Ein Essay zur Causa Corona

Corona Was trennt und verbindet Maskenmuffel und Corona-Gläubige?
Bei diesem Beitrag handelt es sich um ein Blog aus der Freitag-Community

Jede Analyse der Veränderungen, die der Narrativ einer Pandemie vom Corona-Virus mit sich gebracht hat, muss aufgrund der globalen Skalen hoffnungslos ausufern. Dennoch besitzen wir als Menschen die Fähigkeit und ebenso das essentielle Bedürfnis, uns abstrahierend zu orientieren, auch wenn uns Vorgänge von der Größenordnung her überfordern. Es erscheint sinnvoll, Schlüsselgebiete abzugrenzen und gesondert zu betrachten, auch wenn das Wechselspiel zwischen Krankheitserreger, unserer Reaktion auf ihn und weiterhin alle unsere Reaktionen auf die vorhergehenden Reaktionen sicherlich wohlkonzertiert ablaufen und nicht jeder Teilbereich gesondert vom Rest genau die gleiche Funktion erfüllt wie im integrierten Corona-System.

Drei wichtige Teilbereiche, auf die ich in diesem Text eingehen möchte, sind einige beteiligte innergesellschaftliche Konfliktlinien zwischen abgrenzbaren Subgruppen und langfristige ebenso wie kurzfristige Verschiebungen der Machtbalancen zwischen ihnen. Natürlich muss die Wissenschaft von der Medizin thematisiert werden und welche Kernfragen dort eigentlich strittig sind. Und schließlich wird die politische und wissenschaftliche Kultur in unserer Gesellschaft auch eine kurze Betrachtung finden.

Nach Besprechung der Teilbereiche kann dann versucht werden, die einzelnen Erkenntnisse in eine schlüssige Gesamtperspektive zu reintegrieren.

Zunächst: Die Medizin. Der Kern des Corona-Prozesses, der sich auf eine einfache quantitative Abwägung und eine politische Frage herunterbricht: Wie schwer muss eine Erkrankung sein, um welche Maßnahmen zu rechtfertigen und wer entscheidet darüber? Es gibt natürlich nach weltweiter Berichterstattung und Diskussion ein weites Spektrum von Haltungen, wie das Corona-Virus medizinisch und epidemiologisch zu bewerten ist, aber es kristallisieren sich eigentlich nur zwei zurechnungsfähige Hauptlager heraus, um die sich alle anderen gruppieren. Das erste sieht als primäre menschliche Institution zur Begegnung mikrobiologischer Bedrohungen das Immunsystem, wenigstens auf gesellschaftlicher Ebene und wenigstens solange eine Infektionskrankheit keine starken Ausrottungstendenzen der Menschheit besitzt. Das zweite sieht das Immunsystem eher als primitives und defizitäres biologisches Relikt an und wählt stattdessen als primäre Verteidigungseinrichtung die menschliche Ratio, die Politik und Technologie.

Um diese Polarität arrangiert sich augenscheinlich der Konflikt, was ein wenig merkwürdig erscheint, da es eine logische Synthese aus den beiden Haltungen gibt, der zumindest a priori wahrscheinlich eine Mehrheit der Menschen zustimmen würde: Alles Einfache und Unproblematische übernimmt das Immunsystem. Und überall dort, wo Wissenschaft ein günstiges Aufwand/Nutzen-Verhältnis einer Maßnahme anbieten kann, sollte man sie nutzen.

Manche Menschen haben sehr starke Vorstellungen darüber, wie groß dieser Quotient sein muss, um eine Verhältnismäßigkeit annehmen zu können. Manche theoretisieren sogar darüber, dass jeder maximale Aufwand richtig wäre, wenn es nur irgendeinen Nutzen gibt, was in dieser Denkart meistens in Lebensdauer gemessen wird. Aber im Alltagserleben besteht darüber sicherlich auf der anderen Seite auch eine relativ große Einigkeit, wann ein Eingriff noch verhältnismäßig ist und wann nicht. Vermutlich würde man bei der Verortung des genauen Maßes zwischen den Extremen Nichtstun und Allestun in irgendeinem Graubereich eine Gaußkurve der empfundenen Richtigkeit sehen, deren Übersetzung in gesellschaftspolitische Realität dann Gegenstand einer konstruktiven Diskussion sein könnte.

