In-the-Air-Kino

Bordprogramm Die Tage des Overheadbildschirms sind gezählt. Wer fliegt, wählt seine Filme selbst. Zum Stand der Produktentwicklung

Die Pinguine haben bekanntlich überlebt. 2008 legten sie eine spektakuläre Bruchlandung auf dem afrikanischen Kontinent hin, ihr hastig zusammengezimmertes Holzflugzeug hing hernach in Splittern, die anderen Tiere an Bord konnten das Wrack zitternd und japsend, aber unverletzt verlassen.

So etwas gibt es nur im Animationsfilm. Madagascar 2 hieß die Geschichte mit dem bösen Crash, ein veritabler Erfolg an den Kinokassen, sechs Millionen Zuschauer haben den Film allein in Deutschland gesehen. Ein Auswertungsweg blieb dem Publikumsliebling allerdings versperrt: An Bord einer großen deutschen Fluggesellschaft wurde Madagascar 2 nicht gezeigt, den Verantwortlichen schien es zu heikel, die Passagiere mit einem – wenn auch nur computeranimierten – Absturz zu konfrontieren.

Das mag einem auch vor fünf Jahren schon ein wenig kurios vorgekommen sein. Seither hat sich die Mediennutzung auf der Erde durch Streamingdienste, Mediatheken und binge watching ganzer Serienstaffeln am Stück weiter individualisiert, gleichzeitig haben Torwächter wie das Fernsehen, die über die Verbreitung von Inhalten bestimmen, an Bedeutung verloren. Liegt es da nicht nahe, zu vermuten: Wer daheim schon Programmchef ist, der hätte diese Position gerne auch über den Wolken inne?

Das Wettrennen mit der Produktentwicklung für Endnutzer können Fluggesellschaften ohnehin nicht gewinnen. Jedes Hardware-Update für Geräte im Flugzeug ist aufwendig und kostspielig, nicht zuletzt durch die Standzeit der aufzurüstenden Maschinen, die keine Passagiere befördern können, während ihnen neue Monitore eingeschraubt und Kabel verlegt werden. Dennoch werden die Entertainmentsysteme regelmäßig aktualisiert.

Die klassischen Overheadbildschirme, die für verrenkte Nacken und zusammengekniffene Augen sorgten, sind zumindest bei den großen Linienfluggesellschaften praktisch verschwunden und durch unterschiedliche digitale Systeme ersetzt worden, die den Passagieren die Filmauswahl etwa von einer dicken Festplatte direkt auf den privaten Touchscreen streamen. Rund 300 unterschiedliche Filme und Fernsehproduktionen bietet die Lufthansa auf ihren fortschrittlichsten Systemen, der Konkurrent Emirates, seit Jahren Vorreiter, was die Masse des Angebots betrifft, protzt mit über 1.500 unterschiedlichen Kanälen – wobei hier Musik und Games schon eingerechnet sind.

Ohne Steven Spielberg

Sichtung, Bewertung und Lizenzierung der riesigen Auswahl übernehmen Agenturen wie Inflight Productions, IFE Services oder Spafax; für letztere betreut Helmut Lauerbach die Gesellschaften der Lufthansa-Gruppe. Lauerbach ist seit 20 Jahren in der Branche tätig und hat von der VHS-Kassette bis zur MP4-Datei nicht nur die logistischen Herausforderungen unterschiedlicher Trägermedien kennengelernt, sondern auch die Auswirkungen, die der technische Fortschritt auf die Programmauswahl hat: „Durch das große Angebot ist die Entscheidung heute mehr denn je in die Hände der Passagiere gelegt.“

Dies bedeutet zum einen, dass auch im Flugzeug einige TV-Serien bereits in Staffellänge verfügbar sind, darunter, je nach Airline, durchaus Hochkaräter wie Game of Thrones. Zum anderen fallen allmählich die inhaltlichen Tabus: Je individueller sich das Programm zusammenstellen lässt, desto weniger zwingend ist die verallgemeinernde Rücksichtnahme auf ebenso individuelle Empfindlichkeiten. Horrorstoffe, Nacktheit, Ballerszenen – vermutlich würden heute auch abstürzende Pinguine ihren Weg auf den Sitzbildschirm finden. Gute Nachrichten für die Fans von Regisseuren wie Steven Spielberg, der seit je Änderungen an seinen Arbeiten für die Airline-Auswertung untersagt. Dennoch wurden die Abteilungen, die bei den großen Hollywoodstudios eigens damit beschäftigt sind, einen Film für die Aufführung im Flugzeug tauglich zu schneiden, noch nicht aufgelöst. „Vorsichtig ist man etwa noch bei Stoffen, die politisch oder religiös kontrovers sind“, sagt Helmut Lauerbach.

Mit mobilem Endgerät

Grenzen setzen der Vielfalt – neben den jeweiligen Auswahlschwerpunkten der Fluggesellschaften – noch die Lizenzgebühren und die Speicherkapazitäten. Aktuelle Systeme bringen das ganze Unterhaltungsangebot bereits auf einer SD-Karte unter, die in jedem Bildschirm steckt. Das erspart das Gewicht der Kabel und beugt der Gefahr vor, dass besonders populäre Programme, die gleichzeitig an vielen Sitzen abgerufen werden, die Übertragungswege überlasten.

In der Testphase befindet sich schon die Verteilung der Programme durch ein drahtloses Netzwerk innerhalb des Flugzeugs, was der Tatsache Rechnung trägt, dass viele Passagiere ihre mobilen Endgeräte ohnehin mit an Bord nehmen und seit einigen Monaten bei vielen Airlines auch angestellt lassen dürfen. Die Schwierigkeiten, die sich hieraus ergeben, sind allerdings nicht unbedingt technische: Angesichts von Inhalten, die sich aus der geschützten, physisch abgeschlossenen Flugzeugumgebung nach draußen tragen lassen, sind die Filmstudios skeptisch.

Tim Slagman ist für die im Text erwähnte Agentur Spafax als freier Übersetzer tätig

06:00 18.06.2014
Geschrieben von

Tim Slagman

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