomon Northup, der 1841 aus dem US-Bundesstaat New York in den US-amerikanischen Süden entführt wird
Chiwetel Ejiofor als Solomon Northup, der 1841 aus dem US-Bundesstaat New York in den US-amerikanischen Süden entführt wird

Foto: Screenshot, Youtube

Das Filmfestival von Toronto gibt sich gerne ein wenig lockerer. Es existiert keine Sektion, in der Filme um einen großen Hauptpreis konkurrieren, und sperriges Autorenkino findet man ein wenig versteckt in den Nebenreihen. Dort allerdings darf es dann richtig campy zugehen, eine Sektion wie die blutige „Midnight Madness“ sucht man in Cannes oder Berlin vergeblich.

In den prominenteren Reihen allerdings dominiert typisches „Middlebrow“-Kino, das nach klassischen Erzählmustern gebaut ist, in dem es um Identifikation, Repräsentation und emotionale Manipulation geht, das dabei aber allemal anspruchsvoll genug ist für die US-amerikanische Oscar-Saison. Ben Afflecks Film Argo, 2013 zum besten Film prämiert, hatte in Toronto im vergangenen Jahr seine Weltpremiere, und alle fünf Kandidaten für den besten fremdsprachigen Film waren seinerzeit ebenfalls in Toronto zu sehen.

Womöglich hofft also Idris Elba auf Auszeichnung für seine Hauptrolle in Mandela – Long Walk to Freedom. Auch in Momenten des Zweifels, der Einsamkeit, der Gefangenschaft lässt er in dem Biopic über den südafrikanischen Freiheitskämpfer grimmige Entschlossenheit aufblitzen. Damit zeigt Elba unfreiwillig, dass diese Geschichte, basierend auf Mandelas Autobiografie, eben nur im Rückblick auf das Geschehene, in der Gewissheit des guten Ausgangs, so erzählt werden kann. Bei Regisseur Justin Chadwick geschieht das seltsam gehetzt, konventionell und mit einer gehörigen Prise Ethno-Kitsch.

Am meisten Aufsehen bei Kritik und Publikum erregte jedoch der britische Künstler Steve McQueen mit seinem nunmehr dritten Film 12 Years a Slave. Auch dabei handelt es sich um eine Erzählung von Unterdrückung und möglicher Emanzipation nach einer wahren Geschichte. Chiwetel Ejiofor spielt Solomon Northup, der 1841 aus dem US-Bundesstaat New York in den US-amerikanischen Süden entführt wird, wo Sklaverei noch erlaubt ist. Er erlebt Herren, die ihren Sklaven einen Rest Menschlichkeit zugestehen, aber er landet schließlich beim unberechenbaren, von Trieb und Macht gesteuerten Edwin Epps.

Diesen Epps spielt Michael Fassbender, der für McQueen in Hunger und Shame schon die Körperlichkeit mit all ihren Süchten, Nöten und Grenzen erkundete. Als – wenn es das geben kann – irgendwie lehrreichen und notwendigen Schock empfanden viele Festivalbesucher die Gewalt, die Northup angetan wird; es gibt Szenen, in denen Sean Bobbitts Kamera gnadenlos draufhält, während Northup mit einem Brett geprügelt wird oder sich auf Zehenspitzen vor der Strangulierung durch den Strick retten muss in einer scheinbar endlos langen Einstellung.

Aber im Bildexzess steckt gerade nicht die Sprengkraft von 12 Years a Slave, sondern paradoxerweise in der mitleidlosen Stabilisierung des Bildaufbaus, die sich von Folter und Leid nicht aus der Symmetrie bringen lässt. Das tatsächlich Schockierende in der geschilderten Szene ist weniger Northups Tortur als all die Verrichtungen, denen seine verschüchterten Leidensgenossen im Hintergrund scheinbar ungerührt nachgehen. Patsey (Lupita Nyong’o), eine Sklavin, auf die Epps Ehefrau aus guten Gründen eifersüchtig ist, wird bei einem grotesken Schautanz im Salon mit einer Vase ausgeknockt, und als Northup schließlich zurück in die Freiheit fährt, hört man einen Seufzer und meint, sie zusammenbrechen gesehen zu haben. All das geschieht am Rande des Bildes, weit weg vom scharfgestellten Bereich.

Funktioniert so ein tatsächlich politisches Kino? Eins, in dem in solchen Momenten die Sinneswahrnehmung zur Reflektion anregt, zu etwas Produktivem also, das übers reine Schockiertwerden hinausgeht? Dafür mag McQueens Arbeit an anderen Stellen zu geleckt sein, immer noch zu sehr dem unsichtbaren Schnitt verpflichtet und dem Versuch, die Erzählinstanz verschwinden zu lassen. Dennoch gehörten die stärksten Szenen dieses Films zu den stärksten des ganzen Festivals.

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