Jedenfalls besteht medizinisch überhaupt kein relevantes qualitatives Problem, es geht zunächst lediglich um eine quantitative Abwägung, der gerecht zu werden geradezu eine Notwendigkeit für die praktische Lebensfähigkeit eines Menschen ist.

Diese quantitative Frage, wie schwer eine Erkrankung sein muss, um welche Maßnahmen zu rechtfertigen, leitet zum zweiten Gebiet, der politischen und wissenschaftlichen Kultur in unserer Gesellschaft. In diesem Bereich stellen sich zwei Hauptfragen mit Relevanz für die Corona-Dynamik:

1. Gibt es eine Gewohnheits-Verhältnismäßigkeit von Krankheitsschwere zu Maßnahmenberechtigung und wer hat die Autoriät diese anzupassen? Weiter gefragt: Wie schwer muss eine Erkrankung - oder allgemeiner eine Gefährdung sein-, um welche autoritäre Abweichung von individueller mündiger Entscheidungsfindung zu rechtfertigen?

2. Wie definieren wir unseren Wahrheits-Goldstandard? Welchen Erkenntnismethoden möchten wir als Gesellschaft so vertrauen, dass wir ihre Ergebnisse als Wahrheit anerkennen? Und wie findet Kommunikation darüber statt? Die Kultur, die in den letzten Jahren Raumgewinne reklamiert hat, unkritisch "Studien" als Wahrheit anzunehmen, hat durch die aktuellen Diskurse Rechtmäßigkeit dieses Anspruchs verloren, da die Publikationen ein Flair bekommen haben, machtpolitisch, instrumentell oder mehr als Mittel, denn als Zweck benutzt worden zu sein. Auch Expertenmeinungen werden relativiert, wenn es einfach ist, andere Experten zu finden, die anderer Meinung sind. Die Suche nach einer tragenden Antwort wird ein Prozess bleiben und in der Qualität ihres Ergebnisses stark von der kollektiven Fähigkeit zu kritischem, mündigen Denken und demokratischer Toleranz für andere Meinungen abhängen.

Die beiden aufgeworfenen Fragen rechtfertigen jeweils eine Besprechung in einem wesentlich größeren Rahmen und um eine endgültige Antwortfindung kann es in diesem Text nicht gehen. Es soll nur der Hinweis gegeben werden, dass jeder Zentimeter Abstand, der gefordert wird und jeder Besuch, der einem einsamen Angehörigen abgestattet wird, auf diese Fragen zurückgeführt werden kann. Jeder Mensch ist selbst darauf zurückgeworfen, sich mit diesen Fragen zu konfrontieren und jeden Tag immer wieder Antworten darauf zu finden.

Im Alltag der letzten Monate wurden zwei Hauptproblemmuster bezüglich der Beantwortung dieser Fragen offenbar. Das erste Muster waren Fälle, bei denen es beim Einzelnen zu Konflikten kam zwischen einer oder mehreren der abstrakten Antworten und/oder zwischen einer oder mehreren konkreten Handlungen, was wohl weitgehend an der scheinbaren Komplexität und Energie des Prozesses und an überforderten Orientierungsfähigkeiten lag. Es mangelte mit anderen Worten enorm an Stringenz und Integrität in verschiedenen Situationen und im Zeitverlauf, was die Haltung zum Umgang mit einem neuen Sachverhalt anging.

Dabei ist es ein normaler und gewöhnlicher Vorgang, seine Bewertungen ständig anzupassen, mit jedem Gedanken, jedem Gefühl, jeder Erfahrung. Man kommt gar nicht umhin, sich dergestalt fortwährend in seiner Vermittlung zwischen äußerer und innerer Realität zu aktualisieren, sonst bleibt man früher oder später zurück. Allerdings führen häufige, starke und schnelle Umbewertungen zu einer Arbitrarität der individuellen Haltung und im extremen Fall zu Wahnsinn. Im Bezug auf eine gesellschaftliche Ebene ergibt sich ein dissoziales, weil nicht kontrollier- und vorhersehbares Verhalten und im Verlauf eine Desintegration des sozialen Gefüges.

