Herrschaft der Intelligenz

Herrscherintelligenz Obwohl unsere kogniven Fähigkeiten uns das Leben enorm erleichtern, haben sie auch viele Schattenseiten. Ein bewusster Umgang ist notwendig!
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Dieses Jahr feiert die Videoplattform Youtube ihr zehnjähriges Bestehen. Das letzte Video, das ich mir dort angeschaut habe, war eine Zusammenstellung der ungeschickstesten Unfälle des vergangenen Jahres. Meistens zeigte sich eine Kombination aus Übermut, glatten Oberflächen, viel Schwung und zerbrechlichen Körperteilen. Einige der gezeigten Beispiele taugten durchaus als Bewerbung für die Darwin-Awards, die seit etwa zwanzig Jahren die ambitioniertesten Versuche küren sich selbst aus dem gesellschaftlichen Genpool zu eleminieren. Zwischendurch dachte ich immer mal wieder darüber nach, ob derartige Videos nicht auch in der Schule gezeigt werden sollten, um die heranwachsenden Bürger schon mal vor den allerschlechtesten Ideen zu bewahren.

Später fragte ich mich dann eher wie sich derartige Verhaltensweisen konservieren konnten, da sie doch eigentlich längst ausgestorben sein müssten. Sind sie aber nicht. Noch immer versuchen Menschen von einem schrägen Dach mit Anlauf kopfvoran in einen Pool zu springen und treffen den steinernen Rand. Noch immer springen Menschen von einem Sprungbrett in einen gefrorenen Teich, dessen Eis dann leider nicht nachgibt. Intelligenz scheint nicht der entscheidende Faktor fürs Überleben zu sein.

Aber wozu ist Intelligenz überhaupt gut? Man kann sie nicht kochen, nicht auf ihr schlafen, sie nicht ins Büro zur Arbeit schicken. Im besten Fall nützt Intelligenz, um die Therorien der Quantenchromodynamik oder der Negativen Dialektik weiterzuentwickeln oder der Lösung der mathematischen Milleniumprobleme. Im schlechtesten Fall, um ein Herrschaftssystem zu etablieren, das durch seine ausufernde Komplexität eine Herrschaft durch Ausgrenzung von Wissen ermöglicht.

Ich glaube, dass die wichtigen Dinge des Lebens vom Verstand keine absonderlichen Leistungen verlangen. Jene, die anderes vorgeben, können kaum etwas Gutes im Schilde führen. Sicher verlangt jede Wissenschaft wie jede alltägliche Aussage eine gewisses Maß an Differenzierung. Aber viel zu häufig wird im Namen der notwendigen Unterscheidung ein normal zugänglicher Bereich der Erkennbarkeit verlassen, allein, um ein Herrschaftsverhältnis zu etablieren. Im Sinne von: Das verstehst du nicht? Dann muss ich wohl schlauer sein als du und folglich bestimmen, wo es langgeht. Und ohne jetzt die Christenheit als Quelle der Weisheit darstellen zu wollen, bereits in der Lutherbibel steht: Eure Rede aber sei: Ja, ja, nein, nein. Was auch bedeutet, eure Rede sei nicht: Ja, nein, vielleicht, fragen wir mal einen Expertenprofessor, ob der DAX gut steht und ausreichend Humankapital zur Ich-AG geronnen ist.

Ein Beispiel. Beim Sport der Hochschule habe ich eine junge Lehrerin kennengelernt, die an Geistesschärfe, Eloquenz und Radikalität die allermeisten von uns weit hinter sich lässt. Mehrere Gespräche durfte ich verfolgen, bei denen ihren Gesprächspartnern absolute Ahnungslosigkeit nachgewiesen wurde. Was bezaubernd klingt, birgt ein kaum zu beseitigendes Problem jedes sozialen Zusammenlebens, nämlich, dass der Stärkere den Schwächeren verprügeln kann, wenn er will. Oder der Schlauere den Dümmeren. Zu mindestens diskursiv. Jener Lehrerin traue ich zu, dass sie in einem Streitgespräch gegen jeden Widerstand durchsetzt, dass uns die Sonne kühlt und der Mond als imperialer Militärstützpunkt der Azteken installiert wurde. Das scheint witzig zu sein, ist es aber nicht. Kein Mensch darf gezwungen werden, geistige Zusammenhänge anzuerkennen, die er nicht versteht. Und erst recht nicht, sich aufgrund dieses Nichtverständnis, das häufig genug auf betrügerischen Intentionen fußt, einem anderen Willen zu unterwerfen.

Herrschaft durch Wissensausgrenzung funktioniert astrein. Ist aber nicht legitim. Eine akademische Clique, die sich mit Ihrem Wissen in einem durch ihre unverständliche Sprache errichteten Arkanzirkel verbarrikadiert, bricht mit Grundprinzipien des fairen Zusammenlebens, lebt von wie Bertolt Brecht es genannt hat, Erpressung. Ein Finanzsystem, in dem man zur korrekten Begleichung der Steuerschuld einen spezialisierten Experten konsultieren muss, hat den Kontakt zu seiner sinntragenden Basis verloren. Es dient nur noch dazu die Enteignungpraktiken der herrschenden Ökonomen zu verschleiern. Eine Arbeitswelt, die durch die aalglatte unsichtbare Hand des Marktes strukturiert wird, entbehrt jeder Legitimation, da unsichtbare Mechansimen aus Ihrer Natur heraus nicht zu Rechtfertigungen taugen. Eine umgekehrte Rechtfertigung aus dem hochkonkurrenzfähigen Produktionsergebnis, also aus dem kollektiv erwirtschafteten Reichtum heraus, versucht lediglich durch Verkehrung von Sinnzusammenhängen ihre Sinnlosigkeit zu verschleiern. Ein Rechtssystem, das durch seine überbordende Komplexität es den Bürgern nicht mehr ermöglich adäquat ihre Rechte wahrzunehmen, ist zu einem Unterdrückungsapparat degeneriert. Eine wissenschaftliche Koryphäe, die ihre Forschung, deren Ursachen und Folgen nicht verständlich erklären kann oder will, handelt antidemokratisch. Wie soll ein demokratisches Souverän, das nicht ausreichend informiert wird, entscheiden und regieren? Kann es nicht. Und tut es nicht. Das Souverän rutscht auf dem Gesicht über den gewachsten Boden und filmt sich dabei. Erkennt dabei aber im Gegensatz zu seinen Unterdrückern wenigstens: Auch Einfachheit kann begeistern. In diesem Sinne: Lasst und mehr Menschlichkeit und Freiheit von Herrschaft wagen!

15:16 22.05.2015
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