Sex gleich Tod

Horror David Robert Mitchell spielt in „It Follows“ originell mit den Standards des Genres
Ausgabe 28/2015

Irgendwo in Amerika, Hausnummer 1492: Ein Mädchen im Teenager-Alter läuft schreiend über den Suburbia-Vorgarten auf die nächtliche Straße, dreht dort eine Runde, die lächerlich erscheinen würde, wirkte nicht gleichzeitig ihre Todesangst so real. Sie braust im Wagen der Eltern davon bis zum Strand und ruft von dort noch einmal zu Hause an. Den Morgen wird sie nicht mehr erleben.

David Robert Mitchell braucht nur Sekunden in seinem zweiten Film It Follows, um seine Erzählung auf die Essenz des scheinbar so grund- wie ziellosen Entsetzens zu komprimieren. Ohne Exposition – die folgt später –, ohne Bild des Grauens. Die vollständige suspension of disbelief: Wer so laut schreit und so jämmerlich wimmert, dem ist zu glauben. Identifikation erzwingt sich im Modus der Hysterie.

Und natürlich in der Vereinbarung zwischen Produzent und Zuschauer, die Genre heißt. Egal, diese Eröffnung ist eine meisterhafte Fingerübung und gleichzeitig Teil einer der zahlreichen, höchst produktiven Paradoxien, die das Horrorstück It Follows zu einer faszinierenden Mischung aus Insidergag und Zeitkommentar, aus Angstspektakel und Verfallspoesie machen.

Vor einer gigantischen Hochhausruine schlafen Hugh (Jake Weary) und Jay (Maika Monroe) zum ersten und zum letzten Mal miteinander, im Auto. Danach betäubt er sie, fesselt sie an einen Stuhl und schleift sie ins Gebäude. Keine Fenster, nicht einmal mehr Wände, ein großartiger Rundumblick. Vermeide von nun an Orte mit nur einem Ausgang, warnt Hugh. Etwas verfolgt dich. Es ist sehr langsam, aber nicht dumm. Wenn es dich tötet, wird es wieder Jagd auf mich machen.

Vielleicht ist schon diese Konstellation ein Metakommentar zum Horrorfilm: Das Kino zwingt dich zu sehen. Bald geht tatsächlich eine nackte Frau von irgendwo heran. Im letzten Moment packt Hugh sein Opfer, das er nun von der Bedrohung überzeugt hat, und lädt es zu Hause ab. Er hat Jay infiziert – und diese erzählerische Volte überdreht eines der meistkritisierten Motive des Slasher-Films vor allem der 80er Jahre, bei dem auf den Sex mit ziemlicher Sicherheit der Tod zu folgen hatte.

Paranoia und Affekt

Diesem Diskurs versucht Regisseur Mitchell sich mit blanker Dreistigkeit zu entziehen: Wer behaupten muss, Sexualität sei hier schuldbeladen, der weist auch hin und wieder darauf hin, dass das Gras nun mal grün ist. Ohnehin steckt in dem Film viel Genre-Zitat, viel referenzielle Hermetik, viel Kino aus dem Geiste des Kinos – und doch viel mehr.

Schon die Musik von Disasterpeace klingt mal nach den Keyboard-Läufen der Band Goblin, die viel für den italienischen Regisseur Dario Argento komponiert hat, und treibt sonst mit einem reichlich gnadenlosen, am Industrial-Sound orientierten Kratzen, Wummern, Hämmern das an, was sich im Visuellen nur allmählich entfaltet. Wer geht nur irgendwie durchs Bild, und wer geht wirklich zu auf Jay?

David Robert Mitchell vermengt sehr konzentriert und konsequent Paranoia und Affekt: Stillstand ist der Tod. Doch in der andauernden Flucht, die Jay mit ihren Freunden unternimmt, überschlagen einander nicht nur teenage angst und mörderische Bedrohung und enttäuschte Liebe. Von der Vorstadt über die verblassten Schildermeere des Zentrums bis hin in die heruntergekommenen Randbezirke konkretisiert sich allmählich das Bild einer Gesellschaft, die vor sich hin verrottet, die ständig unterwegs ist und doch nie zu sich selbst oder zum anderen kommt.

Wie schon Mitchells Erstling The Myth of the American Sleepover (2010) spielt dieser Film in Wahrheit keineswegs irgendwo in Amerika, sondern in Detroit, das längst – prominent etwa in Jim Jarmuschs Film Only Lovers Left Alive – zur Chiffre eines höchst untoten Industriezeitalters geworden ist. Es ist deshalb auch kein simpler Retro-Chic, wenn die Jugendlichen hier mal auf seltsam muschelförmigen Gadgets Dostojewski lesen und dann wieder zu schnurgebundenen Telefonen greifen. Das Zwischenreich des Erwachsenwerdens weicht in It Follows einer anderen Zeitlosigkeit, bewohnt von den Geistern, die der hyperbeschleunigte Alltag aus den Bahnen des Lebens geworfen hat.

Info

It Follows David Robert Mitchell USA 2014, 100 Minuten

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Geschrieben von

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