Das zweite Muster waren Fälle, wo die Bewertungen auf konkreter oder abstrakter Ebene verschieden waren für verschiedene Bezugsgruppen, am häufigsten zwischen dem Selbst und dem Anderen. Das also, was einem Anderen dringend verboten wurde, konnte aufgrund eines dringenden Ausnahmecharakters eines eigenen Anspruchs oder Begehrens sich selbst, wenn auch mit Gewissensbissen, gestattet werden. Dies ist aufgrund unserer egozentrierten Weltsicht leicht nachvollziehbar, für eine gleichheitliche - und somit mittelbar auch gerechte- Lebenskultur ist das dabei weitgehend untragbar.

Die ersten beiden besprochenen Schlüsselgebiete gingen auf inhaltliche Ebenen der Corona-Dynamik ein. Das letzte Thema hingegen, die innergesellschaftlichen Konfliktlinien und deren Verschiebungen, beleuchtet eher im Hintergrund stattfindende Prozesse auf identitären und Machtebenen. Sie sind emotional enorm aufgeladen, weil das Erleben der Konflikte sehr selbstwertnah stattfindet. Auf diesen Ebenen finden Infomationsverarbeitungen statt, die sehr basale, animalische oder psychoanalytisch gesehen Es-nahe Inhalte zu einer deep story verarbeiten und die das Gerüst bilden, anhand dessen sich oberflächlichere Bewusstseinsebenen ein möglichst integres Ich- und Weltbild zusammendenken und -fühlen.

Obwohl jeder Anspruch auf strenge wissenschaftliche Methoden es sehr schwierig und aufwendig erscheinen lässt, die Beziehungen, ihr Machtverhältnis und dessen Dynamik präzise und eindeutig zu beschreiben, sind einige Entwicklungen dem gesunden Menschenverstand leicht zugänglich. Die offensichtlichsten Verschiebungen finden dort statt, wo Geld fließt oder politische Rechte gewonnen oder verloren werden.

Im Rahmen der politischen Anpassungen an die Pandemie-Situation gewinnen offensichtlich große Teile der Medizinbranche, die exekutiven Teile der Politik, der Online-Handel, Erwerbsarbeitende im nachrichtenschaffenden und -berichtenden Gewerbe und viele Menschen in eher etablierten Beschäftigungsverhältnissen, wohingegen Selbstständige, Künstler, Dienstleister in kulturellen Begegnungsräumen oder mit viel menschlicher Nähe und viele eher prekär beschäftigte Arbeitnehmer Macht und Machtchancen verloren haben und weiter verlieren.

Politische Legitimation hat wie in den meisten Krisenzeiten das bereits bestehende Establishment gewonnen, wohingegen mittefernere Positionen drastisch an Zuspruch verloren haben, beides leicht nachzuvollziehen an den Umfragewerten der Parteien im Verlauf der letzten Monate.

Gut nachvollziehbar sind auch strukturelle Veränderungen, die sich in übergeordnete und längerfristige Trends einordnen wie eine kulturelle Verschiebung hin zu kognitiver Kontrolle, Zivilisiertheit, Individualisierung, zwischenmenschlicher Distanz und Digitalisierung von Interaktion, die für Zeiträume über Jahrhunderte gut beobachtet und beschrieben sind.

Daneben gibt es aber auch essayistischere Verschiebungen, also solche, die noch weniger belegbar, aber dafür umso mehr zu diskutieren sind. Am offensichtlichsten davon wiederum eine Benachteiligung des urbanen gegenüber des dörflicheren Wohnraums durch Einschränkungen von Aktivitäten, Räumen oder Umgangsformen, die eher von großstädtischen Menschen gepflegt werden.

