Das Recht zu leben und das Recht zu sterben

Sterbehilfe Ende diesen Jahres ist die Einführung einer gesetzlichen Reglung zur Sterbehilfe geplant. Dabei wird dem Recht(!) zu sterben noch zu wenig Aufmerksamkeit geschenkt.
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Neulich beriet der Bundestag über ein Gesetz zur Sterbehilfe. Ein heikles Thema. Man muss viele Rechte gegeneinander abwägen. Das Recht auf Selbstbestimmung. Das Recht des Arztes sein Ethos durchzusetzen. Das Recht des Staates eine Produktivkraft nicht zu verlieren. Nur als Beispiele.

Wie auch immer man dazu steht, gibt es zwischen Leben wollen und Sterben wollen noch ein paar Zwischentöne, die weniger Aufmerksamkeit bekommen. Sterben dürfen zum Beispiel.

In meinem letzten Jahr des Medizinstudiums beobachtete ich den Behandlungsverlauf einer alten, gebrechlichen Dame, die weit über achtzig Jahre alt war. Sie hatte einen Schlaganfall erlitten und war vom Notarzt tot in einer vollgemüllten Wohnung gefunden worden. Tot aber nur für jene, die den Notarzt nicht kannten. Der nutze nämlich -während sein Assistent bereits den Totenschein ausfüllte- die Zeit, um mit all seiner medizinischen Expertise die Unglückliche zurück ins Leben zu holen.

So lernte ich sie auf einer der vielen deutschen internisitschen Stationen kennen. Wie üblich reichte der Platz auf dem dafür vorgesehenen Zettel nicht mehr, um alle Diagnosen und Medikamente, die sie bekam, einzutragen, sodass auf der Rückseite weitergeschrieben wurde. Wie mittelüblich hatte sie keinerlei Angehörige, die sie besuchen kamen, war völlig verstört und von Angst erfüllt. Manchmal sagte sie nein und manchmal au. Das war alles, was ich in sechs Wochen von ihr gehört habe.

Diese Zeit verbrachte sie manchmal allein, manchmal mit anderen Sterbenden in Ihrem weißen Zimmer an die Decke starrend. Dabei lag sie weite Teile des Tages in ihren Fäkalien, die mangels Zeit der Schwestern, aber stetiger Produktion nicht regelmäßig entfernt wurden. Dieser Dauerkontakt mit ihren Ausscheidungen führte zu wachsenden, entzündeten Wunden. Aus Druckgeschwüren wurden im Laufe der Zeit richtige Löcher mitten im Körper. Das Zimmer konnte man als normalatmender Mensch auch eigentlich nicht mehr betreten. Wer einmal verfaulenden Menschen gerochen hat, weiß, wovon ich rede.

Die einzige Abwechslung im Tagesablauf der alten Dame waren die Medizinstudenten, die vormittags kamen, um Blut abnehmen zu üben, beziehungsweise um den Behandlungserfolg anhand von Blutwerten zu dokumentieren (das waren die Momente, wo sie statt nein au sagte). Und manchmal öffnete ein Arzt bei der Visite einen Moment die Tür, um reinzuschauen, ob sie noch lebt.

Nach mehr als einem Monat hatte die alte Dame es dann endlich geschafft und war aus diesem kranken System entflohen. Ich glaube jedes Lebewesen hat einen schöneren Tod verdient als in seinen Fäkalien über Wochen zu verfaulen. Ich glaube auch, dass kein Einzelner Schuld daran trägt, dass sich Mechanismen eingespielt haben, die zu einem derartigen Verlauf führen. Ich glaube aber auch, dass man die Welt ein kleines Stück besser machen kann, indem man, wenn für einen Menschen wirklich offensichtlich die Zeit gekommen ist, ihn auch in Frieden ziehen lässt. In diesem Sinne: Lasst uns mehr Menschlichkeit und manchmal etwas weniger Medizin wagen!

14:26 22.05.2015
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