Tote Kühe schlachten

Bühne Elfriede Jelinek hat für die Münchner Kammerspiele ein Stück geschrieben: "Die Straße. Die Stadt. Der Überfall". Neu ist an ihrer Persiflage der Modewelt leider nichts
Tote Kühe  schlachten
Benny Claessens (noch Inkognito) als Rudolph Moshammer nebst Sandra Hüllers Beinen

Foto: Julian Röder

Männer in Frauenkleidern – das ist doch immer für einen Lacher gut. Also staksen zu Beginn gleich fünf gestandene Schauspieler auf High Heels über die kleinen Eisbröckchen, mit denen Eva Veronica Born die Bühne der Münchner Kammerspiele bedeckt hat. Davotor und dahinter die Zuschauer, am Rande in einer halboffenen Vitrine drei Bläser, eine Pianistin, ein Keyboarder und eine Gestalt mit Jackett überm Kopf. All das passt natürlich unheimlich gut. Weil Die Straße. Die Stadt. Der Überfall, eine Auftragsarbeit von Elfriede Jelinek für den Regisseur und Intendanten Johan Simons, von Mode, der Luxusmeile Maximilianstraße und von München handelt, und weil das Schauspielhaus mitten auf dieser Straße liegt.

Also sind auch die Schauspieler mittendrin, und die Stadt und die Straße, das seid doch ihr alle. Verstanden. Die Eisbrocken glitzern schön wie Diamanten, aber es ist verdammt schwer, auf ihnen zu gehen und wie kalt, wie furchtbar kalt es dort wohl ist. Auch kapiert. Es mangelt beileibe nicht an existierenden Klischees über die Schickimickis, ihren Stil und ihre Shops.

„Was ist heute angebracht? Was soll an Ihnen angebracht werden?“ Oder: „Diese Stadt ist ja auch nur Fassade.“ Jelinek liebt das Spiel mit derlei Doppelbedeutungen, und natürlich passt auch das unheimlich gut. Weil es ja in der Mode wie in der Sprache um Repräsentation geht, um die Differenz von Zeichen und Bezeichnetem. Es gibt bei ihr, mal wieder, kaum genauer definierbare Figuren, kaum Individualpsychologie – Massenpsychosen allerdings zuhauf – und schon gar keine herkömmlich strukturierte Handlung.

Sandra Hüller trippelt zusammengefaltet in einer riesigen Einkaufstüte aufs Eis. Sie spielt eines dieser lächerlichen und zugleich bemitleidenswerten „fashion victims“, die kaufen und doch nie rankommen an die Models auf den Plakaten: „Es ist eine unendliche Annäherung, die nie ins Sein mündet“, singt sie mit musikalischer Unterstützung aus der Vitrine. Wenn sie davon spricht, wie bei all dem ihr Ich verlöscht, dann kippt ihre Stimme, und sie wedelt so eifrig mit den Händen, als könne sie damit einen alten Zauber beschwören, der ihr Selbst zurückbringt.

Keine Chance. Jelinek breitet ihre Textfläche über die Sprechautomaten aus und deckt damit alle Individualitäten zu. Und auch das passt natürlich unheimlich gut, jedenfalls zu einer sehr konventionellen ideologiekritischen Annäherung an das Thema. Nicht, dass dies niemals lustig wäre: Wo keine Menschen sind, sondern nur Karikaturen, darf ja erst recht herzlich gelacht werden. In Simons’ Inszenierung sind Marc Benjamin und Max Simonischek für den Slapstick zuständig, sie persiflieren mit hilflos überzeichnetem Armgekreise und Beingekicke – ja, was eigentlich? Ausdruckstanz? Das Gestelze der neureichen Tussis im Vuitton-Kostüm?

Später, als die Herren Anzug oder gar Frack angelegt haben, muss Simonischek auf den Pfützen des mittlerweile geschmolzenen Eises ausrutschen. Eine Zeitenwende soll sich da ankündigen: Der Verhüllte aus der Vitrine zieht das Jackett aus, und zum Vorschein kommt Benny Claessens als Rudolph Moshammer, jene x-fach überzeichnete Kunstfigur, in der Stein und Straße Fleisch geworden sind. Oder umgekehrt? Der Überfallene, der Sterbende droht der Straße, sie werde mit ihm gemeinsam untergehen. Das wissen wir natürlich besser. Es ist unheimlich, wie gut Stil und Stil, wie gut Thema und Textfläche zusammenpassen. Genau deshalb sind es aber nur tote Kühe, die Jelinek und Simons schlachten.

Die Straße. Die Stadt. Der Überfall Münchner Kammerspiele, weitere Termine: 3.11.2012, 18.11.2012, 25.11.2012

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16:44 31.10.2012
Geschrieben von

Tim Slagman

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