Uneindeutig ist auch die Linie, entlang derer die Generationen sich miteinander auseinandersetzen. Es steht außer Frage, dass die jüngeren Generationen die großen Verlierer von Chancen, Möglichkeiten und Freiheiten sind, wohingegen ältere Menschen eher Einflussmöglichkeiten gewinnen - und sei es alleine, dass sie bestimmen können, wer sich im Namen ihrer Gesundheit wie verhalten darf und wie nicht. Gleichzeitig bleibt ein gewisser Eindruck, dass es gerade in diesem Bereich eine Differenz gibt zwischen jenen die gewinnen, und denen, die dieses Verhältnis argumentativ nutzen. Mitunter fühlen sich ja gerade Alte bevormundet von subjektiv wohlwollenden jüngeren Angehörigen. Wahrscheinlich ist eine Generationenlinie also praktisch sogar komplett zu unscharf, um ihr Gewicht zu geben. Mindestens müsste sie viel weiter in die spezielleren Submilieus nachverfolgt werden.

Soziale Akteure, ob einzelne Menschen oder ganze Gesellschaften, die Prozesse der Konfliktaustragung weniger nach außen, sonder mehr nach innen verlagern, haben stets mannigfaltige solcher quantitativer Pegel zwischen zwei Polaritäten, deren Ausschläge und Tarierung sie selbst unter Stress setzen. Das ist ein natürlicher Vorgang und dient als zivilisatorischer Fortschritt der Befriedung nach außen. Die Erkenntnis dieser inneren Konfliktlinien als mögliche Quelle von Wahrnehmungsfehlern ist aber wichtig, denn jeder subjektive Gewinner eines Prozesses wird diesen Prozess im Sinne einer positiven Rückkopplung unterstützen, wohingegen jeder subjektive Verlierer sich ihm entgegenstellt. Ein Mensch, der lang- oder kurzfristig das Gefühl hat, gesellschaftlich den Anschluss verloren zu haben, wird auch eher bereit sein, diese aktuelle Krise überwertig negativ und revolutionär zu sehen mit sogar starken Abdriftungsneigungen hin zu Erklärungsmodellen, die Fakten- durch Phanstasiewissen ersetzen. Ein Gegenüber jedoch, das einen selbsterlebten Gewinn aus den Verschiebungen zieht - und sei es nur durch das Vermeiden von vermuteten negativen Konsequenzen anderer Verlaufsalternativen oder auch eine Reduktion von kognitiver Dissonanz- wäre stets eher geneigt, den Prozess notfalls auch mit unlauteren Mitteln zu unterstützen.

Im Ergebnis bleibt zu sagen, dass es im medizinischen Bereich quantitative Fragen, im politischen Bereich Autoritäts- und Mündigkeitsfragen und in der Wissenschaft methodische Fragen gibt, auf die man berechtigt relevant unterschiedlich antworten kann. Dennoch scheint die aktuelle Spaltung der Gesellschaft unverhältnismäßig, was die eigentliche Spaltbreite der Antworten angeht. Dies umso mehr als noch eine Mehrheit von uns in einer sozialen, integrativen Demokratie leben möchte, die Spannungen, Kompromisse und Uneindeutigkeiten aushalten können muss, um lebendig zu bleiben.

Wir sollten überdenken, ob die tiefen ideologischen Schnittmengen zwischen Corona-Leugnern und Corona-Nichtleugnern nicht doch größer sind, als sie durch verschiedene Wahrnehmungsfehler erscheinen. Wenn wir weiterhin in einer fairen, chancenversprechenden, integrierenden Gesellschaft mit positiven Identitätsangeboten für ein breites Spektrum von Individuen leben wollen, sollten wir uns die Zeit und Energie nehmen, die Position eines Gegenübers in Tiefe zu verstehen und die gemeinsamen Lebensideen zu entdecken, statt Vorwände zu suchen, den anderen aufgrund von oberflächlichen Missverständnissen auf immer größere kognitive und emotionale Distanz zu bringen.

19:43 27.10.2020
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.

Kommentare